Nirgendwo mehr ganz zu Hause

AusgewandertAuswandern - viele denken darüber nach, wenige tun es wirklich. In dieser Serie stellen wir Menschen vor, die ihren Traum wahrgemacht haben. Heute: Julia Fischer. Die Gerthäuserin zog es nach Marawila in Sri Lanka.

Wann und warum haben Sie den Entschluss gefasst auszuwandern?

Ich glaube, dass ich das erste Mal im Februar 2008 wirklich darüber nachgedacht habe, obwohl ich da schon sechs Monate in Sri Lanka gelebt habe. Anfangs sollte es eine befristete Auszeit nach dem Studium sein, um Erfahrungen zu sammeln und etwas von der Welt zu sehen.

Ich habe jedoch schnell gemerkt, dass mein Partner Frank Lieneke und der Verein Dry Lands Project e. V. mich hier wirklich brauchen und dass ich einen kleinen Teil dazu beitragen kann, unsere Welt ein bisschen besser zu machen. Vor allem für diejenigen, die wirklich Hilfe brauchen. Es gab bei mir aber eigentlich nie wirklich den Entschluss: ,Jetzt wandere ich aus und bleibe für immer in Sri Lanka.' Dafür sind die Lebensumstände hier einfach zu unbeständig und man kann schlecht auf Dauer planen.

Wo leben Sie heute und wie?

Ich lebe in Marawila, einem kleinen Fischerort an der Westküste Sri Lankas, circa 60 Kilometer nördlich der Hauptstadt Colombo. Dort wohne ich gemeinsam mit meinem Partner Frank in einer Wohnung oberhalb der beruflichen Ausbildungsstätten, die wir im Januar dieses Jahres eröffnet haben.

Vorher haben wir lange in einem kleinen Haus zur Miete gewohnt, welches sich etwa zwei Kilometer von unserem Projekt entfernt befunden hat. Mit der neuen Unterkunft sind wir jedoch näher am Geschehen und können außerdem die Kosten für die Miete sowie für einen Sicherheitsbeauftragten auf dem Gelände sparen. Wir wohnen ungefähr 150 Meter vom Indischen Ozean entfernt und sind umgeben von zahlreichen Kokosnussplantagen.

Was machen Sie beruflich?

Frank und ich leiten gemeinsam ein Kinderheim sowie eine berufliche Ausbildungsstätte für Mädchen und junge Frauen. In unserem Angels Home for Children leben momentan 58 Mädchen im Alter von 6 bis 19 Jahren. Sie werden durch das örtliche Jugendamt an uns vermittelt und wir übernehmen dann die Komplettversorgung, das heißt, die Kinder leben, essen und lernen bei uns.

Mein beruflicher Aufgabenbereich ist sehr vielseitig und reicht von der Akquise von Spendengeldern, über Buchführung, Praktikantenmanagement bis hin zu Nachhilfe- und Freizeitgestaltung für die Mädchen. Es würde hier den Rahmen sprengen, alles im Einzelnen aufzulisten, aber Fakt ist: Es wird garantiert niemals langweilig.

Welchen Hobbies gehen Sie nach?

In meiner Freizeit lese ich sehr viel und freue mich somit immer über deutschsprachige Literatur, die mir Besucher oder Praktikantinnen mitbringen. Wenn ich meinen inneren Schweinehund überwinden kann, gehe ich hin und wieder um 6 Uhr morgens an unserer Küstenstraße joggen. Leider gibt es dafür keine andere mögliche Tageszeit, da es später durchgehend viel zu heiß ist und auch bereits gegen halb sieben am Abend dunkel wird.

Ansonsten haben Frank und ich zur Sicherheit auf unseren beiden Grundstücken (Kinderheim und Ausbildungsstätte) noch fünf Schäferhunde, die auch eine gewisse Zeit und Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen. Und für viel mehr Hobbies bleibt dann eigentlich kaum noch Zeit ...

Wie halten Sie Kontakt zur Heimat?

In unserer modernen Zeit des Internets stellt dies eigentlich gar kein Problem dar. Ein sehr enges Verhältnis und regelmäßigen Kontakt habe ich zu meiner Mutter via Skype-Chat. Da wir beide sehr flink im Tippen sind, ist das teilweise wie eine echte Unterhaltung und so fragen wir uns eigentlich fast jeden Tag wenigstens mal kurz, ob alles okay ist oder ob es etwas Neues gibt. Meine Mama freut sich sehr darüber und erwähnt gelegentlich mit einem Schmunzeln, dass sie zu mir fast mehr Kontakt hat, als zu meinen beiden Brüdern, die in der Nähe wohnen.

Auch mit meinen engsten Freunden halte ich über gelegentliche E-Mails oder Telefonate den Kontakt. Natürlich hört man auch mal längere Zeit nichts voneinander, aber ich glaube kaum, dass das so viel anders wäre, wenn ich in Deutschland lebenNirgendwo mehr ganz zu Hause
würde.

