Familienglück und ein 2. Geburtstag mit 71


Wenige Tage nach der OP schon wieder voller OptimismusIch sitze mit meiner Mutter in einer Ferienwohnung im hessischen Bad Nauheim. Es ist Montag, der 27.07.2015, gegen halb zwei am Nachmittag und unsere Nerven sind wie Drahtseile gespannt. Zwar sitzen wir uns beide mit einem Buch in der Hand gegenüber und gaukeln uns gegenseitig Gelassenheit vor, aber ich weiß genau, dass auch sie jede Seite zweimal lesen muss, um den Inhalt auch nur annähernd zu verstehen. Zu sehr schweifen unser beider Gedanken immer wieder ab, übermannt uns die Sorge um meinen geliebten Papa, der in diesem Moment seit fast 6 Stunden in einem Operationssaal der Kerckhoff-Klinik liegt und dort einen lebensbedrohlichen Eingriff an der Lunge über sich ergehen lässt. Wir haben uns dazu entschieden, die Zeit nicht in der Klinik zu verbringen, so wie man es aus Filmen kennt, in denen sich die Angehörigen vor dem OP-Bereich die Beine in den Bauch stehen oder auf Plastikstühlen verharren, bis sich eine große Tür öffnet und ihnen ein Arzt entgegenkommt. Nein, man hat uns versichert, dass man uns anrufen wird, sobald die Operation überstanden ist und obwohl wir wissen, dass sie durchaus 8 Stunden dauern kann, können wir bereits jetzt keinen klaren Gedanken mehr fassen.

Vielleicht gibt es doch einen Gott da draußenEs sind so viele Fragen, die mir in diesen Stunden durch den Kopf gehen:
Wann rufen die endlich an? Sollten wir uns Sorgen machen, weil es so lange dauert? Planen Ärzte bei solchen Zeitangaben nicht immer einen Puffer ein? Würden Sie uns auch kontaktieren, wenn es Komplikationen gibt? Was ist, wenn es Komplikationen gibt? Was ist, wenn er es nicht überlebt? Wie geht mein Leben dann weiter? Und das meiner Mutter? Was ist, wenn er es überlebt, aber danach nie mehr der Alte ist? Wenn er vielleicht einen Hirnschaden davonträgt oder querschnittsgelähmt ist? Wie würden wir als Familie damit umgehen? Bin ich ein schlechter Mensch, weil ich solche Gedanken habe? Warum kann ich nicht einfach optimistisch sein, so wie mein Papa es noch bis gestern Abend zur letzten Minute war? Woher nimmt er diese Kraft? Hatte er überhaupt keine Zweifel? Ängste? Und wenn er sie doch hatte, warum hat er sie sich nicht anmerken lassen? Warum wollte er nicht darüber reden? Um uns zu schützen? Um bei uns so willensstark, optimistisch und souverän in Erinnerung zu bleiben, wie er immer war? Oder um auch bei uns von vornherein jede noch so kleine Sorge um ihn im Keim zu ersticken? Weil er sich einfach gar nicht damit auseinandersetzen wollte, was wäre, wenn etwas schief geht? Und was hätte ich ihm gesagt, wenn er hätte reden wollen? Wie hätte ich ihm meine Gedanken und Gefühle ausdrücken können, ohne ihm seinen Optimismus zu nehmen? Hätte ich es wagen sollen und in den letzten Tagen noch das Gespräch mit ihm suchen sollen? Hat er das erwartet? Oder war er froh darüber, dass wir bei unserem letzten Spaziergang vor ein paar Tagen nur über das Wetter und die Natur gesprochen haben? Hat er es dennoch gemerkt, dass so viel Unausgesprochenes in meinem Kopf herumgeisterte? Hat er meine verkniffenen Tränen zur Kenntnis genommen? Und wenn ja, was hat er darüber gedacht? Dass ich nicht an den Erfolg der Operation glaube oder dass auch ich einfach nur versuche, stark zu sein, indem ich es nicht anspreche? Und was wäre die richtige Vermutung gewesen? Wollte ich nur für ihn stark sein? Oder war es nicht vielmehr auch Selbstschutz? Feigheit, die eigenen Gefühle auszusprechen und ihm all das zu sagen, was ich ihm so gerne noch gesagt hätte?

