Wie Rollen sich verändern können


Seit Anfang Oktober bin ich wieder zurück in Sri Lanka. Meine Wohnung und mein Leben in Deutschland habe ich wieder aufgegeben, da es einfach zu schwer war, Beides miteinander zu vereinbaren und meinem Aufgabenbereich im Projekt noch immer gerecht zu werden.

Seit Anfang Oktober ist Julia Fischer wieder in Sri Lanka.Außerdem war die Spendenakquise in Deutschland nicht so erfolgreich wie wir es uns erhofft hatten und somit war es natürlich auch eine finanzielle Frage. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass viele Menschen sehr skeptisch sind, wenn es um die Vergabe von Spenden geht und bei den Unternehmen ist es meist so, dass eher lokale Projekte unterstützt werden und dass es sehr schwer ist, hier einen Fuß in die Tür zu bekommen. Wie auch immer – wir werden diesbezüglich nicht aufgeben und uns auch weiterhin bemühen, Sponsoren für unsere Arbeit zu finden. Zum Glück haben wir ja bereits viele liebe Menschen, die uns regelmäßig unterstützen und dafür sind wir sehr dankbar.

Nun bin ich also wieder hier, doch auch die Arbeit im Angels Home verändert sich für uns mit dem Lauf der Jahre. Es wird „professioneller“, distanzierter und natürlich auch routinierter. Allein in den letzten 2 Jahren haben wir 31 neue Mädchen bei uns aufgenommen, denen die „alten“ vorher Platz gemacht haben. Seitdem Hiruni im August ihre Prüfungen für den höheren Schulabschluss absolviert hat und anschließend erstmal zu ihrer Tante gegangen ist, haben wir auch das letzte unserer ersten 20 Mädchen in eine eigenständige Zukunft entlassen. Noch heute sehe ich mich und Frank mit ihnen allen durch den Garten des alten Kinderheims toben, wo wir 2006 mit 2 Mädchen begonnen haben und langsam zu einer Großfamilie heranwuchsen. Hier wurde noch jeder Kindergeburtstag gefeiert und für uns gab es noch kein Büro, sodass wir jeden Tag im direkten Kontakt zu den Mädchen standen, wenn diese aus der Schule zurückkamen.

Manchmal sehne ich mich zurück zu dieser Zeit, wo alles noch näher und emotionaler war, doch auch die neue Ära hat seine Vorzüge. Man lässt nicht mehr alles so sehr an sich heran und baut keine zu intensiven Beziehungen zu den Kindern mehr auf. Mittlerweile ist es okay für mich, wenn unsere Mädchen das Angels Home verlassen. Dabei kann ich mich noch gut erinnern, wie traurig ich war, als wir das erste Mal ein Mädchen wieder gehen ließen. Hätte ich bei jedem Auszug so viele Emotionen hineingelegt, wäre ich längst daran zerbrochen. So wächst man mit seinen Aufgaben und so wurde das Angels Home zu einer gut funktionierenden Institution mit 58 Mädchen, 12 einheimischen Angestellten, 4 externen Lehrern und regelmäßigen Praktikantinnen aus Deutschland. Jeder hat seine festen Aufgaben und die Mädchen orientieren sich an einem festen Tagesablauf, der so gut strukturiert ist, dass alle genügend Zeit haben zum Wäschewaschen, Lernen, Beten, Spielen und Helfen bei der täglichen Hausarbeit. Da bleibt kaum Zeit für Abweichungen und außerplanmäßige Aktivitäten, aber für die Mädchen ist das gut. Die festen Zeiten geben ihnen Halt und Orientierung – Selbstverständlichkeiten, die sie aus ihrer Kindheit vor dem Angels Home nicht kennen.

Bild2Natürlich bleibt noch immer hier und da ein wenig Zeit, um mit den Mädchen zu scherzen, ihnen bei den Hausaufgaben zu helfen oder mal eine Runde Volleyball mit ihnen zu spielen. Dennoch ist es anders als früher. Mittlerweile habe ich mich auch damit abgefunden, für die Mädchen keine Haupt-Bezugsperson zu sein. Natürlich sind Frank und ich die Einzigen, die von Anfang an immer noch hier sind und das merken die Mädchen – keine Frage. Trotzdem fällt es ihnen immer noch schwer, sich mit Problemen an uns zu wenden oder gar ihre Gefühle zu zeigen. Hier scheitert es an der Muttersprache, an der Mentalität und Kultur – Dinge, die man nicht unterschätzen darf und die auch nach so vielen Jahren noch immer eine unüberwindbare Hürde sind.

Umso wichtiger ist die Arbeit mit dem Personal, das für die Mädchen ein Mutterersatz sein soll und sie nach unseren Vorstellungen erzieht. Das klappt leider nicht immer und schon allein deshalb ist es wichtig, dass wir hier eine „übergeordnete“ Rolle einnehmen, mit der wir Erziehungsmaßstäbe setzen und Ratschläge geben.

Mit Anne und Dishna, zwei unserer ersten Schützlinge im Angels HomeIn vielen Bereichen macht es Sinn, dass Frank und ich sozusagen als oberste Instanz vom Büro die Strippen ziehen und aufpassen, dass jeder seine Aufgaben erfüllt und alles seinen geregelten Gang geht. Leicht ist das nicht immer, denn so manches Mal kann man sich das Lachen nicht verkneifen, wenn man den Mädchen eigentlich gerade eine Standpauke halten möchte. Genauso gibt es aber auch andere Situationen, wo ich aufpassen muss, dass die Emotionalität nicht mit mir durchgeht und ich vor den Mädchen oder dem Personal nicht zu weinen anfange. Man muss ziemlich hart sein in diesem Job und das muss man ohne Zweifel erst lernen. Aber es geht und es macht viele Bereiche leichter – vor allem für einen selbst.

Momentan bin ich noch immer dabei, die vielen neuen Mädchen kennenzulernen, die in den letzten Monaten zu uns gekommen sind. Jedes Kind ist einzigartig, hat andere familiäre Hintergründe, Sorgen, Wünsche und Ängste. Manchmal ist es gar nicht so einfach, in den wenigen freien Minuten am Tag, die uns noch bleiben, ihre Einzigartigkeit zu erkennen und ich habe das Gefühl, dass einige unserer Praktikantinenn speziell die neuen Mädchen besser kennen als ich. Aber das wird sich legen, denn für meinen persönlichen Anspruch an dieses Kinderheim ist es mir noch immer ein Bedürfnis, jedes Mädchen mit seinen Eigenarten, Stärken und Schwächen zu kennen, auch wenn man vielleicht nicht immer die Zeit hat, sich intensiv mit ihnen zu beschäftigen. Und so warten auch hier wieder neue Herausforderungen, sodass es im Angels Home garantiert niemals langweilig wird!