Erwachsene, die nicht lieben.


Treffen mit den Eltern und Sozialamt"Kinder, die man nicht liebt, werden Erwachsene, die nicht lieben." (Pearl S. Buck)

Wenn ich eines während meiner Arbeit in den vergangenen 7 Jahren gelernt habe, dann ist es der große Wahrheitsgehalt dieses Zitats. Ich bin manchmal erstaunt, wie abgeklärt, distanziert oder gleichgültig unsere Mädchen aus dem Angels Home teilweise sein können, aber wenn man einen Blick auf ihre familiären Verhältnisse – speziell auf ihre Eltern – wirft, so wird einem einiges klar. Da gibt es Väter, die sich während des monatlichen Besuchstages lieber eine Stunde mit unserem Hausmeister als mit ihrer Tochter unterhalten und Mütter, die ein Kind nach dem anderen zur Welt bringen, um sie letztendlich doch alle in Kinderheimen unterzubringen. Es ist entsetzlich, aus welchen Verhältnissen unsere Mädchen teilweise kommen und was ihr kleines Kinderhirn schon alles zu verarbeiten hat. Aber noch viel entsetzlicher ist es, wenn genau diese Eltern, die eigentlich froh sein könnten, ihr Kind in einer solchen Einrichtung wie der unseren unterbringen zu können, auch noch der Meinung sind, sie müssen sich beim Jugendamt über uns beschweren. So hat es sich in den vergangenen Jahren immer mal wieder zugetragen und auf Vorschlag der Behörde gab es am Montag im Angels Home ein großes Meeting mit allen Angehörigen, unserem Personal, unseren 2 psychologischen Beraterinnen sowie 2 Vertretern des Jugendamtes. Auch unsere älteren Mädchen (ab 12 Jahren) durften dabei sein, weil Frank und ich es für richtig hielten, dass sie sich unsere und die Meinungen ihrer Eltern / Angehörigen einmal anhören.Unsere großen Mädchen sind auch dabei

Eigentlich sollte das Meeting um 10.30 Uhr beginnen, aber – wie sollte es in Sri Lanka auch anders sein – wir begannen schließlich erst um 11:30 Uhr, weil sich einige Eltern wie auch das Jugendamt selbst gerne noch etwas Zeit ließen. Obwohl wir im Vorfeld alle Angehörigen informierten und auch die Bedeutsamkeit dieses Treffens betonten, sind von 28 Kindern, die noch Bezugspersonen haben, nur 14 in den Genuss gekommen, dass jemand ihrer Angehörigen beim Treffen dabei war. Das ist eine schlechte Quote und nicht nur wir, sondern auch die Mädels waren sehr enttäuscht darüber.

Bevor wir uns alle gemeinsam auf unserer Dachterrasse versammelt haben, bekamen die Angehörigen von unserer Matron Theekshani einen kleinen Rundgang durch das Haus, damit sie auch einmal sehen konnten, wie die Mädchen bei uns leben und was von ihnen erwartet wird. Schnell war der Vorwurf Faulheit im Keim erstickt, denn die Angehörigen mussten erstaunt feststellen, dass ihre Kinder bei uns sehr wohl Ordnung in ihren Kleiderschränken halten können und ihren häuslichen Pflichten gewissenhaft nachgehen.

Vetreter vom JugendamtNach der Besichtungstour haben wir uns alle auf dem Dach versammelt und die Vertreter des Jugendamtes eröffneten das Treffen. Sie klärten die Eltern über den Grund dieser Zusammenkunft auf und baten sie, ihre Beschwerden / Kritikpunkte hier ganz offen vorzutragen, damit wir gemeinsam darüber sprechen können. Wie erwartet meldete sich niemand zu Wort, denn diejenigen Angehörigen, von denen wir wussten, dass sie schlecht über unsere Einrichtung sprechen, sind von vornherein einfach nicht gekommen. Also haben wir selbst ein paar Punkte angesprochen und den Angehörigen gemeinsam mit dem Amt unseren Standpunkt dazu erklärt. Beispielsweise bitten wir bei den monatlichen Besuchstagen im Heim alle Bezugspersonen darum, eine Kleinigkeit mitzubringen. Das kann z.B. ein Kilo Reis oder Zucker sein sowie Seife, Zahnpasta oder Waschmittel. Unsere PsychologinnenEs geht uns bei diesen Mitbringseln weniger darum, Geld zu sparen, als den Kindern ein positives Gefühl dahingehend zu vermitteln, dass ihre Angehörigen einen kleinen Teil dazu beitragen, dass sie hier gut versorgt werden können. Es hat jedoch in der Vergangenheit eindeutige Beschwerden beim Amt gegeben, dass wir diese Sachspenden von jedem einfordern würden und zwar in solchen Mengen, wie sich die Leute gar nicht leisten könnten. Natürlich ist das nicht wahr und wir wären wohl die Letzten, die beispielsweise von einem obdachlosen Elternpaar, welches täglich auf der Straße bettelt, zusätzliche Sachspenden abverlangen. Im Gegenteil: Den wirklich Armen unter den möglichen Besuchern unserer Kinder geben wir sogar noch das Geld für den Bus, damit sie ihre Kinder besuchen können.

