Und die Erinnerung bleibt...Tagebuch Julia Fischer. 18.05.2011


Fast ein halbes Jahr lang steckt nun schon Leben in unserem neuen Angels Home for Children. Der Alltag der Mädchen spielt sich nun komplett hier ab. Sie leben, schlafen, essen und lernen im neuen Gebäude und das ist für uns ein toller Verdienst nach dieser doch sehr anstrengenden Bauphase.

Trotzdem überkommt mich manchmal ein Gefühl der Wehmut und ich nutze diese Momente, um mich alleine auf das alte Grundstück zurückzuziehen und meinen Erinnerungen freien Lauf zu lassen. Egal, in welche Ecke ich schaue, sofort kommen mir Bilder aus vergangenen Tagen in den Sinn: Hier habe ich 2006 das erste Mal mit Anne Luftballon gespielt, dort habe ich mit Dishna gesessen und sie gefragt, ob sie das Heim wirklich verlassen möchte und da drüben haben wir immer Elle gespielt…

BenjaminEingang Angels HomeMit diesem Gebäude hat alles angefangen, hier hat Frank all seine Liebe und Energien der ersten Jahre investiert. Und  nun liegt dieses Haus einfach brach, alle Fenster und Türen sind verschlossen und der Garten verwildert langsam wieder. Der große Benjamin auf dem ehemaligen Spielplatz, der immer genügend Schatten gespendet hat und das Herzstück dieses Grundstücks war, ist wenige Tage nach unserer Grundsteinlegung für das neue Heim gestorben. Zunächst verlor er täglich ein Meer aus Blättern und später knickten auch die kahlen Äste nach und nach ab. Als hätte dieser alte Baum seinen Lebenssinn verloren. Die Wände des alten Hauses schimmeln schon und das Dach ist mittlerweile so undicht, dass sich große Pfützen im Haus sammeln. Hinter der Küche wuchert ein Kürbisgewächs und an sämtlichen Stellen des Gartens sprießt das Unkraut hervor. In den Zimmern weisen noch letzte Spielsachen darauf hin, dass sie mal Wohnraum von Kindern waren, während sich jetzt hauptsächlich Ratten, Warane und anderes Getier einquartiert haben.

Das alte Angels HomeKürbis wächst überallGarten verwildert

Wenn ich dort drüben auf der alten Bank neben dem Bambus-Strauch sitze – das einzige Überbleibsel, das nicht umgesiedelt wurde – und diesen Platz auf mich wirken lasse, werde ich traurig und nachdenklich. Hat es dieses alte Haus wirklich verdient, einfach aufgegeben zu werden, wo es doch so lange Kindern Schutz geboten hat, die teilweise aus wirklich schlimmen Verhältnissen gekommen sind? War es wirklich nur ein Gebäude oder nicht viel mehr Neubeginn, Hoffnungsträger und Wegbegleiter für viele unserer Mädchen? Ich kann es nicht sagen, vielleicht bilde ich mir das auch nur ein, aber irgendwie habe ich ein schlechtes Gewissen dem Haus gegenüber. Vielleicht versteht ihr ein bisschen, wie ich das 

In gut 3 Monaten müssen wir das alte Grundstück zurück an den Eigentümer übergeben und mir blutet ein wenig das Herz, wenn ich daran denke. Mit den Besitzern des Anwesens sind wir nie gut klar gekommen. Das einzige, woran sie stets denken konnten, war Geld und ihnen wird es auch egal sein, wer das Grundstück letztendlich bekommt, Hauptsache sie erhalten einen ordentlichen Kaufpreis. Wir vermuten eher, dass sie es gar nicht loskriegen, denn wer möchte schon neben einem Kinderheim wohnen? Somit bleibt das Haus wahrscheinlich leerstehen und gammelt unaufhaltsam vor sich hin. Dabei hätten wir so gute Ideen für seine Verwendung gehabt. Wir könnten es als Wohnhaus für die volljährigen Mädchen verwenden, um sie selbstständiger werden zu lassen, indem sie sich selbst versorgen, bevor sie das Angels Home irgendwann verlassen. Oder man könnte auch die Praktikantinnen dort unterbringen bzw. selbst dort einziehen, um einen noch besseren Blick auf das Heim und seinen Alltag zu haben.

Aber es macht keinen Sinn, darüber nachzugrübeln. Vielleicht muss man mit manchen Sachen im Leben halt auch einfach abschließen, auch wenn es schwer fällt und man die Erinnerungen nicht aufgeben möchte. Aber nur so kann man in die Zukunft blicken und da warten jetzt mit dem neuen Gebäude genug Herausforderungen auf uns.

Trotzdem wird das alte Angels Home for Children immer einen Platz in meinem Herzen haben, denn es war der Anfang eines Traums. Ein Traum, den Frank zunächst allein träumte und mit dem er mich später angesteckt hat: vernachlässigten Kindern neuen Mut zu geben und ihnen ihr Lächeln und ihre Kindheit zurück zu schenken.

Mit melancholischen Grüßen aus dem neuen Angels Home,

Julia.