Und plötzlich sind es nur noch 4!


MobileHeute habe ich mal wieder auf den Kalender geschaut und mit Überraschung festgestellt, dass bereits 6 Wochen seit meiner Ankunft auf Sri Lanka im April vergangen sind. Die Zeit ist einfach so an mir vorbei gesaust. Ich kann mir noch gar nicht vorstellen, dass es in 4 Wochen schon vorbei sein wird und ich meine Reise durch das Land beginne und damit dem Angels Home und all den Kindern lebe Wohl sagen werde…

Ein Gedanke, den ich aber jetzt noch nicht haben möchte. Vielmehr dachte ich, dass ich anlässlich meines 2. Tagebucheintrags lieber ein kleines persönliches Resume über meine bisher vergangene Zeit hier im Angels Home schreibe:

Beginne ich mit der eben angesprochenen Zeit; ja, die ist tatsächlich wie im Flug vorbei gegangen. Da hatte man gerade erst die Woche begonnen und plötzlich ist schon wieder Freitag und wir starten in das Wochenende. Doch warum ist das so? Haben wir doch eigentlich alle einen sehr langen Tag, der unter der Woche und am Sonntag bereits schon um 5 Uhr mit dem Aufstehen beginnt und abends meist erst gegen 20.00 Uhr oder 20.30 Uhr endet. Wie kann es sein, dass mir ein solcher Tag trotzdem nie so lange vorkommt, wie er zu sein scheint?

Übersicht TagesplanAngefangen mit dem frühen Aufstehen um 5 Uhr, folgt jeder Tag dem gleichen festen Plan. Nach dem Aufstehen machen die Mädels eine Runde Sport, dann gibt es ein kleines Frühstück und alle 2 Tage den von manch Praktikantinnen heiß geliebte Milktee. Nach dem darauf folgenden Zähneputzen machen sich die Mädchen zur Schule fertig und erledigen nebenbei noch ihre wöchentlichen Putz- und Aufräumpflichten.

Wenn dann alle Mädchen in der Schule sind, beginnt für uns Praktikanten relativ flexible freie Zeit, die wir meist damit verbringen, in der Küche zu helfen, unsere Nachhilfestunden vorzubereiten, unsere Blogeinträge für die Homepage zu schreiben, kleine Aufgaben von Julia zu übernehmen oder mit den kranken und daher daheim gebliebenen Mädchen zu spielen.

Ruck-zuck ist es dann schon 13 Uhr und es gibt Mittagessen. Bis dahin sind schon die ersten Kinder von der Schule eingetrudelt und beginnen abwechselnd mit dem Waschen und Mittagessen. Darauf folgt dann die Zeit für Hausaufgaben oder unsere Nachhilfe in den einzelnen Gruppen bis zum Tee um 16 Uhr. Bevor es um 17 Uhr dann freie Zeit für die Kinder gibt, wird der Garten noch auf Vordermann gebracht oder manche Kinder haben noch einmal Englischnachhilfe.


Und dann endlich ist es 17 Uhr und endlich mal eine Stunde in der sie das machen können, was sie wollen. Diese Zeit zwischen 17 und 18 Uhr würde ich manchmal gerne anhalten. Ich genieße diese Stunde sehr, weil es für mich die beste Gelegenheit ist, um sich mit einem Kind effektiv beschäftigen zu können, es näher kennen zu lernen und Vertrauen zu gewinnen und eine Bindung aufzubauen. Denn bei den anderen Aktivitäten am Tag bleibt wenig Zeit, sich mal länger mit einem Kind zu beschäftigen oder einem Kind länger Aufmerksamkeit zu schenken. Denn meist sind es mehr als 2 Kinder, die man betreut, sie an ihre Aufgaben erinnert oder bei den Hausaufgaben hilft.

Das hatte ich mir vorab irgendwie anders vorgestellt. Ich hatte mir irgendwie vorgestellt, mehr effektive Zeit mit den Kindern zu haben und sie weniger von einer Aufgabe zur nächsten zu „treiben“. Ich hatte mir erhofft, dass viel mehr freie Zeit und viel mehr Aktivitäten statt finden würden.

