Tagebuch Julia. Ich muss da mal was loswerden. 24.07.2009


 Nun wird's aber wirklich Zeit, dass auch ich mich mal wieder zu Wort melde. Nach fast 3-monatigem Deutschland-Aufenthalt, unzähligen liegengebliebenen Rechnungen und der ganzen Hektik mit dem neuen Grundstück weiß ich momentan gar nicht so richtig, was ich zuerst machen soll. Aber Zeit für einen kurzen Artikel von mir sollte schon sein.

Meine Zeit in Deutschland war diesmal zwar sehr lang, aber auch schön. Ich hatte endlich einmal Gelegenheit, alte Kontakte zu pflegen und viel Zeit mit meiner Familie und Freunden zu verbringen. Außerdem haben Frank und ich in Deutschland kräftig die Werbetrommel gerührt, unseren deutschen Verein gepflegt und ich habe in meiner Heimatstadt Meiningen ein kleines Patentreffen arrangiert, um die regelmäßigen Spender aus der Umgebung über die aktuelle Situation unseres Projekts zu informieren. Meine Freundin Kathi, die mich im Januar in Sri Lanka besucht hat, organisierte außerdem mit ihrer Familie eine kleine Benefizfeier zu Gunsten von Drylands, worüber wir aber auch schon auf unserer Aktionen-Seite berichtet haben. Alles in allem war mein Heimaturlaub also sehr erholsam und effektiv zugleich, obwohl ich die Mädels während dieser langen Zeit natürlich sehr vermisst habe und heilfroh bin, nun bereits seit fast 2 Monaten wieder hier zu sein.

Getreu dem Sprichwort „Wenn die Katze aus dem Haus ist, tanzen die Mäuse auf dem Tisch" ist während Franks und meiner Abwesenheit natürlich nicht alles optimal im Heim gelaufen und wir sind selbst nach 2 Monaten noch immer dabei, wieder Ordnung und Regeln in den normalen Heimalltag zu bringen. Das ist leider eine Sache, die viele Außenstehende oftmals nicht verstehen können. Wir werden oft gefragt, weshalb wir beide das Projekt eigentlich nicht von Deutschland aus organisieren können, aber dann würde eben genau das eintreten, was sich nach einigen Wochen Deutschland-Aufenthalt schon abzeichnet. So wurden eben auch dieses Mal wieder unnütze Ausgaben getätigt, Arbeitszeiten nicht eingehalten, Schulmaterialien verschwendet oder Spiele achtlos behandelt und kaputt gemacht, um nur einige Beispiele zu nennen. Normalerweise sollte man meinen, dass unsere Angestellten ihren Verhältnissen entsprechend froh sein sollten, einen solchen Job zu haben und auch während unserer Abwesenheit alles daran setzen, zu unserer Zufriedenheit zu arbeiten. Genauso hat man nach europäischem Denken die Vorstellung, dass unsere Mädels, die doch alle aus sehr ärmlichen und einfachen Verhältnissen kommen, die Schulmaterialien, Spielsachen und anderen Vorzüge, die sie gegenüber anderen Kindern im Heim genießen können, sehr zu schätzen wissen und dementsprechend sorgfältig und pfleglich damit umgehen. Wenn man die Mentalität der Singhalesen jedoch über einen längeren Zeitraum kennengelernt hat, wird einem schnell klar, dass man mit seiner Meinung oftmals falsch liegt und manchmal ist es gar nicht so einfach, sich das einzugestehen und trotzdem weiterhin für das Projekt zu kämpfen und vollstes Engagement zu zeigen.

