Geschichten, die einem keiner glaubt.


Ende Januar haben wir im Angels Home Zuwachs von den beiden Schwestern Theekshana und Sewmini bekommen – zwei sehr offene und freundliche Mädels, die stets ein Lächeln auf den Lippen haben.

Aufnahmegrund für die Beiden war eine überforderte schwangere Mutter, die keine Unterstützung mehr vom Vater der Mädchen erhält und bereits ein älteres Mädchen zur Pflege in andere Hände freigegeben hat. Insgesamt haben ihre 5 Kinder (das letzte Kind wurde mittlerweile auch geboren) drei verschiedene Väter. Soviel zu den offensichtlich asozialen Familienverhältnissen, aus denen diese Mädchen stammen. Doch mein Text hätte nicht diese Überschrift bekommen, wenn es nicht noch krasser gehen würde.

Während einem ihrer ersten Besuche bei uns im Kinderheim, schaute ich der Mutter ins Gesicht und dachte mir so: „Irgendwie kommt sie mir bekannt vor.“ Wenig später sagte mir unsere Matron Judith, dass die Frau im Gespräch mit ihr erwähnt hat, dass sie schon einmal ein Kind bei uns untergebracht hätte… Wie bitte??? Kaum ausgesprochen, merkte sie wohl schnell, dass dies nun keine gute Idee gewesen ist, aber wie ihr sicherlich schon erkannt habt, gehört Intelligenz auch nicht gerade zu ihren Stärken. Wie auch immer – schnell war klar, dass es sich bei der Frau um die lange verschollen geglaubte Mutter von unserem ehemaligen Mädchen Wathsala handelte und unsere beiden fröhlichen Hüpfer ihre Schwestern sind.

Piumi WathsalaWathsala kam im Jahr 2012 in einem Alter von 6 Jahren zu uns. Nach erneuter Recherche weiß ich heute, dass sie exakt 10 Tage nach der Geburt der kleinen Theekshana zu uns gebracht wurde, die kürzlich bei uns ihren 7. Geburtstag feierte. Vermutlich war die Mutter damals schon überfordert. Wathsala war ein tolles Kind und hat als damaliges Nesthäkchen mit kurzzeitigem Kindergarten-Besuch die Herzen der Angels im Sturm erobert. Sie war süß, aufgeweckt und clever – man musste sie einfach gernhaben. Umso schlimmer war für uns ihr Abgang; nach nicht mal einem Jahr wurde sie von ihrer Mutter in die Ferien nach Hause geholt (wo immer das eigentlich war) und kam nie mehr zu uns zurück. Monatelang machten wir wieder und wieder Meldungen beim Jugendamt und der örtlichen Polizei und baten darum, dass intensiv nach dem Kind gesucht wird. Immerhin war damals schon klar, dass die Lebensverhältnisse der Mutter nicht die besten sind. Keiner fühlte sich jedoch recht verantwortlich und man schien sich damit zu trösten, dass das Kind ja immerhin bei seiner Mutter sei. Wir konnten und wollten das damals einfach nicht verstehen, doch trotzdem waren uns die Hände gebunden und irgendwann gaben wir die Bemühungen schließlich auf. Ohne jeglichen Anhaltspunkt oder irgendwelche Auskünfte vom Jugendamt hätten wir uns schlecht selbst auf die Suche begeben können.

Nachdem wir nun kürzlich herausgefunden hatten, dass Wathsalas Mutter scheinbar wieder aufgetaucht ist, haben wir das natürlich gleich dem Jungendamt gemeldet. Interessant ist, dass die Behörde bis dahin selbst nicht wusste, wer diese Frau tatsächlich ist. Nun wussten wir auch, dass es sich bei dem älteren Kind, welches sie in Pflege gegeben hatte, offensichtlich um Wathsala handelte. Natürlich wollten wir wissen, wie es dem Mädchen heute geht und wo sie untergebracht ist, doch das Jugendamt konnte uns dazu bisher angeblich keine Auskünfte geben.

