Ihr lasst alle etwas hier


Mit Caroline Roos und Linda Wicker im Jahr 2012Linda Wicker ist Praktikantin Nummer 40 im Angels Home for Children und bevor sie ab Freitag für 2 Wochen auf Reisen geht, stand das obligatorische Abschlussgespräch mit ihr auf dem Plan. Was fand ich gut? Was war schwierig? Was nehme ich mit und auf was kann ich verzichten? Es ist immer wieder interessant, immer wieder anders und immer wieder lehrreich, die Erfahrungen der Praktikantinnen Revue passieren zu lassen.

Genauso wie unsere Mädchen sind auch die Praktikantinnen total verschiedene Persönlichkeiten, mit dem Unterschied, dass man sich alle 2-3 Monate auf jemand Neuen einstellen muss. Es ist normal und menschlich, dass man nicht mit allen auf der gleichen Wellenlänge ist, dass in manchen Punkten Meinungen auseinander gehen und man sich in anderen wiederrum prima versteht. Nichtsdestotrotz versuchen wir, mit allen einen freundschaftlichen und lockeren Umgang zu pflegen. Dazu gehören ehrliche Feedbackrunden genauso wie abendliche Treffen in unserem Lieblingsrestaurant und das Klarkommen mit unserem teilweise recht schwarzen Humor.

Bestimmt hat man es als Praktikantin bei uns nicht immer einfach, aber ich möchte dennoch behaupten, dass alle, die bisher hier waren, diese Erfahrung nicht missen möchten und in irgendeiner Form etwas für ihre Zukunft mitnehmen; sei es nun die Einsicht, dass die Arbeit mit Kindern doch nicht das Richtige ist oder die Konsequenz, ganze Lebenseinstellungen zu überdenken.

Ich glaube nicht, dass bisher eine Praktikantin hier weggegangen ist, ohne dass sie das in irgendeiner Hinsicht verändert hat. Vielleicht merken viele die Veränderungen erst später, aber die Erfahrungen, die man hier macht, sowohl positive als auch negative, gehen nicht spurlos an einem Menschen vorüber.

Madeleine Eggler mit Nawanjena und Hiruni im Jahr 2009In den Auswertungsgesprächen gibt es natürlich Themen, die immer wieder auftauchen. Eines davon ist die Frage, wie schnell man als Praktikantin vergessen wird. Keine unbegründete Sorge bei der hohen Fluktuation, die mittlerweile im Angels Home for Children herrscht. Für die Kinder ist das auch nicht einfach und man kann tatsächlich in den letzten Jahren beobachten, dass Praktikantinnen es insbesondere bei den älteren Mädchen nicht gerade leichter haben. Wenn man da nicht gerade mit einem glänzenden Bollywood-Wissen oder dem neusten Tanz von Shakira daher kommt, ist es schwierig, einen bleibenden Eindruck bei den Teenies zu hinterlassen. Schwierig ja, aber nicht unmöglich. Ich bin der festen Überzeugung, dass alle Praktikantinnen der letzten Jahre irgendetwas zurückgelassen haben. Es ist vielleicht nicht immer der Name oder das Gesicht, was in den Köpfen der Mädchen hängen bleibt, aber vielleicht ein neues Spiel, eine Regel, ein Grußwort, Bastelutensilien oder Rechenwege. Die Hinterlassenschaften sind so vielfältig und jede Praktikantin war zumindest für einen Zeitraum von 2 oder 3 Monaten Teil des Alltags unserer Mädchen. Es ist eigentlich unmöglich, in dieser Zeit nichts zurückzulassen.

Zu einigen unserer Praktikantinnen reißt der Kontakt nach dem Aufenthalt ab. Zu anderen hingegen pflegen wir seit Jahren regelmäßigen Schriftverkehr, es entstehen Patenschaften und wir bekommen erneuten Besuch von ihnen. Beide Varianten sind für uns in Ordnung. Es gibt auch welche, die sich monate- oder jahrelang gar nicht melden und irgendwann kommt mal wieder eine Mail, in der sie uns gestehen, wie oft sie noch an das Angels Home und die Mädchen denken müssen und wie grundlegend das Praktikum sie doch verändert hat. Für uns ist das natürlich auch ein schöner Verdienst, wenn man sich auf die Fahne schreiben kann, die Weltanschauungen und Zukunftspläne einer jungen Frau mitgeformt zu haben.

Valeska Borges im Jahr 2007 mit unseren ersten 18 MädchenNichtsdestotrotz ist und bleibt es ein Fakt, dass Praktikantinnen kommen und gehen und manche vielleicht schneller in Vergessenheit geraten als andere. Ich verstehe gut, dass man damit nur schlecht zurecht kommt, wenn man sich über Monate hinweg Mühe gegeben hat, den Mädchen etwas beizubringen oder sie zum Lächeln zu bringen. Auf der anderen Seite ist es eben auch eine Erfahrung – wenn auch keine leichte – die dazu gehört, etwas aus diesem Praktikum mitzunehmen. Und wenn ihr mich fragt, habt ihr auch alle etwas hiergelassen und dieses Kinderheim zu dem gemacht, was es heute ist.

Herzlichen Dank dafür und liebe Grüße von uns allen!

Julia