Tagebuch Julia. Und wieder ein Jahr älter... 27.09.2008


 Die vergangene Woche war ziemlich ereignisreich und ich werde nun mal versuchen, Einiges der letzten Tage zusammenzufassen.

Seit gestern sind Frank und ich wieder alleine, da unsere Praktikantin Steffi sich gestern Vormittag wieder auf den Weg nach Deutschland gemacht hat. Ein zusammenfassender Abschlussbericht von Steffi wird in den nächsten Tagen noch folgen. Wir möchten uns an dieser Stelle auf jeden Fall noch einmal ganz herzlich für die Unterstützung in den letzten 2 Monaten bedanken! Steffi konnte uns computer- und internettechnisch sehr gut unter die Arme greifen und auch mit den Mädels hat sie sich super verstanden. Ich glaube, am Ende ist ihr der Abschied auch nicht ganz leicht gefallen, aber dazu sicherlich mehr in ihrem Bericht.

Vergangenen Montag haben Steffi und ich noch die Schule unserer Mädels besucht und einen halben Schultag dort verbracht, damit auch Steffi mal die Unterschiede zwischen einer deutschen und einer (dörflichen) singhalesischen Schule sehen kann. Vielleicht wird Steffi auch dazu noch selbst etwas in ihrem Bericht schreiben, aber um es mal vorweg zu nehmen: Bisher war jede Praktikantin, mit der wir diese Schule besucht haben, geschockt über die Zustände, die dort herrschen. Ich war ja nun schon öfters dort und bin trotzdem jedesmal erstaunt, dass die Lehrer sich nicht einmal dann Mühe zu geben scheinen, wenn jemand zu Besuch ist und sie beobachtet. So haben wir es auch diesmal wieder erlebt, dass Lehrer gar nicht oder auch viel zu spät zum Unterricht erscheinen und die Schüler während dieser Zeit einfach nur rumsitzen und sich langweilen. Auch scheinen die Lehrer es absolut nicht zu schaffen, Ruhe und Disziplin in die Klassen zu bringen. Ein Besuch in Asadis Klasse hat uns beispielsweise gezeigt, dass die Kinder dort sogar auf Tischen und Stühlen rumhüpfen dürfen, ohne dass jemand etwas sagt. Trotz dieser schrecklichen Lernbedingungen hat der Direktor wieder die Gelegenheit ergriffen, uns mitzuteilen, wie schlecht einige Mädchen aus dem Angels Home doch in der Schule sind, obwohl sie hier "Bildung von hoher Qualität" (das war tatsächlich sein Wortlaut) erhalten. Er fragte mich außerdem, woran das denn liegen würde und ob es uns nicht möglich wäre, für die Abendstunden noch einen zusätzlichen Nachhilfelehrer zu engagieren. Daraufhin musste ich mich wirklich zusammenreißen, dass ich nicht unhöflich werde und ihm mal richtig die Meinung geige, wie schlecht seine Schule und insbesondere die Lehrer eigentlich sind und dass es unter diesen Umständen gar kein Wunder ist, dass die Mädchen keine besseren Ergebnisse bringen. Aber nein... Stattdessen habe ich einmal ganz tief Luft geholt, alles runtergeschluckt und ihm auf eine freundliche Art und Weise geantwortet. Immerhin muss man bedenken, dass all unsere Mädels in diese Schule gehen und wir können es uns momentan nicht leisten, sie alle auf eine andere Schule zu schicken. Also habe ich dem Direktor nett und freundlich erklärt, dass die meisten unserer Kinder aus sehr problematischen Familienverhältnissen kommen und vor ihrem Einzug ins Angels Home teilweise nur unregelmäßig oder gar nicht zur Schule gegangen sind. Außerdem habe ich ihm gesagt, dass ich nicht glaube, dass sich die schulischen Leistungen nur durch einen zusätzlichen Nachhilfelehrer verbessern würden, da die meisten Probleme ganz woanders liegen, als dass man sie mit noch mehr Lernerei beheben könnte. Ich habe ihm erklärt, dass die Mädchen in der Schule bereits von 7.30 bis 13 Uhr (die älteren teilweise sogar bis 15 Uhr) auf ihren Stühlen sitzen und lernen müssen. Wenn sie dann ins Heim kommen, essen sie Mittag und danach machen sie ihre Hausaufgaben, was auch meistens bis zu 2 Stunden dauert. Danach sollen die Kinder meiner Meinung nach unbedingt noch 1-2 Stunden spielen können, auch wenn dies in Sri Lanka für Mädchenwaisenheime vielleicht nicht so üblich ist. Trotdem sind es doch immer noch Kinder und sie brauchen ihren Freiraum und Zeit, in der sie sich austoben können.