Ich weiß auf all diese Fragen keine Antwort... Und ein Blick zu meiner Mutter genügt, um zumindest den Trost zu haben, dass es ihr genauso geht wie mir. Ich kenne ihre Mimik und die fahrigen Bewegungen, wenn sie angespannt ist und sich Sorgen macht. Immerhin hatte ich lange genug die Gelegenheit, ihre Körpersprache zu studieren und in vielen Dingen sind wir uns so ähnlich, dass es mich manchmal erschreckt. Nun sitzen wir hier und teilen das gleiche Schicksal; die Sorge um einen Mann, den wir beide aus tiefstem Herzen lieben. Sie als Ehefrau und ich als Tochter. Wenigstens haben wir uns und ich bin froh, dass ich die Entscheidung getroffen habe, sie und meinen Papa auf diesem schwierigen Weg zu begleiten. Es tut uns beiden gut, dass wir die Zeit hier gemeinsam aussitzen, abends lange miteinander reden, bis uns der Schlaf übermannt und nachts dennoch feststellen, dass wir beide unruhige Träume haben.
Bei jedem Blick auf die Uhr stelle ich fest, dass gerade mal eine Minute vergangen ist. Die Zeit, die sonst im Alltag so unaufhaltsam rennt, scheint stehengeblieben zu sein und der Stundenzeiger foltert uns mit seiner Gemächlichkeit. Auch das Wetter passt heute zur Stimmung des Tages; während wir in den vergangen Tagen noch strahlenden Sonnenschein genießen durften, schüttet es heute wie aus Eimern.

Bis kurz nach 16 Uhr verharren wir in dieser Ruhelosigkeit und als wir schließlich schon kurz davor sind, zur Klinik zu gehen, klingelt das Handy meiner Mutter. Ich merke, wie angespannt sie während des Gesprächs ist und wie ihr die Stimme bricht, als sie sich abschließend für den Anruf bedankt. Die Operation ist überstanden, heißt es. Der Eingriff dauerte über 8 Stunden, war keineswegs einfach, aber man habe alle Ablagerungen in der Lunge entfernt, so wie man es sich auch vorstellte. Er wäre nun auf der Intensivstation und man müsse dort die Nacht abwarten, wie sich sein Zustand entwickelt. Ein Besuch sei frühestens morgen möglich.

Abfahrt zur Reha nach HeidelbergErstes Aufatmen, eine Umarmung zwischen Mutter und Tochter sowie ein paar Tränen, die lange genug hinunter gedrückt wurden. Aber von Erleichterung keine Spur. Wir quälen uns durch die Abendstunden, nehmen den Krimi im Fernsehen nicht richtig wahr und können es zu späterer Stunde doch nicht lassen, noch einmal auf der Intensivstation anzurufen und uns nach seinem Befinden zu erkundigen. Zustand stabil, keine weiteren Auskünfte. Also heißt es wohl abwarten bis morgen um 15 Uhr, wo die Besuchszeit auf der Intensivstation beginnt. Wir gehen früh ins Bett und reden noch lange über die vielen Wenns und Abers. Zu nervös sind wir für den nächsten Tag und die Dinge, die uns erwarten könnten.

