Sie haben uns vom Hocker gehauen


Wie für allle Kinder dieser Welt sind Ferien einfach das Beste was es gibt :-)Donnerstag, 20. Dezember 2012… nur noch ein paar Tage bis Weihnachten. Wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich nach einigen Tagen Regenwetten endlich wieder etwas Sonnenschein und unsere Mädels im Garten spielen. Zwar kann bei strahlend blauem Himmel und Temperaturen um die 35 Grad nicht wirklich Weihnachtsstimmung aufkommen, aber Regenwetter und kalte Füße in den Tropen ist auch nicht wirklich toll. In Marawila sind viele Geschäfte und Häuser bereits seit Wochen weihnachtlich geschmückt und die Menschen beginnen, ihre Jesus-Krippen in den Gärten aufzubauen. Letztes Jahr um diese Zeit war ich in Deutschland bei meiner Familie und meinen Freunden.

Ein wenig Sehnsucht steigt in mir auf, wenn ich daran denke, aber auf der anderen Seite gibt es im Angels Home ein paar kleine liebenswerte Persönlichkeiten, die sich freuen, dass ich die besinnlichste Zeit im Jahr dieses Mal wieder mit ihnen verbringe. Mit ihnen, die nicht wie die meisten anderen Mädchen zu ihren Verwandten fahren können, weil es diese entweder nicht gibt oder weil sie keinerlei Interesse an ihren Kindern haben.

Wer möchte Weihnachten nicht mit einem so liebenswerten Weihnachtsmann verbringen?Momentan haben wir noch 22 Kinder im Angels Home. In den nächsten Tagen werden noch einmal ca. 5 Mädchen abgeholt, die aufgrund von schlechteren Familienverhältnissen nur die Feiertage bei ihren Verwandten verbringen dürfen.  Somit wird es Tag für Tag etwas ruhiger bei uns… Bei dem Schmuddelwetter der letzten Tage legen sich die Mädchen nach dem Mittagessen am liebsten in ihre Betten, um ein ausgiebiges Nickerchen zu halten. Aber natürlich überlegen wir uns auch viel, um ihnen die Ferien so abwechslungsreich wie möglich zu gestalten und ihnen die schmerzlichen Gedanken an die eigene Familie zu vertreiben. Beispielsweise waren wir schon am Strand, bei Frank und mir zu Hause, gemeinsam zum Frühstücken und auf dem Plan stehen eigentlich auch noch Kino, Shoppen und evtl. ein kleiner Ausflug nach Negombo.

Auch unsere Praktikantinnen haben in diesen Tagen alle Hände voll zu tun. Am Dienstag haben sie unsere beiden Weihnachtsbäume geschmückt, wovon einer nun auf der Dachterrasse steht und der andere wieder vorm Fenster der Bibliothek, sodass man ihn von der Straße aus sehen kann. Johanna war gestern Nachmittag mit Preemalattha beim Weihnachtseinkauf, wo sie für all unsere Mädels eine Kleinigkeit besorgt haben.  Johanna und Leonie schmücken unseren Weihnachtsbaum auf der DachterrasseAn dieser Stelle bedanken wir uns schon mal ganz herzlich bei Johannas Mama und ihrer Oma, die eine Extra-Spende für Weihnachtsgeschenke geleistet haben sowie bei der Firma hama, die uns eine sehr großzügige Sachspende geschickt hat, die u.a. für alle Mädchen neue Schulfedermappen beinhaltet hat. Somit ist die Bescherung gerettet und unsere beiden Praktikantinnen werden in den nächsten Tagen allerhand zu tun haben, um die ganzen Geschenke einzupacken. Außerdem wollen wir mit den hiergebliebenen Mädels auch noch einmal Plätzchen backen und ein kleines Weihnachts-/Silvesterprogramm einstudieren, welches sie dann allen anderen am 31.12. vorführen werden. Aber über diese ganzen Aktivitäten wird sicherlich in den Tagebüchern noch ausführlich berichtet werden…