Wie auch immer - dieser Schulbesuch hat wieder einmal zum Nachdenken angeregt und wir haben beschlossen, die Hausaufgabenbetreuung zu verbessern. Wir haben noch am selben Nachmittag alle Mädchen und das ganze Personal zusammen gerufen und gemeinsam beratschlagt, wie wir etwas ändern können. Wir haben zwar schon seit Anfang diesen Jahres eine zusätzliche Aushilfskraft, die den Mädels bei den Hausaufgaben hilft, aber es ist auch durchaus einzusehen, dass eine Person alleine kaum 20 Kinder beaufsichtigen kann. Somit sollen in Zukunft alle vom Personal mit helfen, dass die Mädchen am Nachmittag ordentlich und vor allem etwas zügiger ihre Hausaufgaben machen. Jeder der Angestellten ist nun für eine bestimmte Klasse verantwortlich und sitzt am Nachmittag gemeinsam mit den betreffenden Mädchen an einem Tisch und betreut sie bei den Hausaufgaben. Sobald die Kids alles erledigt haben, dürfen sie aufstehen und spielen, was als Anreiz dienen soll, damit sie nicht mehr so viel trödeln und vor sich hin träumen. 

Ich bin in Zukunft für Jeeva und Chathumini (8. Klasse), Mali und Saduni (10. Klasse) sowie für Sujeeva (11. Klasse) verantwortlich. Da Sujeeva zum wiederholten Male sehr schlechte Examensergebnisse hatte und ihr Schulabschluss im Dezember mehr als gefährdet ist, habe ich beschlossen, meinen zusätzlichen Englischunterricht an den Wochentagen erst einmal auf Eis zu legen bzw. nur noch bei Gelegenheit abzuhalten und mich stattdessen die nächsten Wochen und Monate intensiv um Sujeeva zu kümmern. 

Außerdem haben wir kürzlich das erste Mal zu Ohren bekommen, dass an der Schule unserer Mädels die Examensergebnisse im Fach Mathematik einen wesentlich höheren Stellenwert in der Gesamtbewertung einnehmen als die Ergebnisse in den Fächern Englisch und Singhalesisch. Somit wird auch unsere zusätzliche Privatlehrerin an den Sonntagen ihr Augenmerk in Zukunft mehr auf Mathematik legen und nur noch gelegentlich Englisch unterrichten. Die Mädchen hatten fast alle katastrophale Mathe-Ergebnisse (was aber nicht nur bei unseren Kindern so war, sondern auch bei den anderen Schülern, wie ich mir vom Direktor habe sagen lassen) und aufgrund der stärkeren Gewichtung dieses Fachs muss sich da in Zukunft unbedingt etwas ändern.

Bisher funktioniert unser neues Hausaufgaben-System ganz gut und ich hoffe wirklich sehr, auch mit Sujeeva in der nächsten Zeit einige Fortschritte zu erzielen, damit sie Ende des Jahres ihren Abschluss bekommt. Ich werde euch über die weiteren Entwicklungen auf dem Laufenden halten.

Nun zu einem anderen Thema: Am Dienstag hatte ich meinen 25. Geburtstag und wie sollte es anders sein - es war wieder ein ganz besonderer Tag im Angels Home. Als ich gegen Mittag mit Frank ins Heim gekommen bin, war bereits das ganze Grundstück mit unzähligen Luftballons geschmückt und das sah wirklich toll aus. Da wurde mir auch klar, weshalb Steffi an diesem Tag schon vormittags ins Heim gefahren ist, obwohl die Mädels doch in der Schule waren. An dieser Stelle nochmal lieben Dank an Steffi und Laxman, die sich die Mühe gemacht haben, alles so schön zu dekorieren.