In Sri Lanka regeln sich viele Sachen irgendwann von selbst und so kam es, dass zum heutigen Besuchssonntag nicht nur die Mutter, sondern auch 2 ältere Damen mit unserer Wathsala vorm Tor standen. Was für eine Sensation! Es dauerte nicht lange und auch unsere älteren Mädchen, die schon lange da sind, wussten darüber Bescheid, wer hier gerade zu Besuch gekommen ist und schon war Wathsala umzingelt von unseren Mädels. Im Büro fragte ich sie mit unserer Matron Judith, was eigentlich damals geschehen war bzw. an was sie sich noch erinnern kann. Sie sagte uns, dass sie nach den Schulferien sehr gerne wieder zu uns zurück wollte, doch ihre Mutter hätte sie sowie ihre beiden Schwestern Sewmini und Theekshana mit nach Rambukana in ihren Heimatort genommen, wo sie mit den Kindern bei verschiedenen Freunden und Bekannten untergetaucht ist. Während dieser Zeit ist sie erneut von einem Mann schwanger geworden und weil dieser das Kind nicht wollte, hat sie es kurz nach der Geburt zur Pflege in einer anderen Familie untergebracht (oder vielleicht auch einfach dort gelassen) und ist daraufhin wieder zurück in unsere Gegend gekommen. Hier arbeitete sie erneut in einer Ziegelfabrik und freundete sich durch Zufall mit einer älteren Dame an, die ganz in der Nähe lebte und die sie gelegentlich mit ihren Kindern zum Essen einlud. Die Ältere fand schnell heraus, dass die größte Tochter nicht regelmäßig zur Schule geht, weil sie stattdessen bei der Frau vom Besitzer der Ziegelfabrik das Haus putzt. Als sie der Mutter klarmachen wollte, dass dies nicht gut für Wathsala sei, sagte diese nur: „Dann kümmere du dich doch um sie!“ Weil das Mädchen der Frau so leidtat, sorgte sie dafür, dass Wathsala bei ihrer Schwägerin unterkam. Ihr Mann, der aus einer reichen Familie stammte, war bereits gestorben und allein fühlte sie sich nicht in der Lage, angemessen für ein Kind zu sorgen. Die Schwester ihres Mannes war zwar noch älter, lebt jedoch gemeinsam mit ihren 3 wohlhabenden Kindern in einem Haus, die sich zusammen um Wathsala kümmern.

Die heute 13 jährige Piumi Wathsala zu Besuch bei Julia und FrankSo stand heute eine recht selbstbewusste 13-jährige Wathsala vor uns, die sich noch ein bisschen an das Leben im Kinderheim erinnern konnte. Sie sagte, dass es ihr bei der alten Dame und ihren Kindern sehr gut geht und dass sie in der Schule ganz gute Ergebnisse erzielt. Die beiden alten Damen, die also Schwägerinnen sind, waren auch bei uns im Büro und trotz ihrer Schwerhörigkeit überraschte mich Wathsalas Ersatz-Oma mit perfektem Englisch, guten Manieren und einer Einstellung, die man nur bewundern muss. Sie kümmert sich um das Mädchen als wäre es ihre eigene Tochter und tut alles für eine gute Schulbildung. Ihre Schwägerin kümmert sich noch immer hin und wieder um Wathsalas Mutter, die einen launenhaften Lebenswandel pflegt und sich schnell auf neue Männer einlässt. So kam es auch, dass sie dafür gesorgt hat, dass Sewmini und Theekshana in einem Heim untergebracht werden. Dass es ausgerechnet wir waren, wo die Mädels schließlich gelandet sind, war reiner Zufall. Das Kind, welches bei der Aufnahme der Beiden im Januar noch im Bauch war, lebt mittlerweile auch in einer Pflegefamilie und die beiden älteren Damen reden viel auf die Mutter ein, damit sie sich nicht bald schon wieder von einem neuen Mann schwängern lässt. Judith und ich haben ihnen vorgeschlagen, ihr die Anti-Baby-Pille einzuflößen, ohne dass sie es merkt. Ich habe den beiden älteren Frauen meine Anerkennung ausgesprochen und mich für ihre Fürsorge bedankt – das ist in Sri Lanka wirklich nicht selbstverständlich.

Und so geht wieder mal ein Besuchssonntag mit einer unglaublichen Geschichte zu Ende und was bleibt, sind zwei Schwestern, die heute das erste Mal bewusst ihre ältere Schwester kennengelernt und vielleicht ansatzweise verstanden haben, was ihre Mutter für ein Mensch ist. Trotzdem stehen sie weinend am Tor und winken, als Wathsala und die drei Frauen wieder verschwinden. Zum Glück gibt es viele andere Mädchen, die mit ähnlichen Geschichten bereitstehen und sie als Freundinnen tröstend in die Arme nehmen.

Nachdenkliche Grüße,

Julia.