Mittendrin statt nur dabei.

Über unseren Blog „Mitten im Geschehen“ bleibt ihr täglich auf dem Laufenden über alles, was im Angels Home for Children in Sri Lanka passiert. Sowohl Frank und Julia, unsere Projektleiter, als auch die Freiwilligen teilen hier ihre Erfahrungen – von witzigen Alltagsmomenten bis hin zu besonderen Einblicken in das Leben in Sri Lanka. Mit unseren Beiträgen möchten wir euch regelmäßig zeigen, was wir dank eurer Unterstützung mit dem Dry Lands Project e.V. für die Kinder vor Ort bewegen. Viel Spaß beim Lesen und Mitfiebern!

Sieben Wochen im Angel's Home - Gedanken zur Identitätsentwicklung

Entspannung an unserem Strand

Nun bin ich seit sieben Wochen hier und langsam hat sich eine gewisse Routine entwickelt. Trotzdem ist kein Tag gleich. Vieles passiert spontan und oft lässt sich der Alltag gar nicht richtig planen. Genau das macht die Arbeit hier aber auch spannend. Neben meinem Praktikum schreibe ich aktuell noch an meiner Bachelorarbeit. Das bedeutet, dass nicht nur die Mädchen mich manchmal ein wenig Nerven kosten, sondern auch meine Bachelorarbeit ;).

Da ich mich in meiner Bachelorarbeit mit der Identitätsentwicklung von Jugendlichen beschäftige, dachte ich mir, dass dieser Blogeintrag eine kleine theoretische Abschweifung verträgt. Die Jugendphase ist nämlich zentral für die Identitätsentwicklung. In dieser Lebensphase stellen sich viele grundlegende Fragen: Wer bin ich? Wo gehöre ich hin? Was möchte ich später einmal machen?

Zu dieser Phase gehören auch verschiedene Entwicklungsaufgaben, die Jugendliche im Prozess der Identitätsentwicklung bewältigen müssen. Dazu zählt zum Beispiel der Aufbau von Fähigkeiten für Schule oder Beruf, das Gestalten von Freundschaften und Beziehungen, der Umgang mit Freizeit und Medien sowie das Entwickeln eigener Werte und einer eigenen Haltung gegenüber der Gesellschaft. Identität entsteht dabei nicht einfach von selbst, sondern entwickelt sich über Zeit hinweg durch Erfahrungen, Beziehungen und die Lebensumstände, in denen Jugendliche aufwachsen.

Wenn man diese theoretischen Überlegungen mit der Situation der Mädchen hier vergleicht, wird schnell deutlich, dass ihre Ausgangsbedingungen ganz anders sind als die von Jugendlichen in der Schweiz. Viele unserer Mädchen wachsen von klein auf im Kinderheim auf oder kommen in einem bestimmten Alter zu uns. Sie lernen deshalb schon früh, Verantwortung zu übernehmen, nicht nur für sich selbst, sondern auch für andere Mädchen. Denn hier leben viele Kinder zusammen und dadurch entsteht eine grosse Gemeinschaft, in der sich die älteren Mädchen oft um die jüngeren kümmern.

Gleichzeitig beschäftigen viele von ihnen Fragen, die für ihre Zukunft sehr zentral sind. Was passiert, wenn sie 18 Jahre alt werden und das Kinderheim verlassen müssen? Wo werden sie dann leben? Welche Möglichkeiten haben sie für eine Ausbildung oder eine Arbeit? Und wie kann ihr zukünftiger Lebensweg aussehen? Gerade diese Fragen nach Zukunftsperspektiven spielen eine wichtige Rolle für die Identitätsentwicklung von Jugendlichen.

Auch kulturelle Unterschiede spielen dabei eine Rolle. In Sri Lanka ist das Leben stärker gemeinschaftlich geprägt, während in der Schweiz Individualität häufig mehr im Mittelpunkt steht. Entscheidungen werden hier oft stärker im Kontext der Gemeinschaft oder Familie gedacht. Dadurch verlaufen auch Prozesse der Identitätsentwicklung unter anderen gesellschaftlichen und kulturellen Bedingungen.

Was mich dabei immer wieder beeindruckt, ist die Stärke vieler Mädchen. Trotz teilweiser schwieriger Lebensumstände entwickeln viele von ihnen eine grosse Anpassungsfähigkeit, übernehmen Verantwortung füreinander und finden ihren eigenen Weg im Alltag. Zu sehen, wie sie sich gegenseitig unterstützen und Schritt für Schritt ihren Platz im Leben suchen, ist für mich sehr eindrücklich.

Identitätsentwicklung ist kein geradliniger Prozess. Sie wird stark von den Lebensumständen, Beziehungen und Möglichkeiten geprägt, die Jugendliche in ihrem Umfeld vorfinden. Egal ob hier oder in der Schweiz, die Lebensrealitäten von Jugendlichen können sehr unterschiedlich sein. Umso wichtiger sind unterstützende Beziehungen und stabile Umfelder, die junge Menschen in ihrer Entwicklung begleiten. Genau einen solchen Ort kann das Angel's Home für viele der Mädchen bieten. 

So das war's von meiner kleinen Abschweifung:)

Eure Maura

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