Unsere Matron Theekshani, Julia und Frank beim MeetingWährend wir also diesen und andere Punkte erklärten, versuchte ich ein wenig in den Gesichtern der Angehörigen und Kinder zu lesen. Mir wurde schnell klar, dass unsere Mädchen wesentlich interessierter zuhörten als ihre älteren Verwandten. Diese machten offenkundig keinen großen Hehl daraus, dass das Thema sie langweilte und manche stellten dies gelegentlich mit einem Nickerchen zur Schau. Unseren Mädels hingegen konnte man hin und wieder ein Kopfnicken oder ein zustimmendes Lächeln entnehmen. Sie fanden es gut, dass das Jugendamt ihren Angehörigen ins Gewissen redete und wir offen aussprachen, was sie schon lange denken; dass es ohnehin schon ein schlimmes Gefühl ist, in einem Heim untergebracht zu werden, während die jüngeren Geschwister oftmals zu Hause bleiben dürfen und dass es doch dann nicht zu viel verlangt ist, wenigstens einmal im Monat zu Besuch zu kommen. In diesem Moment konnte man spüren wie sich viele Köpfe zu einer Mutter in der ersten Reihe drehten, die gerade ihr 5. Kind stillte.

Sewandi erzählt über ihr Leben vor dem Angels HomeZum Abschluss des Meetings erzählte Sewandi, eines unserer ältesten Mädchen, allen Anwesenden von ihrem Leben vor dem Angels Home. Was sie zu Hause erlebt hat, wie es in dem vorherigen Kinderheim war und warum sie bei uns gelernt hat, ihr Leben zu schätzen und mittlerweile ihr O-Level bestanden hat und sich jetzt auf das A-Level vorbereitet. Vielen unserer Mädchen, unserem Personal und auch der Vertreterin vom Jugendamt standen danach die Tränen in den Augen. Bei den Verwandten wurden die Augen höchstens von einem weiteren Gähnen feucht.

Ich möchte um Gottes Willen nicht sagen, dass alle Angehörigen nachlässig sind. Wir haben auch einige, die sich wirklich rührend kümmern, immer zu den Besuchstagen erscheinen und deren Verhältnisse es tatsächlich nicht zulassen, dass sie sich selbst um das Kind kümmern können. Diesen Verwandten sind wir dankbar und wir schätzen ihr Interesse am Kind. Aber leider sind die Desinteressierten, Vorlauten und Ungerechten in der Überzahl und das macht unsere Arbeit manchmal wirklich sehr, sehr schwer, weil man das Gefühl hat, gegen einen riesig großen Strom anzuschwimmen.

Pünktlich gegen Ende des Meetings kamen dann auch diejenigen Angehörigen, wegen denen das Treffen eigentlich einberufen wurde. Um Entschuldigungen natürlich nie verlegen, erklärten sie uns gleich, was ihnen plötzlich dazwischen gekommen ist. Da am Montag gleichzeitig auch Ferienbeginn war und viele der Angehörigen im Anschluss an das Meeting ihre Kinder für eine bestimmte Zeit mit nach Hause nehmen konnten, schoben sie die Schuld oft auf die Jugendämter, wo sie am Vormittag noch so lange auf das Genehmigungsschreiben des Hausbesuchs gewartet haben. Man hätte sich auch nicht schon längst darum gekümmert haben können... Einige Angehörige kamen sogar ganz ohne Schreiben und hofften, von uns oder den anwesenden Jugendamtsvertretern eine mündliche Genehmigung zu bekommen. Ich kann euch nicht mit Worten erklären, wie enttäuscht sie unsere Mädels dadurch am Ende des Tages zurückgelassen haben.

Rückblickend hat das Meeting sicher nicht den Erfolg gebracht, den wir uns erhofft haben, aber im Prinzip ist es mit den Angehörigen genauso wie mit den Mädchen: Selbst wenn man nur einen oder zwei erreicht, hat es sich schon gelohnt. Und wenn man das schafft, entwickeln sich aus Kindern, die nicht geliebt wurden, vielleicht irgendwann doch noch Erwachsene, die aufrichtig lieben können.