„Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann.“


Lass mich mal überlegenSo rund wie in der Zeit hier im Angels Home fühlte sich mein Kopf selten an. Die Richtung meiner Gedanken ändert sich seit ich hier bin ständig. Auf den Kopf gestellt, hieß mein erster Beitrag und man könnte davon ausgehen, mit dem Einleben hier, rückt die Welt wieder in die ursprüngliche Position. Weit gefehlt.

Ich habe aber in der Zwischenzeit immer mehr gelernt, Ereignisse im kulturellen und gesellschaftlichen Kontext zu sehen. Ich habe gelernt, Meinungen die ich hatte zu hinterfragen und zu ändern. Das fiel mir in meinem bisherigen Leben gar nicht so leicht. Ich kann da ziemlich dickköpfig sein und bin bestimmt häufig nicht die angenehmste Diskussionspartnerin.

Es ist leichter eine Meinung beizubehalten, als sie zu ändern. Eine Meinung zu ändern erfordert einiges. Das Ändern einer Meinung kann dazu führen, dass man aneckt, dass man erklären muss, wie es dazu kommen konnte, dass man plötzlich über etwas ganz anders denkt. Es kann dazu führen, dass man noch weitere Haltungen überdenken muss und so einiges ins Wanken gerät.

„Alt geworden, fühlt der Denkende sich weniger als je vollendet.“ Diese Aussage von Karl Jaspers beruhigt mich auf eine suspekte Weise. Sie sorgt dafür, sich selbst als lebenslang Lernende zu verstehen. Als jemanden der die Möglichkeit hat, neue Erfahrungen ständig in das eigene Selbstkonzept mit aufzunehmen und seine Grundeinstellungen immer wieder zu überdenken. Sich nicht vollendet zu fühlen, klingt zunächst eher negativ, ist meiner Meinung nach aber unglaublich wichtig und kann antreiben.

Nach den vielen gestellten, unbeantworteten Fragen, möchte ich in diesem Beitrag nun einige Dinge festhalten, denen ich mir, jedenfalls stand heute, sicher bin.

Hanna Arendt, vertritt die Meinung, dass in jeder sozialen Situation Macht eine Rolle spielt. Diese Ansicht faszinierte mich und doch wollte ich dieser zunächst widersprechen. Macht war zu diesem Zeitpunkt für mich eher negativ konnotiert und Assoziationen wie Gewalt, Gehorsam und Ungerechtigkeit, kamen mir in den Sinn.

Doch nach der ersten Philosophiestunde, begann sich diese Ansicht zu wenden. Die Hypothese, dass in jeder sozialen Situation Macht eine Rolle spielt und ein Spannungsverhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft herrscht, stimmte mich nachdenklich. Der Ansatz, Macht nicht nur auf gewaltsame Durchsetzung des eigenen Willens zu reduzieren, gefiel mir. Macht ist wechselseitig und haben immer beide betroffenen Parteien. Die Herrschenden und die Beherrschten oder eben auch die Erzieher/innen und die Zu-Erziehenden.

Dintihi winkt abIch bin mir sicher, dass wir bewusster mit der Macht umgehen und sie gezielt einsetzen sollten. Tagtäglich. Nicht die Macht, die auf blinden Gehorsam des Gegenübers basiert. Nicht die Macht, die gebraucht wird um etwas gegen den Willen eines anderen durchzusetzen. Nicht die gewaltsame Macht, sondern die, die ermöglicht, befähigt und Freiräume gibt.

Wir alle haben Macht. Wir haben Macht, weil wir durch unser Verhalten eine ganz bestimmte, einzigartige Reaktion beim Gegenüber auslösen können.

Wir können die Kinder hier tagtäglich ermächtigen ihren eigenen Kopf zu benutzen. Wir können versuchen ihnen zu zeigen, dass sie die Chance auf ein unabhängiges, selbstbestimmtes Leben haben. Viel mehr noch, dass sie um diese Chance kämpfen sollten.

Eine weitere Sache, der ich mir sicher bin ist, dass es wichtig ist intuitiv aus dem Bauch und mit dem Herzen Entscheidungen zu treffen. Viele pädagogische Konzepte, die uns in Deutschland häufig weiterbringen, sind hier so unnütz, wie ein dicker Wollpulli. Zunächst ist da die sprachliche Barriere. Die kulturellen und bildungsspezifischen Unterschiede wurden schon so häufig angesprochen, sind aber tatsächlich Wahnsinn. Für uns ist das Verhalten der Einheimischen Mitarbeiterinnen oft sehr fragwürdig und bewertet man beispielsweise Aussagen wie: „You act like a boy not a girl“, fällt diese eher nicht so gut aus. Dieser Satz fiel, als ich einem Mädchen erklärte, dass es nicht in Ordnung ist Steine über einen Baum zu werfen, wenn sie gar nicht weiß ob da andere Kinder sind. Dass zwischen Mädchen und Jungen große Unterschiede gemacht werden, war klar. Doch, dass diese sogar durch Personen vom gleichen Geschlecht so verinnerlicht sind, ist schon verrückt.