Schließlich ist es soweit. Die Stunde der Wahrheit. Punkt 15 Uhr stehen wir auf Etage 2 der Kerckhoff-Klinik an der Anmeldung für den Intensivbereich. Es dauert noch eine Weile bis man uns endlich reinlässt und uns den nötigen Hygienevorkehrungen unterzieht. Mit desinfizierten Händen und einem sterilen Einwegkittel folgen wir dem langen Gang zum entsprechenden Zimmer, auf das Schlimmste gefasst und die Anspannung zum Greifen nahe. Durch den offenen Türspalt erhaschen wir schließlich den ersten Blick auf meinen Papa, der sich wohl auf Lebenszeit in meinem Gedächtnis eingebrannt hat. Da liegt er tatsächlich schon halb aufgerichtet in seinem Krankenbett, hält seinen Kopf und eine Schnabeltasse aus eigener Kraft, um zu trinken! Dieser Anblick setzt so viel Erstaunen, Glück und Freude in mir frei, dass ich es kaum glauben kann! Wenige Sekunden später stehen wir an seinem Bett und als er uns sieht, fängt er wie ein kleiner Junge an zu weinen und sagt mehrmals voller Freude: „Ich lebe noch! Ich lebe noch!“ Dieser Moment ist so ergreifend, dass wir uns eine ganze Weile einfach nur zu dritt in den Armen liegen und unseren Tränen freien Lauf lassen. Die ganze Anspannung der letzten Tage fällt von uns ab und viele meiner unendlichen Fragen lösen sich endlich in Luft auf. Es ist ein Moment von unendlicher Kraft, Erleichterung und Familienglück, das Gefühl, gemeinsam etwas ganz Großes geschafft zu haben. Auch wenn Zusammenhalt bei uns schon immer groß geschrieben wurde, bin ich mir sicher, dass wir in diesem Moment noch ein Stück näher zusammengerückt sind.

Winterspaziergang mit Papa im Februar 2013In den nächsten Tagen verfolgen wir alle mit großem Erstaunen die rasante Genesung von meinem Papa. Unfassbar, dass er 2 Tage nach einem solch schweren Eingriff schon wieder normal essen und kurz aufstehen kann. Sogar die Ärzte sind überrascht und mit seinem unerschütterlichen Optimismus und seinem Humor schafft es mein Papa schnell, dass die gesamte Station „Beneke“ ihn in sein Herz schließt. Doch nicht nur hier, auch in der Heimat nehmen viele Menschen Anteil an seinem Befinden. Ein Foto von mir mit ihm auf Facebook erreicht innerhalb weniger Tage 65 Likes und 35 Kommentare, gefüllt mit lieben Wünschen für seine weitere Genesung. Zahlreiche Menschen haben uns angerufen und sogar gestandene Männer können die Freudentränen nicht halten, als sie erfahren, dass es ihr langjähriger Freund geschafft hat. Kaum zu übertreffen sind wohl meine Mädels im Angels Home, die bereits 3 Wochen vor der Operation damit begonnen haben, Extra-Gebete für meinen Papa zu sprechen. Normalerweise bin ich kein gläubiger Mensch, aber in einer solchen Situation klammert man sich an jeden noch so kleinen Hoffnungsstrohhalm und wer weiß – vielleicht wurden die Gebete unserer Mädchen erhört?

Mittlerweile ist mein Papa in einer Rehabilitationsklinik in Heidelberg und ich bin seit fast 2 Wochen wieder zurück in Sri Lanka. Er macht weiterhin Fortschritte und lernt jetzt, wie er seinen Körper in Zukunft wieder belasten darf. Hin und wieder telefonieren wir und wenn alles gut läuft, darf er am 2. September zurück nach Hause. Wir alle sind dankbar, dass er den Eingriff so gut überstanden hat und werden nächstes Jahr nicht nur seinen 72. Geburtstag, sondern auch den ersten Geburtstag seines neuen Lebens feiern. Dafür habe ich in den vergangen Tagen mit den Kindern auch den Tempel und die Kirche besucht, wo sie für mich jeweils ein Dankesgebet gesprochen haben. Ich bewundere sie für diese Selbstverständlichkeit, mit der sie für Familienglück beten, obwohl doch die meisten von ihnen nie kennenlernen durften, was das genau bedeutet. Ich für meinen Teil durfte es in den vergangenen Wochen mit aller Deutlichkeit erfahren und wünsche mir für die Mädels, dass auch sie irgendwann spüren dürfen, wie viel Kraft in einer glücklichen Familie steckt.

Mit dankbaren Grüßen,
Julia.