Die nicht mehr ganz so Neue


TitelbildIch komme die Stiegen runter.

„Lily!“

„Lily!“

„Good Morning, Lily!“

Es kommt fast aus jeder Ecke, aus jedem Mund.

Nach zwei Wochen kennen mich die Mädchen schon, auch die, die zehn Mal gefragt haben wie ich heiße.

Ich muss ehrlich sagen, dass ich mich noch nie so schnell eingelebt habe beziehungsweise angepasst habe wie hier. Die drei anderen Praktikantinnen waren mir eine große Hilfe und nach einer Woche hatte ich den Dreh raus.

Selfi mit LisaNatürlich ist der strenge Tagesablauf und das Frühaufstehen anstrengend. Natürlich kann die Arbeit mit Kindern auch frustrierend sein. Die schönen Momente jedoch gleichen das alles wieder aus. Wenn ich mit den Kindern auf der Veranda tanze, ist es das alles wert. Da fühle ich mich ihnen am Nächsten und ich weiß, dass sie sich dabei genau so frei fühlen wie ich.

Am Abend, wenn die Müdigkeit langsam einholt, finde ich es am Besten mit den Mädchen zu sein. Dann werden sie friedlich und auch die Großen werden wieder zu Kindern, bei denen man den Schlaf so richtig schön kommen sieht. Oft kommen sie nach dem Zähneputzen noch zu mir. Sie streicheln mich, wünschen mir eine gute Nacht und von einigen kriege ich sogar Bussis. Links, rechts und eines auf die Stirn.

Für mich fühlt es sich so an, als wäre ich schon ewig hier, als würde ich nichts anderes kennen Ich kenne die meisten Namen schon und dazu auch die Gesichter. Ich esse mit der Hand und mittlerweile so professionell, dass kein einziges Reiskorn übrigbleibt. Ich habe mir schon zwei singhalesische Ausdrucksweisen angewöhnt („aju“ „ane“ heißt soviel wie: Oh Mann, ach nein, meine Güte etc.).

Leider vergehen die einzelnen Stunden, besonders ohne Englischunterricht sehr langsam. Die Tage aber fließen nur so dahin und ich sehe mich schon am Ende meiner Zeit dastehen, mit der Frage: „Hat jemand die Uhr vorgedreht?“

Für mich ist es das erste Mal, dass ich so lange von Zuhause weg bin. Ich bin erstaunt wie gut ich (fast) alleine zurechtkomme. Natürlich vermisse ich mein Wien, meine Familie, meine Freunde, anziehen zu können was ich will, rauszugehen, ins Kino, feiern ...

Andererseits, tut mir die Zeit hier so gut. Ich denke sehr viel nach. Was will ich? Was kommt danach? Was ist wichtig?

Blick aus der Praktikanten UnterkunftDie Mädchen geben mir auch alles mit Komplimenten zurück, was sie mir an Kraft nehmen. Es ist ein unglaubliches Gefühl von ihnen, die glänzend braune Haut, ewig lange Wimpern, dicke schwarze Haare und riesige Augen, in die man Stunden lang hineinstarren könnte, haben, zu hören wie schön du doch bist.

Alles hier ist ein Geben und Nehmen. Mal schauen, ob ich in zwei Wochen noch derselben Meinung bin oder die Dinge bereits mit ganz anderen Augen sehe. 

 

Mehr von mir könnt ihr unter: Mitten im Geschehen von mir lesen.

Liebe Grüße, Lily.