Ein kleines Weihnachtswunder


shanikaEs ist Anfang Dezember, ein ganz normaler Tag im Angels Home. Die Mädchen haben ihren letzten Schultag und die lang ersehnten Weihnachtsferien stehen vor der Tür. Die Prüfungen zum Jahresabschluss wurden geschrieben, die Stimmung ist ausgelassen. Einen Monat keine Schule, keine Hausaufgaben, kein frühes Aufstehen, nicht so viele Verpflichtungen und vielleicht sogar die Aussicht auf ein paar Tage mit den Angehörigen. Für Einige beginnt das Bangen: Darf ich in den Ferien nach Hause fahren? Wird das Jugendamt seine Zustimmung geben? Wie wird es bei meiner Familie? Werde ich das Angels Home und meine Schwestern hier vermissen? Werden Mama und Papa sich streiten? Ist es gut oder schlecht für mich, ein paar Tage das Kinderheim zu verlassen?

Ich sitze in unserem Büro und vor mir türmt sich die Arbeit. Ich sehe Franks gestressten Gesichtsausdruck über meinen Bildschirm hinweg und ich weiß genau, dass für uns nun die stressigste Zeit des Jahres beginnt. Weihnachtszeit – Spendenzeit. Für uns keine Spur von Ruhe, Besinnlichkeit und Festtagsstimmung. Zu viele Fragen und Aufgaben, die beantwortet und erledigt werden müssen. Zu viel Zeitdruck, zu viele Verpflichtungen, zu viel Arbeit. Ich starre auf die To-Do-Liste auf meinem Monitor und überlege, was ich zuerst machen soll, bin überfordert von der Fülle an Punkten, die sich da in den letzten Tagen angesammelt haben.

Haben die Mädchen alle ihre Weihnachtskarten für die Pateneltern gebastelt? Sind die Taschen für Diejenigen gepackt, die in wenigen Tagen in die Ferien fahren? Wissen die Angehörigen genau Bescheid, wann sie die Kinder abholen können und wieder zurückbringen müssen? Was planen wir diesmal für die Mädchen, die in den Ferien bei uns bleiben? Womit können wir ihnen eine Freude machen, sie darüber hinwegtrösten, dass niemand da draußen ist, bei dem sie Weihnachten verbringen können? Soll ich die Praktikantinnen fragen, ob sie kurzfristig noch einen Weihnachtskalender für die Mädchen basteln können? Haben sie nicht schon genug zu tun mit den Abschlussprüfungen ihrer Englischnachhilfe und den zahlreichen kleinen Videos für unseren diesjährigen Drylands-Adventskalender? Lohnt sich der Aufwand überhaupt? Wann kommen welche Besucher und wie können wir unseren Weihnachtsstress vor ihnen verbergen? Ist der Weihnachtsbaum noch in Ordnung? Haben wir genug Kugeln und anderen Schmuck dafür? Funktionieren die Lichterketten noch? Wer von unserem Personal ist bereit, über Weihnachten zu arbeiten? Bekommen wir einen DJ für Silvester? Was schenken wir den Mädchen, die am Heiligabend bei uns sind, wenn sie aus der Mitternachtsmesse kommen und genau wissen, dass in dieser Zeit immer der Weihnachtsmann ins Angels Home kommt? Wie bedanken wir uns dieses Jahr bei den zahlreichen Sponsoren, Freunden und Interessenten? Haben wir uns schon für die letzten Spenden bedankt? Wann müssen wir die Weihnachtspost verschicken? Wie viele Schulmaterialien müssen wir noch einkaufen, bevor im Januar das neue Schuljahr beginnt? Wer braucht eine neue Schuluniform und die passenden Schuhe dazu? Wann kaufen wir für das Weihnachtsessen mit meinen Freunden ein? Gibt es dieses Jahr eine Nikolaus-Überraschung? Habe ich dieses Jahr Zeit, für meine Familie und Freunde Weihnachtskarten zu basteln? Werden sie enttäuscht sein, wenn sie keine bekommen? Wann muss ich den Jahresabschlussbericht beim Amt abgeben? Warum sind die angekündigten Weihnachtspäckchen noch nicht alle da? Wer heult da draußen schon wieder und warum schaut keiner danach? Wird unser Visum und unsere Arbeitserlaubnis diesmal pünktlich verlängert? Haben wir auch dieses Jahr die Zeit, kleine Weihnachtsgeschenke für die bedürftigen Kinder in der Beach-Road zu verteilen? Was schenke ich Frank zu Weihnachten? Habe ich ihm eigentlich schon von dieser einen wichtigen Email erzählt? Werde ich heute Nachmittag endlich einmal wieder die Zeit finden, mit den Mädchen Volleyball zu spielen? Falls nicht, wie soll ich ihnen das erklären? Brauchen unsere Hunde nicht vor Weihnachten noch eine Impfung? Sollten wir den Praktikantinnen nicht eigentlich mal 2 Tage frei geben, weil sie in der letzten Zeit so fleißig waren? Aber wer spielt dann mit den Mädchen? Und warum ist der Mathe-Lehrer schon wieder nicht da, der die großen Mädchen aufihre Abschlussexamen in 2 Wochen vorbereitet? Wann soll ich noch die Zeit finden, Weihnachtsplätzchen zu backen und meine Pflanzen umzutopfen? Kann ich auch irgendwann mal wieder ausschlafen? Was mache ich hier eigentlich? Warum denke ich so viel nach, anstatt endlich mit irgendetwas anzufangen? Und wer zum Teufel fährt hier mit einer Selbstverständlichkeit auf unser Grundstück ohne zu klingeln?