So einige Dinge gehören sich hier für Frauen einfach nicht. Lautes Lachen in der Öffentlichkeit, abends alleine noch rauszugehen oder Alkohol zu konsumieren. Umso verrückter ist es, dass die Mädchen sich hier oft vor Lachen nicht halten können. Genauso die einheimischen Kolleginnen nicht, die teilweise so eine laute, dröhnende Lache haben, dass sogar ich daneben leise klinge und das soll wirklich was heißen!

Bild 2 Mit den Mädchen nochmal Kind seinBeobachtet man dann im Gegenzug die Kinder beim Abendessen und die Stimmung dort, erkennt man sowohl Kinder als auch Erzieherinnen oft nicht wieder. Meist sind alle total still, es werden Strafen verteilt und Ansagen in fast unerträglicher Lautstärke gemacht. Diese Situation ist für uns oft befremdlich, da wir es gewohnt sind, dass gemeinsames Abendessen etwas Geselliges ist. Jedoch muss man die über 50 Mädchen natürlich auch irgendwie bändigen und sie auch so erziehen, dass sie in der Welt draußen, die eben hier ganz anders geprägt ist, auch bestehen können. Man kann sie nicht völlig behütet und nur unter Berücksichtigung deutscher, pädagogischer Konzepte erziehen. Das zu akzeptieren war für mich anfangs nicht ganz leicht. Doch ich gewöhnte mich extrem schnell daran und verstand auch wieso viele Dinge so sind wie sie sind. Vor allem auch, in dieser Welt, in Ordnung sind wie sie sind.

Zu erwähnen ist hierbei, dass Frank und Julia keine Gewalt dulden und auf Aussagen von uns, wenn Kolleginnen zu Kindern grob sind, sofort reagieren. Es muss sich hier in Sri Lanka einfach von Grund auf einiges ändern und ich hoffe, dass sich das auch noch weiter tut. Ich wünsche mir, dass die Menschen in Sri Lanka irgendwann lernen richtig zu streiten und untereinander Konflikte nicht mit Gewalt lösen. Ich hoffe, dass sie die Vorteile in ehrlichen Diskussionen erkennen und dass es wichtig ist auch jüngeren Menschen und Frauen auf Augenhöhe zu begegnen.

Lernen auf AugenhöheIch denke, dass Macht in dieser Kultur häufig noch falsch eingesetzt wird. Ich hoffe, dass die Einflüsse unserer westlichen Kultur im Laufe der Zeit dazu beitragen, dass Bildung mehr auf Augenhöhe basiert. Dass die Kinder die Chance haben die Welt mit all ihren Möglichkeiten zu erleben. Dass auch ihr Land eines wird, das mehr Möglichkeiten und bessere Bildungschancen bieten kann. Ich hoffe, dass vor allem Deutschland sich viel mehr der Bildungsunterstützung anderer Länder annimmt. Ich wünsche mir, dass die Machthabenden endlich ihre Macht für die Ermächtigungen und Befähigungen der Menschen, die noch keine guten Zugänge zu Bildung haben, einsetzen. Schaut man sich an wie lächerlich die Summe ist, die Deutschland in Bildung in anderen Ländern investiert, müsste man fast unseren Umgang mit Macht noch stärker kritisieren. Wir haben die besten Zugänge, es geht uns in so vielerlei Hinsicht extrem gut und trotzdem nutzen wir nicht unsere Ressourcen um bei der Unterstützung anderer anzuknüpfen.

Ich wünsche mir, dass die Menschen in diesem Land irgendwann den Luxus erfahren, sich Gedanken zu machen wie wir das oft tagtäglich tun. Trotzdem wünsche ich mir für sie, dass sie dadurch nicht ihre Leichtigkeit und kindliche Naivität verlieren. Von diesen Eigenschaften können wir uns manchmal etwas abschauen.

Ich wünsche den Menschen und vor allem den Mädchen hier, dass sie in ihrem weiteren Leben einzelne Momente erleben können, in denen sie reflektieren und diskutieren, sich gewaltfrei streiten und versöhnen und ihre Gedanken die Richtung ändern.

Und da wünschen alleine nicht genug ist, sollten wir alle unseren Teil dazu beitragen, die Welt ein bisschen besser zu machen. Sei es auch nur ein klein wenig.

Liebe Grüße,

Valentina

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