Ich möchte an dieser Stelle ein kleines Beispiel aufzeigen. Als wir vor einigen Monaten unsere Bibliothek im Angels Home eröffnet haben, war die Freude der Kinder groß und unsere Erwartungen an dieses Projekt voller Enthusiasmus. Die Mädels sollten alle für bestimmte Kategorien verantwortlich sein, diese regelmäßig überprüfen und sauber machen. Das langfristige Ziel war, dass die Kinder die komplette Verwaltung der Bibliothek irgendwann selbst übernehmen, obwohl uns natürlich damals schon klar war, dass dies viel Geduld, Ausdauer und Zeit benötigen wird. Kritische Leser unserer Homepage waren damals der Meinung, dass 2.500 Bücher ein zu großer Vorzug für unsere Kinder wäre und dass wir doch - wenn wir schon so eine tolle Bibliothek eingerichtet haben - die Bücher auch anderen Kindern in Marawila zugänglich machen sollten, beispielsweise in Form einer öffentlichen Ausleihe einmal im Monat. Die Idee ist mit westlichem Denken natürlich sehr einleuchtend und scheint auch Sinn zu machen. Die Bilanz nach meinem 3-montigen Aufenthalt in Deutschland ist jedoch folgende: Die Bücher wurden seit meiner Abreise nicht mehr gecheckt und gesäubert, es fehlten abwechselnd ca. 30 Bücher und 5 Bücher sind ganz verschwunden, die Reihenfolge und teilweise auch der Zustand der Bücher sind eine Katastrophe und in einigen Regalen haben sich bereits Termiten eingenistet. Natürlich wussten die Kinder vor meiner Abreise, was sie zu tun haben und trotzdem hat es nicht funktioniert. Wenn also nicht einmal die Ausleihe bei unseren 19 Mädchen im Angels Home funktioniert, wie sollte man das Ganze dann öffentlich realisieren? Wahrscheinlich hätten wir in einem halben Jahr nur noch die Hälfte der Bücher und den Rest würden wir vermutlich nie wieder sehen.

Was ich damit sagen möchte, ist, dass Ordnung und Sauberkeit in Sri Lanka bei weitem nicht die gleiche Rolle spielt wie in Deutschland und dass viele Menschen mit westlichem Denken - wobei ich mich nicht ausschließen möchte - oftmals gar keine Vorstellung davon haben, wie neue Ideen oder Vorhaben mit singhalesischer Mentalität angenommen werden und mit welchen Problemen wir hier tagtäglich zu kämpfen haben. Da wir jedoch stets darum bemüht sind, jeden Euro an Spendengeldern sinnvoll zu investieren und nicht wie andere Hilfsorganisationen Millionen zur Verfügung haben (um beispielsweise einfach jedes Jahr eine neue Bibliothek einzurichten), geht es eben nicht anders, als dass wir selbst kontinuierlich vor Ort sind und das Projekt persönlich begleiten. Und damit haben Frank und ich alle Hände voll zu tun, was viele Menschen sich eben auch nicht vorstellen können. Um in Sri Lanka effektiv und kostensparend zu helfen, muss man sich meiner Meinung nach unbedingt an folgenden Leitspruch halten: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.

Natürlich möchte ich mit meinen Schilderungen nicht alle Kinder über einen Kamm scheren. Es gibt auch viele Mädels, die seit ihrer Aufnahme im Angels Home schon sehr viel gelernt haben und pfleglich mit all ihren Sachen umgehen. Das sind dann eben die kleinen Erfolge unserer Arbeit, für die es sich zu kämpfen lohnt und anhand deren man weiß, dass das eigene Engagement und Herzblut, welches man in dieses Projekt steckt, irgendwann doch Früchte trägt, auch wenn der Weg dorthin in fast allen Fällen sehr lang und steinig ist.

Wie auch immer - ich musste diese Worte einfach mal loswerden, da man zwischenzeitlich immer wieder Menschen begegnet, die den Aufwand und die Arbeit dieses Projekts nicht einschätzen können. Dies soll keineswegs ein Vorwurf sein, aber ich hoffe, mit meinen Zeilen wenigstens ansatzweise vermittelt zu haben, dass bei uns eben auch nicht alles Friede-Freude-Eierkuchen ist und dass man mit westlichem Denken hier meistens nicht weit kommt, sondern dass man sich stattdessen in die Mentalität der Singhalesen versetzen muss, was bei dieser Arbeit wohl die größte Herausforderung darstellt.

Abschließend aber auch noch ein paar erfreuliche Worte von mir. Wie ihr bestimmt schon in den anderen Berichten oder auch im letzten Newsletter gelesen habt, werden wir auch aktuell wieder regelmäßig von Praktikantinnen aus Deutschland unterstützt. Dazu möchte ich an dieser Stelle einmal ein großes Lob an unsere derzeitigen Praktikantinnen Daniela und Manuela aussprechen sowie auch an ihre Vorgängerin Eun-Hye. Da ich momentan leider sehr viel Papierkram zu erledigen habe, bleibt mir kaum noch Zeit für die früheren alltäglichen Dinge mit den Kindern wie beispielsweise Nachhilfe-Unterricht, Schulschrank-Verwaltung oder Bibliotheksdienst. Deshalb freue ich mich natürlich umso mehr, dass mich die aktuellen Praktikantinnen so gut im Heim vertreten und ihre Sache wirklich spitze machen! Dafür auf jeden Fall ein riesengroßes Dankeschön und macht weiter so!