Aktuelle News von Julia Fischer

35-jährige Drylands-Verrückte, die Frank kurz nach der Gründung des Vereins kennen und lieben gelernt hat... ? Fester und unumstößlicher Teil des Projekts!

Wir beten, trauern und hoffen

Unsere Mädchen beten für die Opfer und ihre Angehörigen Unsere Mädchen beten für die Opfer und ihre Angehörigen

Zwei Tage nach den Bombenanschlägen wurde nun in Sri Lanka der Notstand ausgerufen und wenn man auf einmal selbst so unmittelbar mit diesem Begriff konfrontiert ist, stellt man fest, dass man gar nicht richtig weiß, was das bedeutet. Google und Wikipedia können Abhilfe leisten, aber fernab der sachlichen Definitionen empfindet man die aktuelle Situation auf emotionaler Ebene ganz, ganz anders...

So gehen mir momentan sehr viele Dinge durch den Kopf, auf die ich keine Antwort finde und die mich beschäftigen. Allen voran natürlich die Frage nach dem Warum. Wie können Menschen so grausam sein und für die eigenen Interessen (welche auch immer das sein mögen) so viele unschuldige Opfer mit sich in den Tod reißen? Diese Frage hinterlässt Fassungslosigkeit, Schweigen und Unverständnis. Nicht nur bei mir, sondern auch bei unseren Mädchen, dem Personal und allen anderen Menschen, mit denen wir hier zu tun haben. Man sieht es in ihren Gesichtern - etwas darin hat sich seit Sonntag verändert, auch wenn man es nicht richtig greifen kann. Hier im Angels Home halten wir uns mit den aktuellen Nachrichten auf dem Laufenden, das Telefon klingelt ununterbrochen. Doch wie erklärt man den Mädchen wirklich, was da gerade passiert? Wie begreift man das Unbegreifliche? 

Der heutige Tag wurde von der Regierung zum offiziellen Tag der Trauer ernannt. Heute morgen haben wir mit allen Mädchen und dem Personal die 3 Schweigeminuten abgehalten, zu denen ganz Sri Lanka aufgerufen wurde. Es ist ein überwältigendes Gefühl, wenn auf einmal die ganze turbulente, sonst so fröhliche Kinderheim-Welt den Atem anhält, um gemeinsam mit ihrem Volk zu trauern und sogar die Kleinsten verstehen, dass Lachen und Quatschen irgendwie gerade nicht angesagt ist. Den Großen rollen ein paar Tränen über die Wangen und man fragt sich, was in ihren Köpfen vor sich geht, wie sie das Ganze bewerten und einordnen, was sie in den letzten 2 Tagen gehört haben.

 Es ist schwierig, die Glaubwürdigkeit verschiedener Schlagzeilen einzuschätzen und sich ein einigermaßen reales Bild von den Vorkommnissen zu machen. Wie sehr unsere Nachrichtenwelt auf Action und Sensation aus ist, durften wir am Sonntag selbst erfahren. Am Nachmittag erhielten wir einen Anruf vom ZDF, die uns über das Internet ausfindig gemacht haben. Man wollte wissen, ob wir in irgendeiner Form von den Anschlägen betroffen seien bzw. was wir überhaupt dazu sagen können. Der Hinweis darauf, dass wir hier ein Kinderheim mit 60 Mädchen haben, für die das aktuelle Geschehen nur schwer zu begreifen ist und dass wir natürlich alles aktuell im Fernsehen verfolgen und hier viele Anrufe bekommen, schien dem Reporter vom ZDF nicht ausreichend zu sein, um nicht zu sagen, nicht tragisch genug. Er fragte mich daraufhin, ob wir denn nicht jemanden kennen, der in der Kirche war, als der Anschlag passierte oder ob man bei uns nicht wenigstens Sirenen von Krankenwagen hört, die vorbeifahren. Damit war das Gespräch für mich beendet und der Glaube in eine seriöse Berichterstattung erloschen. Für wen bitte ist Sirenen-Geheul wichtiger als 60 besorgte Kinderseelen?

Auch heute noch erreichen uns kontinuierlich Nachrichten, Emails und Anrufe von besorgten Menschen, die wissen wollen, ob es uns gut geht. Wir können alle beruhigen: Niemand aus unserem Angels Home ist durch die Anschläge zu Schaden gekommen und wir fühlen uns hier in unserem kleinen Kinder-Paradies auch ziemlich sicher. Man lebt hier wie in einer Seifenblase, die nur durch Einflüsse von außen zu platzen droht. So zum Beispiel, wenn Lenas Mama völlig aufgelöst hier anruft, weil sie ihre Tochter nicht über WhatsApp erreichen kann und sich Sorgen macht, ob es ihr gut geht. Solange man das Angels Home nicht verlässt oder sich nicht zu intensiv mit den Meldungen von außerhalb beschäftigt, kann man sich fast der Illusion von Normalität hingeben.

Dass hier jedoch absolut nichts normal ist, wurde mir persönlich gestern Abend bewusst, als Frank und ich nochmal in Marawila zum Einkaufen waren. Die Menschen haben uns auf eine andere Art und Weise angesehen als sonst - irgendwie besorgter, mitfühlender. Wir wurden sogar gefragt, weshalb wir noch hier sind und ob wir nicht zum Flughafen fahren wollen. Mich fragte ein junger Mann, ob mit mir alles in Ordnung sei oder ob ich Hilfe benötige. Im Supermarkt stellten wir ziemlich schnell fest, dass wir wohl irgendwie zu spät dran waren. Die meisten Regale waren bereits leer gekauft, Obst und Gemüse waren kaum noch vorhanden. Die Menschen standen in Schlagen an der Kasse, ausgestattet mit Reis, Linsen und anderen Trockenrationen, die man lange lagern kann. Um kurz vor sieben bat man uns zur Kasse, da der Laden, der sonst bis 22 Uhr geöffnet hat, gleich schließen würde. Die Ausgangssperre und der ab Mitternacht bestehende Ausnahmezustand rückten näher und dies merkte man überall. In der Bäckerei hat man mir die letzten Brote vor der Nase weggeschnappt und an den Tankstellen war großer Andrang. Also machen auch wir uns schnell auf den Heimweg in unsere sorgenfreie Seifenblase.

Und nun? Wie geht es weiter? Diese Frage stellt sich hier momentan jeder und alle hoffen dabei auf die baldige Rückkehr der Normalität. Wenn alles gut geht, kann ein Großteil unserer Mädchen ab morgen wieder zur Schule - lediglich die katholischen Schulen bleiben noch bis nächste Woche geschlossen. Wir alle hoffen das Beste für die Zukunft und hier im Angels Home schließen wir alle Opfer und deren Angehörige auch weiterhin in unsere Gebete mit ein. Möge der Terror genauso schnell wieder beendet sein, wie er gekommen ist!

Wir danken euch allen für die Anteilnahme und senden hoffnungsvolle Grüße aus dem Angels Home,

Frank, Julia, Lena und die Mädchen. 

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Mögen die Spiele beginnen!
Acht Bombenanschläge am Ostersonntag in Sri Lanka.

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