Kleine Mysterien


Titelbild. Kleine MysterienIch kann nicht in Worte fassen, was ich alles in den letzten Wochen erleben durfte, was ich für Erfahrungen machte und was diese Zeit mit mir gemacht hat. Dazu gingen mir zu viele, flüchtige Gedanken durch den Kopf, die sich teilweise von dem einen auf den anderen Moment wieder änderten.

 Lachen ist gesundWas ich jedoch festhalten möchte, ist, dass es eine unglaubliche Zeit war. Ich durfte die beeindruckendsten Persönlichkeiten kennenlernen und Tag für Tag neue Seiten an ihnen entdecken. Talentiert, selbstständig, fürsorglich, offen, schüchtern, verrückt, wild, ruhig, lustig, frech - aber vor allem echt. Sie verstellen sich nicht, versuchen nicht jemand zu sein, der sie nicht sind. Allesamt sind sie unglaublich, eine Jede auf ihre Art. Und so sind sie mir unfassbar ans Herz gewachsen. Sie sind zu Freundinnen geworden, mit den man Lachen, verrückt sein und Spaß haben kann, die sich gegenseitig trösten, wenn es einem mal nicht gut geht, oder mit denen man auch offen über ernste Themen sprechen kann. Hierbei ist jedoch auffallend, wie eingeschränkt ihr Horizont ist. Ihr Wissen über die Welt reicht meist nicht über Indien hinaus, ihre Lebenserfahrung ist gering. Es kommt mir vor als Leben sie in ihrer eigenen kleinen Welt.

Bild 2 Unter EinheimischenEinzigartig war es außerdem, eine Kultur auf diese Weise kennenzulernen und es ist definitiv etwas ganz anderes, als ein Land nur zu bereisen. Man erfährt das wahre Leben, wird mit den Problemen des Landes konfrontiert und entdeckt die drastischen Unterschiede zwischen den Kulturen. Diese Unterschiede werden nicht durch die offensichtlichen Dinge, wie das andere Klima, das andere Aussehen der Menschen oder die andere Sprache ausgemacht. Vielmehr sind es unterschiedliche Weltanschauungen, Verhaltensweisen, Tagesabläufe, Rituale, Denkweisen, Werte, andere Normalitäten. Es sind die Dinge, die einem erst auffallen, wenn man sich für einen längeren Zeitraum in der anderen Kultur aufhält, den Alltag der Menschen lebt und versucht sich anzupassen.

Für mich ist es erstaunlich, wie schnell man sich an ein so anderes Leben auf der anderen Seite der Welt, in einer so anderen Kultur einfindet. Dinge, wie das Essen mit der Hand, das stetige Umgeben sein von all den Mädchen oder der geregelte Tagesablauf wurden für mich so zur Normalität, dass mein Leben zuhause unvorstellbar und so weit weg zu sein scheint.

In Sri Lanka lernt man eine absolut andere Normalität kennen, weshalb Dinge, die ich bisher als normal empfunden habe, nun nicht mehr so normal und selbstverständlich sind, dafür jedoch Neues zur Gewohnheit geworden ist. Ich bin beispielsweise immer wieder darüber erstaunt, mit welcher Vorliebe ich inzwischen singhalesische Musik höre, mich ihrem ausgefallenen Kleidungsstil anpasse, zu jeder Mahlzeit Reis esse oder mich an die gefühlt täglichen Stromausfälle gewöhnt habe. (Den Gefallen an Bollywoodfilmen finde ich jedoch immer noch nicht!!)

Im touristischen Hikkaduwa erlitt ich nun den Kulturschock, der bei meiner Ankunft in Sri Lanka ausblieb und muss mich nun erst einmal wieder an die westliche Kultur gewöhnen.

Bild 3 Unterwegs im wunderObwohl ich mich jetzt schon seit einigen Tagen nicht mehr im Angels Home befinde, kreisen meine Gedanken weiterhin um das Leben dort. Ich vermisse die Mädchen unglaublich, aber auch das Leben vor Ort. Ich vermisse es Nadishas sagenhaftes Reis&Curry zu essen, gegen Sachini im Ligretto zu verlieren, sogar die Gartenarbeit zu erledigen.

Es ist eine Zeit, voller unbeschreiblicher Momente. Und weil all diese Momente und Erfahrungen wahrhaftig nicht zu beschreiben sind, ist diese Zeit für mich ein kleines unerklärliches Mysterium.

Manchmal müssen wir akzeptieren, dass es Dinge oder auch Momente gibt, die nicht so einfach zu beschreiben sind, sondern die man selber erlebt haben muss, obwohl man sie selbst dann häufig noch nicht genau versteht.

Bild 4 Outfit of every dayManchmal geht es vielmehr darum, Situationen und Eindrücke aus mehr als nur einen Blickwinkel aus zu betrachten, immer wieder neu zu überdenken und somit immer wieder neue Sichtweisen anzunehmen, anstatt sich auf seine eigenen Ansichten zu fokussieren. Dies war eines der vielen Dinge, das man in Sri Lanka lernte, da man Augenblicke zwar zunächst aus seiner europäischen Sichtweise betrachtet, schließlich jedoch versuchen muss, die Situation aus dem Blickwinkel eines Einheimischen zu verstehen.

Meine Zeit im Angels Home wird auf jeden Fall eine Zeit sein, an die ich oft zurückdenken und die ich vermutlich ein jedes Mal aus anderen Augen betrachten werde.

Denn so ist das mit Mysterien, sie sind unerklärlich.

Zuletzt muss ich noch einmal meine Bewunderung an Julia und Frank ausdrücken, die ein solches Projekt auf die Beine gestellt haben und mit ihrer Arbeit wirklich Wunderbares bewirken. Den Meisten ist vermutlich nicht bewusst, wie viel Arbeit die Beiden bewältigen und mit welchen (typisch singhalesischen) Problemen sie tagtäglich kämpfen müssen.

Danke, dass ich bei euch sein durfte, danke an die Mädchen, die mich so unfassbar lieb in ihre Familie involvierten und danke an die anderen Praktikantinnen für die schöne Zeit!