Hallo Veränderung! Hallo Chance!


Urlaub Süden 2017Ich sitze auf meinem Bürostuhl und schaue aus dem Fenster. Spielzeit, 17 Uhr, buntes Treiben im Angels Home und eine fröhlich-kindliche Lautstärke, bei der ich ohnehin nicht mehr arbeiten kann. Ich beobachte die Mädchen in ihrer Ausgelassenheit, in ihren Bewegungen und in ihrer Individualität. Jede ist anders, jede ist einzigartig, jede etwas Besonderes. Und jede von ihnen wird mir fehlen!

Ich schaue zu Frank hinüber und erkenne sofort an seinem Blick, dass er weiß, was in mir vorgeht. Dennoch fällt es ihm schwer, etwas zu mir zu sagen, mich aufzubauen, mir gut zu zu reden. Warum sollte er auch? Es ist meine Entscheidung, ganz allein meine und das ist auch gut so.

Aufstieg 3 von 8 Adamns Peak 2012Die Gerüchteküche brodelt bereits auf Hochtouren. Erstaunte Emails und überraschte Nachrichten in den sozialen Netzwerken: „Stimmt das?“ „Ist es wirklich wahr?“ „Aber warum denn?“ Es wird also Zeit, dass ich etwas Klarheit schaffe.

Ja, es ist wahr… Ich habe mich dazu entschieden, Marawila und das Angels Home für eine Weile zu verlassen. Ich werde meinem Wunsch nachgehen, erst einmal wieder in Deutschland zu leben und dort neue Energien zu tanken. Neue Energien für mich, für Frank, für unsere Arbeit und zu guter Letzt natürlich auch für die Mädchen.

Kreideschlacht Januar 2017Warum? Nun, das ist gar nicht so einfach zu beantworten. In erster Linie geht es mir wohl darum, nach 10 Jahren Sri Lanka in meinem Leben noch einmal etwas zu verändern, etwas Neues zu machen, Abwechslung in mein Dasein zu bringen. Dabei ist es nicht so, dass es mir hier schlecht geht – im Gegenteil: viele Menschen würden uns um unser Leben und unsere Arbeit hier beneiden. Und dennoch habe ich in der letzten Zeit gespürt, dass es mich momentan nicht mehr glücklich macht. Mir fehlt etwas Ablenkung und Herausforderung im monotonen Heimalltag und im wenig abenteuerlichen Marawila. Es ist keinesfalls so, dass mir diese Entscheidung leichtfällt. Ich habe lange mit mir gekämpft und gerungen, ob ich das wirklich machen kann, ob es nicht egoistisch von mir wäre und ob ich nicht alle Menschen hier enttäusche. Eröffnung Trainingscenter zum 10 Jährigen 2015Letzteres tue ich sicher auf eine gewisse Art und Weise, aber sollte man im eigenen Leben nicht etwas verändern, wenn man unzufrieden ist? Ist das eigene Wohlbefinden nicht wichtiger als ein schlechtes Gewissen? Und wie soll es den Menschen um mich herum gut gehen, wenn es mir selbst nicht gut geht? Ist es das wert???

Ich sehe die Veränderung, die nun auf uns zukommt, als eine riesengroße Chance für Drylands und ich bin sehr froh, dass Frank das genauso sieht, auch wenn es ihm schwerfällt, mich gehen zu lassen. Wir beide sind uns einig, dass man unseren Verein und seinen Interessentenkreis in Deutschland noch viel weiter ausbauen könnte und genau das möchte ich in der nächsten Zeit versuchen. Ich werde bestehende Kontakte pflegen, ausbauen und für uns zu nutzen versuchen. Beispielsweise kann ich mir vorstellen, unsere Arbeit in verschiedenen Unternehmen und an Universitäten vorzustellen und weitere Möglichkeiten der Spendenakquise zu finden. Ich habe dazu schon einige Ideen, die ich dann in Deutschland einmal sammeln und optimistisch angehen möchte. Vielleicht werden wir Erfolg haben und können uns damit einen kleinen Ausgleich zu dem Leben hier in Marawila schaffen. Ich denke, viele von euch, die uns schon mal besucht haben oder sogar einen längeren Zeitraum mit uns verbracht haben, können diese Gedanken etwas nachvollziehen. Wir sind hier sehr abgeschieden, haben die immergleichen Sozialkontakte, so gut wie keine Unternehmungsmöglichkeiten und im Prinzip nur uns selbst als einzige vertrauenswürdige Bezugsperson, mit der wir 24 Stunden am Tag leben, lieben, arbeiten und auch streiten. Das ist auf Dauer schon ziemlich anstrengend und schwierig.

Gruppenfoto 2010Und trotzdem kann ich nach 10 Jahren Sri Lanka sagen, dass ich wahnsinnig stolz darauf bin, was Frank und ich bis heute alles geschaffen haben und ich möchte es um keinen Preis der Welt aufgeben! Wenn man so in seinem Alltag steckt, realisiert man das oft gar nicht, aber wenn ich versuche, dieses Projekt objektiv zu betrachten, ist es eigentlich Wahnsinn! Und vor allem ist es wert, mehr Menschen darauf aufmerksam zu machen, ihnen unsere Arbeit und unsere Denkansätze näher zu bringen, ihnen zu zeigen, wie viel man mit Willenskraft, Durchhaltevermögen und Idealismus für benachteiligte Menschen erreichen kann. Das ist mein Ziel. Ich möchte den Gedanken von Drylands weitertragen, andere Menschen damit anstecken und inspirieren, um noch mehr für unsere Mädels und für die Kinder dieser Welt allgemein zu erreichen.

Fotoshooting mit den Mädels 2008So… nun ist es raus, nun wisst ihr Bescheid und ich hoffe, einige von euch können mich ein wenig verstehen. Wie es nun weitergeht? Eigentlich genauso wie bisher, d.h. wir versuchen es. Ich werde mir in meiner Lieblingsstadt Erfurt im Herzen Deutschlands eine kleine Wohnung nehmen und von dort aus versuchen, meine Pläne zu verwirklichen. Meinen bisherigen Aufgabenbereich werde ich weiterhin behalten und mit Hilfe von Frank, den Praktikantinnen und unserer Dinesha so gut es geht erfüllen. Es soll sich eigentlich gar nicht so viel ändern, außer dass ich eben in Deutschland bin und nicht hier… auch wenn das natürlich leichter gesagt, als getan ist.

Krippenspiel Silvester 2012Abschließend bleibt noch eins zu sagen: Danke, Frank, mein Seelenverwandter, mein Partner, mein Verbündeter und bester Freund! Mit deinem Verständnis für meine Gedanken und deinem Wort, mich zu unterstützen beweist du Klasse, Stärke und Liebe. Dafür bin ich dir sehr dankbar, zumal ich weiß, dass dies in unserer Situation nicht selbstverständlich ist.

Und so verharrt mein Blick auf den spielenden Mädels im Garten und ich genieße jedes Lachen, jedes Rennen, jedes Hüpfen, jedes ausgelassene und unbekümmerte Dasein im Hier und Jetzt. Ja, sie werden mir fehlen, aber ich weiß, dass wir uns wiedersehen und dass dieses Band der Liebe nicht zerreißt, sondern stärker werden wird. Und so folge ich Nishamas Aufforderung „Julia, youcomeplay!“ und stürze mich ins Getümmel…

Hoffnungsvolle Grüße aus Sri Lanka,

eure Julia.