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  Nach dem Mittag haben die Mädels - wie immer - erstmal ihre Hausaufgaben gemacht und so gegen 15 Uhr wurde nach und nach alles für eine kleine Geburtstagsfeier hergerichtet. Natürlich bekam ich auch einen super leckeren Kuchen, um genau zu sein sogar zwei, weil der kleinere (wohlgemerkt in Herzform) lediglich dazu da war, um die ganzen Kerzen hineinzustecken... Winken

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  Natürlich musste auch ich die übliche Prozedur über mich ergehen lassen: Kerzen anzünden (das war an diesem Tag gar nicht so einfach, weil es sehr windig war), anschließend ausblasen und dabei etwas wünschen und schließlich mit dem ersten Kuchenstück umherlaufen und jeden einmal abbeißen lassen. Danach bekam jeder noch ein eigenes Stück Kuchen und schließlich wurden wir aufgefordert, hinein zu gehen, da die Mädels natürlich wieder ein kleines Programm für mich vorbereitet hatten.

Als erstes sind einige der Mädchen hervorgetreten und haben eine kleine Rede für mich gehalten (selbstverständlich auf englisch). Spätestens als Anne und Chanchala an der Reihe waren (die beiden kenne ich ja nun schon am längsten), sind mir auch glatt ein paar Krokodilstränen über die Wangen gelaufen, weil ich so gerührt davon war. Anschließend haben die Mädels eine Showeinlage nach der anderen gebracht und es war wieder einmal köstlich. Leider waren wir alle vom Programm und vom Talent der Kids so überwältigt, dass wir ganz vergessen haben, Fotos zu machen. Den Abschluss der Vorführung bildete ein witziger Auftritt von Dinesha, Surangika und Hiruni, die zu dritt ein Pferd mit Reiter gespielt haben. Dinesha und Surangika bildeten das Pferd (eine die Vorder- und eine die Hinterbeine) und Hiruni, das Fliegengewicht, war der Reiter und saß dabei auf Surangikas Rücken. Das war wirklich zum Schießen und wir haben uns alle köstlich amüsiert.

Natürlich habe ich auch wieder von allen Mädels wunderschöne selbst gebastelte Geburtstagskarten bekommen, wobei sie ihre ganze Kreativität unter Beweis gestellt haben. Auch das Personal hat sich diesmal richtig ins Zeug gelegt und einige von ihnen haben mir sogar ein kleines Geschenk gekauft. Das fand ich total süß.

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  Am Abend hat Frank für mich noch einen gemütlichen Abend am Strand mit Lagerfeuer und Kerzen organisiert. Laxman, Rukmal und Steffi waren auch dabei und somit hatte ich sogar im sonst so langweiligen Marawila eine kleine Geburtstagsparty. Alles in allem war es ein sehr schöner Tag!

So... was gibt es sonst noch für Neuigkeiten? Wir haben vergangene Woche im Angels Home ein Krankenzimmer eingerichtet. Ursprünglich war dies schon länger geplant, aber da wir ja nächstes Jahr im August sowieso das aktuelle Grundstück verlassen müssen, wollten wir uns die Ausgaben dafür eigentlich sparen. Nun hat unsere Heimleiterin aber gemeint, dass es wirklich wichtig wäre, die kranken Kinder in einem separaten Raum unterzubringen, nicht nur wegen der Ansteckungsgefahr, sondern auch, damit sie mehr Ruhe zur Genesung haben. Also haben wir den kleinen Stauraum im hinteren Teil des Gebäudes hergerichtet, ein weiteres Bett sowie ein Mosikitonetz gekauft und dort ein Krankenzimmer für die Mädels eingerichtet.

Außerdem haben wir letzte Woche für alle Schlafräume im Angels Home Ventilatoren gekauft und auch gleich installieren lassen. Momentan ist es wirklich sehr heiß in Sri Lanka und auch der Moskitobefall im Heim ist sehr stark. Wir hoffen, dies durch die neuen Ventilatoren etwas zu verbessern.

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 So, das soll's von meiner Seite erst einmal an News gewesen sein. Es gibt allerdings noch etwas zu berichten und in diesem Zusammenhang gab's auch noch eine neue Anschaffung im Angels Home. Alles zu diesem Thema werdet ihr jedoch in Kürze in Franks Tagebuch nachlesen können... Lachen