Sri Lanka im Wandel der Zeit.


Ein Bild aus alten Zeiten.Wenn ich manchmal so hier in unserem Büro sitze und aus dem Fenster schaue, die Kinder beim Spielen beobachte oder einen Blick in Richtung des alten Angels Home werfe, dann kommen Erinnerungen an alte Zeiten auf. Unglaublich, wie lange ich jetzt schon hier bin, was ich während der letzten Jahre alles erlebt habe und wie wahnsinnig schnell die Zeit vergeht. Ist es wirklich schon fast 6 Jahre her, als ich das erste Mal hier war, mich als Praktikantin noch neu und unbeholfen fühlte in einem fremden Land, das mich dennoch von Anfang an fesselte? Habe ich nicht erst vor ein paar Tagen mit Anne im Garten des alten Angels Home Fangen gespielt und Chanchala bei ihren Mathe-Hausaufgaben geholfen? Und ist das da draußen wirklich die kleine Emesha, die früher jedes Erwachsenen-Herz mit ihren braunen Kulleraugen zum Schmelzen brachte und nun zu einer kleinen Lady heranwächst? War Asadi nicht mal lange Zeit unser Nesthäkchen, während sie mittlerweile von ca. 12 anderen Mädchen „Aka“ (große Schwester) genannt wird? Es ist komisch und gleichzeitig schön, diesen Wandel der Zeit mitzuerleben. Man merkt, dass man selbst irgendwie älter wird und dass die Erfahrungen und Geschehnisse, die einem hier begegnen, die eigene Persönlichkeit formen. Zwischendurch frage ich mich auch, was ich heute wohl für ein Mensch wäre, wenn ich dieses Praktikum damals nie angetreten hätte. Würde ich mich trotzdem auf irgendeine Art und Weise für arme Kinder engagieren oder würde ich ein normales Leben mit geregelter Arbeit, eigener Wohnung und Auto sowie einem verdienten Jahresurlaub in der Karibik führen? Wer weiß das schon? Aber ist es überhaupt wichtig? Fakt ist doch, dass ich noch immer hier bin, den Wandel der Zeit fernab von zu Hause erlebe, er aber trotzdem nicht unbemerkt an mir vorübergeht.

Auch an Sri Lanka selbst merkt man, dass sich das Land in den letzten Jahren verändert hat. Straßen werden besser, Unterhaltskosten höher und Gesetzmäßigkeiten überarbeitet. Man versucht zunehmend, den Entwicklungsstand westlicher Länder zu erreichen, auch wenn dies in vielen Bereichen natürlich nicht so einfach möglich ist.

Frank und ich spüren in den letzten Monaten vor allem Veränderungen bei der Arbeit und den Vorschriften des Jugendamts und des Sozialministeriums, mit denen wir ja nun mal regelmäßig zu tun haben. Beispielsweise wurden die Regularien für Kinderheime komplett überarbeitet, um eine angemessene und kindgerechte Unterbringung und Versorgung zu gewährleisten. Ob es nun tatsächlich notwendig ist, dass jedes Kind einen eigenen Nachttisch mit Lampe zur Verfügung hat, sei erst einmal dahingestellt, aber zumindest gibt man sich Mühe, etwas gegen die katastrophale Situation vieler Einrichtungen zu unternehmen. Mit ersten Reaktionen; in unserem Distrikt wurden bereits mehrere Kinderheime wegen schlechter Bedingungen geschlossen. Die bis dahin dort untergebrachten Kinder wurden auf andere Einrichtungen aufgeteilt oder zurück in ihre Familien entlassen. Auch im Angels Home haben wir dies durch einige außerplanmäßige Neuzugänge zu spüren bekommen. Momentan ist dies für uns gerade noch tragbar, immerhin haben wir noch über 10 freie Plätze. Was ist jedoch mit den Kinderheimen, deren räumliche und finanzielle Kapazitäten bereits soweit ausgeschöpft sind, dass eine Aufnahme weiterer Kinder undenkbar ist? Kommen diese Einrichtungen dann nicht selbst an einen Punkt, wo sie die Auflagen nicht mehr erfüllen können? Und wird man sie dann deshalb ebenfalls schließen?