Was gefällt Ihnen an Ihrer neuen Heimat besser? Was war "zu Hause" besser/anders?

Ich würde schon mal von vornherein lieber das Wort "anders", anstatt "besser" wählen, denn in Sri Lanka ist definitiv alles anders. Beide Länder haben ihre Vor- und Nachteile und wenn ich so richtig darüber nachdenke, fühle ich mich nirgendwo so richtig zu Hause. Ein Pluspunkt meiner Wahlheimat ist auf jeden Fall die freundliche und unbefangene Art der Einheimischen, die sich bei Weitem nicht so viele Gedanken über alles machen, wie wir Deutschen.

In Sri Lanka kann man schlecht über Monate im Voraus planen, weil alles etwas länger dauert. Diese Gelassenheit gewöhnt man sich schnell an, sie kann in bestimmten Situationen aber auch sehr anstrengend sein, wenn man zum Beispiel bürokratische Hürden überwinden muss oder mal etwas schnell gehen soll. Da wünscht man sich zwischendurch schon mal die deutsche Pünktlichkeit und Ordnung zurück. Was das Essen betrifft, vermisse ich sowohl die deutsche, als auch die singhalesische Küche, wenn ich längere Zeit im jeweils anderen Land bin.

Was vermissen Sie in der neuen Heimat?

Die meisten Leute glauben immer, dass es hauptsächlich Personen oder Beziehungen sind, die man vermisst. Bei mir sind es jedoch eher Gerüche, Geschmäcker, Gefühle oder kulturelle Möglichkeiten, die mir fehlen. So würde ich beispielsweise gerne nachts einfach mal mein Kopfkissen umdrehen, um die kühle Seite zu genießen, wie man das in Deutschland kann.

Oder im Winter das knirschende Geräusch unter den Schuhen spüren, wenn man durch tiefen Schnee läuft. Außerdem kann man bei uns in Marawila nicht viel unternehmen und so vermisse ich zum Beispiel Theaterbesuche, lange Waldspaziergänge bei frischer Luft oder Einkaufsbummel, ohne angestarrt zu werden.

Sind Sie am Anfang in irgendwelche "Fettnäpfchen" getreten?

In Sri Lanka wird das landestypische Rice & Curry mit der Hand gegessen. Da ich Linkshänderin bin, war es für mich anfangs eine prägende Erfahrung, dass man auf keinen Fall die linke Hand zum Essen benutzt, da diese als "unrein" gilt und auch für andere körperliche Angelegenheiten benutzt wird.

Nach einigen entsetzten Blicken und Franks Erklärung dazu habe ich das jedoch schnell gelernt, sodass ich mittlerweile gar nicht mehr mit der linken Hand essen könnte. Was ich anfangs auch erst lernen musste, war die doch eher bedeckte Kleiderordnung für Frauen. Gerade bei uns im weniger touristischen Gebiet schickt es sich einfach nicht, im Minirock und mit tiefem Ausschnitt auf die Straße zu gehen, erst recht nicht, wenn man in einem Kinderheim für Mädchen arbeitet.

Haben Sie Ihren Schritt auszuwandern je bereut? Wenn ja, warum, wenn nein, warum?

Julia Fischer umringt von den Mädchen aus dem Angels Home for Children in MarawilaNein, ich würde nicht sagen, dass ich es je bereut habe, in Sri Lanka anstatt in Deutschland zu leben. Wer freut sich nicht über tropisches Klima und Meeresrauschen? Das Einzige, worüber ich mir natürlich häufiger Gedanken mache, ist die Frage danach, wie meine Zukunft aussieht.

Es ist eine riesige Verantwortung, die Frank und ich dort in den letzten Jahren übernommen haben und man kann sich eben nicht einfach irgendwann einen anderen Job suchen, wenn man die Nase voll hat. Es gibt Kinder in unserem Angels Home, die uns mittlerweile wie eigene ans Herz gewachsen sind und die in uns ihre einzig stabilen Bezugspersonen sehen. Es wäre schwierig, sich irgendwann davon zu lösen.

Können Sie sich vorstellen, jemals wieder nach Hause zurückzukehren?

Eigentlich kann ich mir momentan nicht richtig vorstellen, wieder in Deutschland zu leben. Einerseits bin ich dafür viel zu sehr in unser Projekt in Sri Lanka eingebunden und andererseits fühle ich mich auf Dauer in Deutschland auch nicht mehr heimisch, auch wenn ich gelegentliche Urlaube natürlich sehr genieße.

Aber man soll ja niemals nie sagen, vielleicht verschlägt es mich irgendwann doch wieder zurück. Allerdings würde ich dann sicher nicht in der Rhön wohnen, sondern eher in einer größeren Stadt wie Erfurt oder Hamburg, wo es verschiedene Kulturen und Menschen aus aller Welt gibt.

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