Vor-freudig aber auch etwas wehmütig!


Abschlussbericht von Lena OertleDie zwei Monate im Angels Home for Children sind für mich nun endgültig vorbei. Vorfreudig aber auch etwas wehmütig habe ich die Reise von Marawila nach Matara, in den Süden des Landes, angetreten. Vorfreudig auf die Woche voller Surfen, Ferien und Strand und wehmütig da ich die Umgebung verlassen sollte, in die ich mich in den letzten Wochen eingelebt hatte und in der ich ganz viele schöne und vor allem bleibende Momente erlebt hatte.

Ich bin nun einige Fahrstunden vom Angels Home und den Mädchen entfernt und tatsächlich ist es so, dass ich die Erfahrungen und Momente in Heim aus der Distanz viel klarer betrachten kann. Ganz klar kristallisiert sich nun für mich heraus, dass ich im gesamten sehr positiv auf die Zeit im Angels Home zurückblicke. Die Positiven Dinge daran, vermögen die Schwierigkeiten übertrumpfen. Darüber bin ich sehr froh, es bedeutet jedoch nicht dass es keine Herausforderungen gegeben hätte. Es gab tatsächlich Stunden in denen ich nicht nachvollziehen konnte weshalb ich mich freiwillig 2 Monate in ein fremdes Land in ein Kinderheim begeben habe. Einige Dinge hier in Sri Lanka bereiteten mir nämlich vermehrt Kopfzerbrechen. Beispielsweise fand ich mich am Start des Praktikums in einer völlig neuen Welt wieder. Eine Kultur die ich nie ganz verstehen und Lebenseinstellungen die unter viel Gutem leider auch von vielen Einschränkungen, Regeln und Vorurteilen geprägt wird. Aus der Schweiz bin ich gewohnt als Bürger, aber besonders als Frau viele Freiheiten zu haben, sowohl gesetzlich als auch sittliche. Viele Momente in einem Heim voller Mädchen die in der singhalesischen Kultur aufgewachsen sind, waren für mich schlecht nachvollziehbar und stellten mich vor schwierige Fragen. Beispielsweise scheinen viele der Mädchen ein gesundes Selbstbewusstsein zu haben, wehren sich wenn ihnen etwas nicht passt, tanzen ausgelassen und begegnen uns Praktikantinnen zwar mit Respekt aber auch mit viel Selbstvertrauen, die Meisten von Ihnen jedenfalls. Andererseits scheinen sie sich ihrer Position als Frau in diesem Land sehr bewusst und lassen sich dadurch auch einschränken. Ein hervorblitzender BH-Träger wird sofort verdeckt, Küssen tut man nicht obwohl man schon 2 Jahre einen Freund hat und gebadet wird auch nur bedeckt. Für mich war es schwierig einzuschätzen wie weit ich den Mädchen etwas aus der westlichen Kultur zeigen und beibringen soll oder kann. Zum einen könnten sie es schwerer haben in ihrem zukünftigen Leben, wenn sie zu viele westliche Dinge wie zum Beispiel Kleidung oder der Umgang mit Sexualität als normal empfinden. Zudem bin ich es ja, die in ein fremdes Land platzt und nur eine kleine Ahnung von vergangener Geschichte des Landes oder dessen Sitten hat. Andererseits tut es mir weh die Mädchen, von denen einige schon 19 Jahre alt sind, in vielen ihrer Freiheiten so eingeschränkt zu sehen. Diesen Zwiespalt in mir konnte ich bis Ende des Praktikums nie ganz lösen.

Ein weiterer schwieriger Punkt für mich war es, den Kindern den richtigen Mix aus Aufmerksamkeit, Zuneigung und Distanziertheit zu geben. Ich vermute, dass oft dieselben Kinder von den Praktikantinnen mehr oder weniger von alldem bekommen. Es ist auch klar, dass die Mädchen ein besonderes Bedürfnis nach Nähe und Gesprächen haben, leider kommen scheue oder stolze Mädchen oft zu kurz. Zudem hat es auch einige Fälle gegeben in denen einzelne Mädchen alle Praktikantinnen beanspruchen wollten, wobei kaum Platz für die restlichen Kinder blieb. Es war nicht immer einfach besagten Mädchen weniger zu geben als sie selber zu bekommen erhofften.