Was die Entlassung bzw. Wiedereingliederung von Heimkindern in ihre Familien betrifft, haben die Ämter ebenfalls neue Pläne. Man möchte künftig einen intensiveren Kontakt zu den noch vorhandenen Angehörigen pflegen und dabei stets das Ziel verfolgen, dass diese sich irgendwann wieder selbst um die Kinder kümmern können. Keine schlechte Idee, wie wir finden, auch wenn die Umsetzung sicherlich schwierig werden dürfte. Man hat uns in einem persönlichen Gespräch nahe gelegt, dass wir uns langsam von der Vorstellung verabschieden sollten, dass Kinder, die in einem Alter von unter 10 Jahren ins Angels Home gekommen sind, letztendlich auch bis zu ihrer Volljährigkeit bei uns bleiben. Es ginge lediglich darum, sozial schwachen Familien in einer Notsituation unter die Arme zu greifen, indem man ihre Kinder vorerst in einem Heim unterbringt, damit sie ihr Leben wieder in geordnete Bahnen bringen können. Dazu gehört ganz selbstverständlich auch, dass eines der beiden Elternteile für einige Jahre ins Ausland geht, um den dortigen Verdienst zu sparen und anschließend für die Versorgung der Familie mit nach Sri Lanka zu bringen. Sobald die Angehörigen das Kind schließlich wieder selbst versorgen können, soll die Heimunterbringung abgebrochen und das Kind nach Hause entlassen werden. Soweit die Theorie.

Meine Meinung dazu ist folgende: Ich finde es sehr lobenswert, dass man nun auch in einem weniger weit entwickelten Land wie Sri Lanka anfängt, sich über solche Sachen Gedanken zu machen und bestehende Handlungsweisen und Gesetze zu überdenken. Natürlich ist ein Familienleben – auch wenn es nicht immer perfekt ist – keinesfalls durch eine Heimunterbringung zu ersetzen. Selbst im Angels Home for Children, wo es den Mädchen an nichts fehlt und wo sie vielfältige Bildungsangebote bekommen, würden fast alle von ihnen lieber wieder bei ihrer Familie leben, wenn sie die Wahl hätten. Eine Mutter bleibt eine Mutter, besonders in den Augen ihrer Kinder. Man liebt sie und sie ist ein Teil von einem selbst, weshalb man ihr vermutlich mehr Fehler verzeiht als irgendeinem anderen Menschen auf der Welt. Und so kann selbst das liebevollste Personal oder die beste Erziehung nicht das ersetzen, was Mutterliebe bedeutet. In diesem Punkt verstehe ich unsere Mädchen und ich würde es jeder einzelnen von Herzen wünschen, dass sie in ihre Familie zurückgehen kann, sofern – und das ist für mich der wichtige Punkt – man dort liebevoll mit ihr umgeht und sie zumindest in einem gewissen Rahmen auch schulisch fördert. Es scheint, dass auch das Amt dieses Ziel verfolgt und damit hat Sri Lanka einen ganz beachtlichen Entwicklungsschritt getan, wie ich finde.

Natürlich gibt es noch viele Fragen, die offen bleiben und die zum jetzigen Zeitpunkt auch noch nicht beantwortet werden können. Auch wir sehen viele Aspekte noch kritisch. Trotzdem möchte ich an dieser Stelle nicht darauf eingehen, sondern diesen Bericht im Zeichen des Fortschritts stehen lassen. Sri Lanka entwickelt sich und viele Neuerungen sind in ihrem Ansatz grundsätzlich gut. Hoffen wir, dass sich daraus in den folgenden Jahren etwas machen lässt!