Der eigentliche Grund für meinen Bericht sind die Jahresabschluss-Examensergebnisse, die uns in diesem Jahr ein bisschen vom Hocker gehauen haben. Dazu muss ich aber wohl erst nochmal zu den letzten Examen zurückblicken, die im August waren und in denen unsere Mädels so schlecht wie noch nie abgeschnitten haben. Fast alle Kinder hatten sich verschlechtert und wir waren mehr als unzufrieden mit den Ergebnissen. Da es immer etwas schwierig ist, die Mädels mit solchen deutschlandtypischen Sachen wie Fernsehverbot, Hausarrest oder evtl. auch Haus-/Gartenarbeit zu bestrafen (das scheint sie nämlich alles überhaupt nicht zu stören), haben wir das erste Mal die Dauer der Verwandtenbesuche für die Kinder in den Augustferien von ihren Examensergebnissen abhängig gemacht. Zwar nicht so drastisch, dass manche Mädchen gar nicht nach Hause durften, wenn sie die Möglichkeit dazu hatten, aber es kam z.B. vor, dass einige, die sonst immer die komplette Zeit bei ihren Verwandten verbringen durften, in den letzten Ferien nur für eine Woche das Angels Home verlassen durften, wenn die Examensergebnisse total miserabel waren. Es war das erste Mal, dass die Mädels wirklich gemerkt haben, wie enttäuscht wir über ihre Lernerfolge waren und dass es uns wichtig war, sie diesbezüglich etwas wachzurütteln. Viele hatten wohl geglaubt, dass wir im letzten Moment noch sagen: „Ach, na gut, dann bleib halt 3 Wochen zu Hause.“ Aber wir sind konsequent geblieben, auch wenn das gar nicht so einfach war. Außerdem haben wir den Mädchen versichert, dass die nächsten Ferien genauso geplant werden, also in Abhängigkeit von ihren Ergebnissen. (Das Gute ist, dass wir diesbezüglich auch alle Angehörigen auf unserer Seite haben, da auch die wollen, dass sich die Mädels in der Schule anstrengen.) Als positive Verstärkung haben wir den Kids außerdem versprochen, dass sie bei entsprechender Verbesserung in den Dezember-Examen leistungsbezogenes Taschengeld erhalten: die jüngeren Mädchen 50 Rupies für jedes Ergebnis über 50 Punkte sowie 75 Rupies für jedes Ergebnis über 75 Punkte, die Älteren hingegen sogar 100 Rupies für über 50 Punkte sowie 150 Rupies für über 75 Punkte. (Dazu sei vielleicht erwähnt, dass die Mädchen in jedem Unterrichtsfach maximal 100 Punkte erreichen können. Da das Schulsystem jedoch insgesamt sehr schlecht ist und man auch die teilweise traumatischen Vergangenheiten unserer Mädchen nicht vergessen darf, die ihre Schulleistungen beeinflussen, sind eigentlich alle Ergebnisse über 50 Punkte verhältnismäßig schon recht gut.)

Jedenfalls scheinen unserer Maßnahmen Früchte getragen zu haben. Ob es nun der Ansporn des finanziellen Verdienstes, die Angst vor den verkürzten Ferien oder sogar der neue Mathe-Nachhilfelehrer war, kann ich nicht so recht einschätzen. Vielleicht trug auch einfach alles dazu bei. Jedenfalls können wir voller Freude verkünden, dass sie Ergebnisse im Dezember erstaunlich gut ausgefallen sind. Die wichtigsten Fakten möchte ich hier kurz zusammentragen:

  • Von 44 Mädchen konnten sich hinsichtlich des Mittelwertes aller Examen 29 Mädchen verbessern und nur 15 haben sich verschlechtert. (Nicht in der Wertung waren unsere Kindergartenzwerge Wathsala und Bodika, die Förderschülerinnen Achini und Kumari sowie Sandamali, die während der letzten Examen noch nicht bei uns war.)
  • 14 Mädchen haben einen Mittelwert, der 50 Punkte übersteigt.
  • Davon haben immerhin noch 10 Mädchen einen Mittelwert, der auch 60 Punkte übersteigt (was für die meisten unserer Mädels schon sehr gut ist).
  • Die drei besten Mädchen hinsichtlich ihrer Mittelwerte in den Dezember-Examen waren: Madushika auf Platz 1 mit durchschnittlich 90 Punkten, Asitha auf Platz 2 mit 73 Punkten sowie Maduwanthi auf Platz 3 mit 72,8 Punkten.
  • Die größten Verbesserungen hinsichtlich des Mittelwertes konnten folgende Mädchen aufweisen: Padmini auf Platz 1 mit durchschnittlich 32 Punkten mehr als bei den letzten Examen, Udenika auf Platz 2 mit 31 Punkten mehr sowie Sashikala auf Platz 3, die sich um 17 Punkte verbessern konnte.
  • Insgesamt konnten sich alle Mädels zusammen 6.065 Rupies verdienen, wovon die absolute Spitzenreiterin die 14-jährige Sandamali ist, die allein 1.100 Rupies verbuchen konnte, obwohl sie erst seit Juni bei uns im Angles Home ist.

Quatsch mit Frank und Sashini bei den WeihnachtsvorbereitungenAlles in allem sind wir also sehr zufrieden mit den Dezember-Ergebnissen und konnten fast alle unserer Mädchen mit einem guten Gefühl und für die übliche Dauer in ihre Weihnachtsferien entlassen. Der Frank ist zwar ein bisschen erschrocken, dass er jetzt so viel Geld für die Mädels zurücklegen muss (Ich muss gestehen, das mit dem Belohnungsbeträgen war meine Idee, die ich nicht vorher mit ihm abgesprochen hatte. Wer hätte denn ahnen können, dass sie es gleich so übertreiben?), aber natürlich freut er sich insgeheim auch, das unsere Mädchen ein so gutes Examen abgelegt hatten. Um jedoch bei den nächsten Prüfungen nicht noch mehr Geld hinlegen zu müssen, kam auch prompt ein neuer Vorschlag von ihm: Diejenigen, die sich verschlechtern, müssen das Geld leistungsbezogen wieder zurückzahlen… wink

In diesem Sinne wünsche ich euch allen viel Freude bei den restlichen Weihnachtsvorbereitungen und verbleibe mit feierlichen Grüßen aus Marawila,

eure Julia.