Die Fragen wachsen mir über den Kopf, ich brauche eine Pause. Da kommt mir dieser unangekündigte Kleinbus gerade recht, um draußen mal nach dem Rechten zu sehen. Die singhalesische Aufschrift habe ich schnell erkannt: „Department of Child Care andSocial Services“ – kurzum das Jugendamt. Die fehlen uns jetzt gerade noch. Wollen sicher im ungünstigsten Moment wissen, wie unsere Ferienplanung aussieht und ob die Moskitonetze schon hängen.

shanikaAus dem Wagen, der eigentlich für max. 8 Personen bestimmt ist, steigen ca. 10 Erwachsene und 12 kleine Kinder aus. Ein anderes Kinderheim, die während einer Tagestour bei uns vorbeikommen. Im Gepäck haben sie ein Schreiben vom obersten Amtsinhaber aus unserem Distrikt, der einen Heimwechsel bestätigt, sowie das dazugehörige Mädchen. Eine kleine Maus mit verunsichertem Blick, die sich an ihre zuständige Matron klammert. Ihr weniges Hab und Gut verstaut in einem kleinen Beutel, der unserem Personal in die Hand gedrückt wird. Die Papiere sind in Ordnung, das Mädchen war bereits vor Wochen angekündigt und in all dem Trubel hat man wohl vergessen, uns den Zeitpunkt ihrer Ankunft mitzuteilen. Nun ist sie da, schüchtern, verängstigt, unsicher und traurig. Wir wissen nicht, was man ihr vorher erzählt hat. Mit ihren 5 Jahren ist sie nun zu alt für die Einrichtung für Kleinkinder, aus der sie kommt. Subani nimmt sie an die Hand und zeigt ihr unser Angels Home. Zögerlich und skeptisch geht sie mit und lässt den Rundgang mit sich geschehen. Unverständnis macht sich in ihren Augen breit und es dauert nicht lange, bis die erste Krokodilsträne ihre noch vom Babyspeck gezeichneten Wangen hinunterläuft. Der Papierkram ist schnell erledigt und all ihre bisher vertrauten Personen machen sich zum Aufbruch bereit. Zurück bleibt sie – Shanika, in ihrem bunten Kleidchen und mit den traurigen Augen.

Als der Kleinbus sich in Bewegung setzt und ihr alle zum Abschied winken, steht die Zeit für einen Moment still im Angels Home. Judith, die schon lange bei uns arbeitet und schon viel gesehen und erlebt hat, hat die kleine Maus im Arm und versucht, sie zu trösten. Ein Blick in ihre Augen verrät mir, dass nicht nur ich, sondern auch sie – diese erfahrene und unerschütterliche Frau – mit den Tränen kämpft. Vermutlich denken wir das Gleiche: Was geht in dem kleinen Wesen vor, dass so unverhofft jegliche Bezugspersonen verliert und auf sich allein gestellt ist? Warum tut man Kindern so etwas an? Wie soll sie das jemals verarbeiten?

shanika2Mittlerweile ist Shanika seit über 2 Wochen bei uns und der Tag der Aufnahme ist Geschichte. Sie hat bei uns Freundinnen gefunden, springt fröhlich umher und es ist so, als ob sie schon jahrelang bei uns lebt. Dennoch hat uns alle diese Erfahrung für ein paar Minuten auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt und gezeigt, dass all die oben gestellten Fragen und Aufgaben gar nicht so wichtig sind. Viel wichtiger ist, warum wir diese Arbeit machen und für wen. Für mich ist Shanika deshalb ein kleines Weihnachtswunder und ich bin froh über ihre Ankunft.

 

Weihnachtliche Grüße aus dem Angels Home,

Julia.