Abschlussbericht von Lena Erst gewöhnen musste ich mich auch an den fixen Tagesablauf im Heim, der sich sogar durch das Wochenende durchzieht. Denke ich an meine Kindheit zurück, erinnere ich mich an sehr abwechslungsreiche Tage die unter anderem Besuche bei Verwandten, Ausgehen, Freunde treffen, den ganzen Tag lesen, ausschlafen, Filme gucken, Ferien im Ausland etc. bestand. Im Gegensatz dazu schienen für mich die Tage im Angels Home sehr strikt. Mir ist jedoch absolut klar, dass ein individueller Tagesablauf für alle der 51 Kinder an dessen Ende alle Körper und Kleider gewaschen, alle Schränke aufgeräumt und der Garten gefegt ist, nicht umsetzbar ist. Zudem muss ich zugeben, dass die Kinder viel disziplinierter sind und ihre Schränke viel sauberer halten, als ich es als Kind je getan hatte.

Dies sind also einige Punkte mit denen ich umzugehen lernen musste. Wie schon erwähnt vermochten das Positive im Heim die schwierigen Seiten überdecken. 

Von den guten Momenten gab es genügend, die meisten davon habe ich mit den Kindern erlebt. Sie sind auch der Grund warum das ganze Heim überhaupt existiert und weshalb ich da gewesen bin. Von meiner Seite aus konnten die Mädchen mir sehr viel geben. An den ersten Tagen waren sie sehr angenehm wenn auch sehr neugierig. Sie waren sofort offen und gingen auf mich zu, was das ankommen im Heim leichter machten. Ich war überrascht wie gut das Englisch vieler Kinder ist. Nach einigen Wochen fühlte ich mich schon sehr wohl unter ihnen, hatte die Namen (obwohl ich wirklich befürchtet hatte sie nie alle zu können) gelernt, wusste wer Schwester sind und kannte ihre Charaktere ungefähr. Ich fühlte mich wohl und kam mir auch mehr wie eine grosse Schwester als wie eine Aufsichtsperson vor. Klar war auch vieles mühsam, beispielsweise erreichten 51 Kinder schnell einen hohen Lärmpegel, verteilten die Puzzleteile im halben Heim oder wollten ihre Zähne einfach nicht die vorgegebenen 3 Minuten putzen. Auch hatte man stetig gefühlte 4 Kinder an der Hand, 2 auf den Schultern und 1 am Fuss… Auch vor der Gartenarbeit versuchten sie sich zu drücken oder wollten im Englisch Unterricht gar nicht stillsitzen, oft wurden mir auch ihre Streitereien und lauten Ausrufe zu viel.

Abschluss  Bericht Lena Aber immer dann musste ich mir selber sagen, es sind 51 Mädchen zwischen 4 und 19 Jahren, klar ist es laut, klar streiten sie und klar können sie sich nicht 24 Stunden am Tag benehmen. Am Ende gaben mir ihre Gutenachtbriefchen am Ende des Abends, ihre Umarmungen und Küsse auf die Backe, ihre Klatschspiele und die Gespräche ganz viel zurück. Und tatsächlich vermisse ich die Mädchen jetzt wo ich nicht mehr im Heim bin mehr als gedacht. Ich hatte während der Zeit gar nicht gemerkt, wie sehr ich mich eingelebt und wohl gefühlt hatte. Angekommen im touristischen Süden hatte ich einen kleinen deutsch-touristischen Kulturschock und fühlte mich zumindest in den ersten Tagen fast ein wenig mehr singhalesisch als europäisch.