Die Kunst mutig zu sein


Was ist schon normal und wer möchte das überhaupt seinAls ich mit meinem Studium zur Sozialen Arbeit begonnen habe, hatte ich meine ersten Sitzungen bei einem sehr temperamentvollen Argentinier. Er begann und beendete jede Vorlesung mit der Frage „Was ist eigentlich Normalität?“ Dazu noch seinen unverkennbaren Akzent hinzugedacht und schon ist der Wiedererkennungswert perfekt. Er riet jede Stunde dazu, Mut zu beweisen. Mut dazu, Dinge die selbstverständlich als normal angesehen werden, zu hinterfragen. Seine Worte hallten in mir lange nach und ich sehe ihn sehr oft vor meinem inneren Auge. Die Frage, die Professor Aparicio, nebenbei gesagt, nie beantwortete, beschäftigt mich nun schon seit langem und hier im Angels Home, mehr als je zuvor.

Ihr merkt schon, dass mit den ständigen Fragen scheint sich durch meine Beiträge zu ziehen und mit Antworten kann ich nicht dienen. Doch brauchen wir im Leben ständig auf alles Antworten? Sind nicht häufig Diskussionen, Erfahrungen und der Austausch über diese wichtiger als vorgefertigte Aussagen?

Man könnte in die Richtung überlegen, ob normal sein nicht sogar etwas Negatives ist. Ob normal sein vielleicht impliziert, dass man aufhört über sich selbst nachzudenken. Möglicherweise Fehler eher in anderen sieht. Normal könnte heißen, nicht aus der Reihe zu tanzen und immer zu sein wie die Mehrheit. Doch was, wenn die Mehrheit irrt?

Ich habe den Mut einzigartiWas, wenn der Einzelne der anerkennt, dass es nicht nötig ist mit dem Strom zu schwimmen und den Blickwinkel zu erweitern, viel verändern kann?

Was ist, wenn das eigentliche Problem unserer Gesellschaft, genau dieser Drang normal sein zu wollen, ist. Der Drang dazu gehören zu wollen ohne genau zu hinterfragen zu was eigentlich. Blind Trends und Vorgaben zu folgen.

Jede hat ihre eigenen farbenfrohen FacettenAuf die Dauer der Zeit nimmt die Seele irgendwann die Farbe der Gedanken an, sagte Marcus Aurelius, italienischer Philosoph und Kaiser. Was, wenn die Gedanken eintönig sind. Möchten wir eine Seele die grau und blass ist? Oder möchten wir Vielseitigkeit, Andersartigkeit und Mut fördern, vorleben und feiern?

Mut, dazu anzuerkennen, dass man nicht immer Antworten kennt. Mut es zu genießen sich Fragen zu stellen, die sich nicht durch das Lesen von Fachliteratur beantworten lassen. Die sich möglicherweise nie beantworten lassen. Mut dazu, Unwissenheit nicht nur zu akzeptieren, sondern zu nutzen um sich unvoreingenommen und mit neugieriger Haltung in neue Herausforderungen zu stürzen.

Mut dazu, es zu wagen ein Projekt auf die Beine zu stellen, wie dieses hier. Mut dazu, sich direkt nach dem Abitur daran zu beteiligen. An dieser Stelle großen Respekt an Marla und Hanna. Mut, sich kein vorgefertigtes Leben zu wünschen in dem jeder Schritt sorgfältig geplant ist. Mut sich einfach ins Leben zu stürzen, wie Jana unsere Älteste im Kreis der Praktikantinnen, die immer den Überblick behält. Mut dazu, sich auf sich selbst zu besinnen und das zu tun was man möchte. Groß zu träumen. So wie es Julia und Frank getan haben und immer noch tun. Den Mut, Gutes zu tun und sich den Freiraum zu lassen, immer wieder zu überdenken was das Gute überhaupt ist. Das Gute ist nicht einfach so zu definieren und viele Philosophen haben sich damit auseinandergesetzt. Auch mir geht es hier gerade so, dass ich festgefahrene Denkmuster zur Einteilung in gut und schlecht bzw. böse überdenken muss.

Hand in HandPlaton nennt das Gute „das größte Lehrstück“ dies ist aber nach ihm, auch gleichzeitig das größte Leerstück. Damit drückt er aus, dass es schwierig ist immer nach dem Guten zu handeln und dass es umso schwieriger ist das „Gute“ zu definieren. In einer Schrift beschreibt Platon das Gute sehr kitschig. Er bezeichnet es als „unverzichtbaren Nährstoff für das Gefieder der Seele.“

Das Buch das ich momentan lese, „Die Kunst kein Egoist zu sein“, beschäftigt sich mit den vielseitigen Annäherungen zum Thema Gut und Böse. Wie der Titel schon zeigt, altruistisch, also uneigennützig zu handeln ist eine Kunst. Das Gute soll ein Nährstoff für die Seele sein. Ich finde daher, könnte man daraus den Schluss ziehen, dass jede gute Tat, jeder gute Gedanke, einen selbst weiterbringt und die Farbe der Seele in den buntesten Farben strahlen lässt. Vielleicht können wir wahrnehmen, dass wir um gut zu handeln nicht völlig selbstlos sein müssen.

Trotz allem, ist noch nicht geklärt was „Das Gute“ nun wirklich ist und wie es definiert werden kann. Zum Glück habe ich nicht den Anspruch an mich das zu klären, denn daran sind schon die größten Philosophen gescheitert. Eins kann ich aber sagen und das ist, dass das was hier passiert, verdammt gut ist.

Liebe Grüße,

Valentina