Ja, vielleicht war das zu kurz gedacht. Denn wenn man es mal nüchtern betrachtet, dann bleibt auch vom Tag nicht mehr viel übrig, weil einfach die Schule mit ihrem Nachmittagsunterricht und den Schulaufgaben die meiste Zeit in Anspruch nimmt.

Da bleibt eigentlich nur das Wochenende. Hier gibt es zwar auch einen Plan und Aufgaben, die erfüllt und oft auch noch Hausaufgaben, die erledigt werden müssen.

Aber der Plan ist trotzdem lockerer und bietet auch etwas Zeit, die wir Praktikantinnen frei gestalten können.

Bisher haben wir den Kindern an diesem Tag ungeplant gelassen, weil wir dachten, dass auch sie es genießen würden, nur das zu machen, worauf sie Lust haben und dies selbst entscheiden zu können. Aber irgendwie wollte ich auch, dass dieser „freie Tag“ mal zu etwas Besonderem für sie wird und wir mal etwas anderes schönes Gemeinsames machen, woran sie sich vielleicht auch in ein paar Wochen oder gar Monaten erinnern.

Achini und Shashik Also haben wir letzten Samstag gemeinsam kleine Mobiles mit Dingen aus dem Bastelraum, dem Garten und vom Strand gebastelt und diese am Montag auch im Treppenaufgang aufgehängt. Die Mädchen hatten viel Spaß dabei und ich für meinen Teil fand es sehr schön zu sehen, wie sich alle Mädchen - sogar ein paar der Größeren- beteiligten. Und ich würde sagen, dass diese gemeinsame Zeit auch etwas in der Bindung zu den Kindern verändert oder gar verstärkt hat.

Das gleiche Gefühl hat sich bei mir auch bei den Englisch Nachhilfestunden gezeigt.

Als wir nach den Ferien mit der Nachhilfe begannen, hatte Julia uns noch gesagt, dass diese Zeit uns auch bestimmt ganz gut tun würde, weil es uns die Möglichkeit geben würde, den Kindern näher zu kommen und eine Bindung zu ihnen aufzubauen. Damals wusste ich noch nicht, was sie damit meinen würde. Denn die Nachhilfe gehörte da noch nicht zu meinen Lieblingsaufgaben hier im Angels Home. Die eigene Schulzeit liegt schon so fern und der Lehrerberuf ist von mir auch nicht grundlos als Berufswunsch abgewählt worden…Und schon gar nicht Englisch, wo mir doch das Erklären von Grammatik schon im Deutschen Schwierigkeiten bereitet!

 NachhilferaumDoch mittlerweile hat sich das geändert. Abgesehen von den inhaltlichen und pädagogischen  Herausforderungen, die natürlich nach wie vor da sind, freue ich mich jetzt eigentlich immer auf meine Stunden. Und ich glaube, dass es den Mädchen genauso geht. Denn in dieser Zeit gehöre ich nur ihnen und gebe nur maximal 2 Kindern auf einmal meine Aufmerksamkeit, lobe sie für gute Arbeit und verteile am Ende der Stunde bunte Sticker und manchmal auch Kekse, wenn es besonders gut gelaufen war. Und es ist für mich ein wirklich schönes Gefühl zu sehen, wenn sie sich das, was ich ihnen beim letzten Mal beigebracht habe merken konnten und ganz stolz die richtigen Antworten geben oder eine Aufgabe mit ihrem Wissen richtig lösen.

Jetzt glaube ich verstanden zu haben, was Julia zu Beginn meinte und ich bin froh, dass ich mich darauf eingelassen habe.

Ich denke, ich habe jetzt eine Antwort auf meine Frage gefunden. Denn das Gefühl, dass die Zeit rast, stellt sich doch vor allem immer dann ein, wenn die schönen Momente rar sind und man am liebsten länger an ihnen festhalten würde, auch wenn das leider nicht geht. Bleibt mir nur, diese Zeit in vollen Zügen zu genießen und sie trotzdem immer wieder zu etwas Besonderem zu machen.

Bis Bald,

Julia