Meine liebe Anne.


Unsere erste Begegnung 2006Nun kenne ich dich schon fast 8 Jahre, aber du bist längst nicht mehr das kleine Mädchen, das mich schüchtern aus ihren großen braunen Augen angesehen hat und nicht wusste, wie es was auf Englisch sagen soll. Nein, mittlerweile bist du eine kleine Lady, die mein Herz mit Freude und Stolz erfüllt, weil sie sagen kann, was sie möchte und eine der besten Schülerinnen aus dem Angels Home ist. Sogar Emails können wir uns nun schreiben, wenn ich mich wie momentan auf Heimaturlaub in Deutschland befinde. Oft fragst du mich dann, wie es mir geht, was ich so mache und wie es in Deutschland ist. Manchmal denke ich dann darüber nach, wie es wohl wäre, wenn wir beide einmal gemeinsam hierher fliegen würden und ich dir vieles in meiner Heimat zeigen könnte. Im Laufe der Jahre, die ich nun in deinem Land lebe, habe ich jedoch gelernt, Deutschland mit deinen Augen zu betrachten und mir wird mit jedem Urlaub zu Hause mehr bewusst, wie schwer es für dich hier wäre...

Es war Liebe auf den ersten BlickBereits nach der Landung am Flughafen würde es dich erschrecken, wie ernst die Menschen alle schauen. Keiner würde dein bezauberndes Lächeln erwidern und keiner würde dir helfen, deinen schweren Koffer vom Gepäckband zu heben. Wenn du Fragen hättest, würde es dich viel Überwindung kosten, diese griesgrämig dreinschauenden Menschen auf Englisch anzusprechen und wenn du es doch tust, musst du damit rechnen, dass man dich nicht versteht oder dich einfach ignoriert. Auf der Autofahrt würdest du es komisch finden, dass keiner hupt und weit und breit keine Kokosnusspalmen zu sehen sind. Mit Sicherheit würde dir vom schnellen Fahren schlecht werden. Wenn du nicht gerade im absoluten Hochsommer nach Deutschland kommst, würdest du vermutlich frieren, egal wie viele Sachen man dir zum Anziehen gibt. Feste Schuhe würdest du beengend finden und dir wahrscheinlich auf Dauer Blasen darin reiben. Auf einer Toilette, egal ob privat oder öffentlich, würdest du vergeblich die Toilettendusche suchen und fändest es komisch, um nicht zu sagen eklig, dich mit Klopapier zu reinigen. Dir käme das oberflächlich und unhygienisch vor, aber du würdest es nie wagen, dich diesbezüglich jemandem anzuvertrauen. Vom Kleidungsstil der durchschnittlichen jungen Frauen in Deutschland wärst du geschockt und du würdest dich fragen, weshalb sie sich alle so freizügig anziehen, wo es doch so kalt draußen ist. Bestimmt würdest du schlussfolgern, dass sie alle keine guten Mütter haben, die sich um sie sorgen.Ausflug in den Zoo 2007 Es wäre sehr schwierig, etwas Essbares zu finden, was dir richtig gut schmeckt und dich gleichzeitig gesund und abwechslungsreich ernährt. Dir würden der Reis und die Schärfe im Essen fehlen, ganz zu schweigen von frischen Kokosnussraspeln, Milchpulver und Trockenfisch. Sicher würdest du andere Sachen ausprobieren und vielleicht würde dir einiges davon auch schmecken, aber es wäre nicht das gleiche und du würdest Suneethas Kochkünste vermissen. Besonders irritiert wärst du vermutlich, wenn du sehen würdest, dass man bei uns Reis in Plastikbeuteln kocht und nicht unbedingt nach jeder Mahlzeit sofort das Geschirr spült, weil es keine Ameisen im Haus gibt. Das deutsche Fernsehprogramm würde dich langweilen, weil du kein Wort verstehst und die Handlungen sowie den Humor in Filmen nicht nachvollziehen kannst. Bei einem Spaziergang in unserer Natur würdest du ängstlich werden, wenn dir nach 30 Minuten noch immer keine Menschenseele begegnet ist. Du würdest dich fragen, weshalb so viele Leute täglich in ihren Häusern sitzen und nicht einmal die Tür oder die Fenster öffnen. Es würde dich einengen, den ganzen Tag drinnen zu sein. In Supermärkten wärst du erstaunt, wie viele verschiedene Produkte und Hersteller es bei uns gibt. Vor dem Regal mit Süßigkeiten und Schokolade würden dir wahrscheinlich fast die Augen rausfallen. Wenn du Paare siehst, die in der Öffentlichkeit Händchen halten oder sich küssen und umarmen, wärst du peinlich berührt und würdest krampfhaft versuchen, nicht hinzuschauen. Wenn ich dir ein Bad einlassen würde, fändest du es merkwürdig, dich nackt in eine Wanne zu legen und entspannen würde dich das wohl kaum. Du würdest anders über mich denken, wenn du sehen könntest, dass ich mit weiblichen UND männlichen Freunden Spaß haben kann. Vermutlich würdest du dann an Frank denken und er würde dir leidtun, obwohl es dafür gar keinen Grund gibt. Am Abend wäre es komisch für dich, deinen Körper mit einer schweren Decke zuzudecken und wahrscheinlich könntest du vor lauter Stille nicht schlafen. Wenn das Licht aus ist, würdest du ein paar Tränen vergießen und mich am nächsten Morgen mit einem strahlenden Lächeln begrüßen...

Anne und ich 2013Ja, meine liebe Anne, einfach wäre es sicher nicht und ich müsste dir viele Dinge erklären, die du am Ende vielleicht doch nicht so verstehen würdest, wie ich sie meine. Aber möglicherweise gäbe es auch Sachen, die dir gefallen würden und Erfahrungen, durch die du auch meine Welt ein Stück weit besser verstehen könntest. Wenn du irgendwann alt genug bist, lasse ich dich allein entscheiden, ob du mit mir auf diese Reise gehen möchtest oder nicht. Und wenn du es ablehnst, ist das für mich auch in Ordnung, denn eigentlich finde ich deine Sicht der Dinge in vielen Punkten gar nicht so verkehrt. Ich erwische mich oft dabei, wie ich Deutschland mit Sri-Lanka-Augen betrachte und Dinge hinterfrage, die früher für mich selbstverständlich und normal waren. In dieser Hinsicht habe ich viel von dir gelernt und ich bin froh, dass du Teil meines Lebens geworden bist!

Deine Julia