Ärger mit dem Gewissen!


Die Schuluniformen der MädchenDie ersten Wochen hier im Angels Home sind für mich wie im Flug vergangen und dabei  sind mir immer viele Gedanken durch meinen Kopf gegangen. Einer davon besonders oft und immer wiederkehrend: das schlechte Gewissen.

Damit meine ich das schlechte Gewissen, das sich einstellt, nachdem wir besonders streng mit den Mädchen sein mussten, sie ermahnen und sogar Strafen zu verteilen hatten. Denn bei 50 Kindern kommt es oft vor, dass man, wenn etwas schief läuft, nicht immer die Urheber des Problems findet und dann alle Kinder von den Konsequenzen betroffen sind.

Eine solche Situation gab es erst neulich. Jeden Abend zwischen 5 und 6 Uhr können sich die Mädchen aus dem Spieleschrank Barbies, Puzzles  und andere  Spiele ausleihen, die sie dann am Ende wieder ordentlich zurück bringen sollen. Über einen längeren Zeitraum hinweg haben wir jedoch bemerkt, dass immer mehr der Sachen nicht ordentlich aufgeräumt und eingeräumt wurden, unvollständig waren oder einfach draußen zurück gelassen wurden. Aber natürlich wollte es niemand gewesen sein. Die Konsequenz daraus war dann, dass die Mädels eine Woche keine Spiele mehr bekommen sollten. Das Verbot traf dabei jedoch auch viele der Kinder,  die sich an die Regeln hielten und ihre Sachen immer zurück brachten. die Trinkbecher der Mädchen

Wenn also diese Kinder abends um 5 Uhr zu mir kamen, um sich ein Spiel auszuleihen und sie nach dem Grund fragten, wieso es diese jetzt nicht mehr gibt, fiel es mir gegenüber den Mädchen besonders schwer, die sonst immer ihre Sachen ordentlich erledigten und sich an die Regeln hielten. Denn ich hatte keine weiteren Argumente dagegen, wenn sie beteuerten, sich immer daran gehalten zu haben, weil ich ja wusste, dass sie Recht hatten.

Natürlich hatte ich mich irgendwie darauf eingestellt, dass bei 50 Kindern nicht immer alles rund läuft und dass es nicht immer nur Spaß und gute Laune geben würde, sondern auch mal dicke Luft und Ärger. Aber trotzdem fällt es mir immer schwer, streng zu sein und  konsequent gegenüber allen Verbote auszusprechen. Insbesondere, weil ich irgendwie immer Angst habe, die eben aufgebaute Bindung zu den Mädels verlieren zu können.

Vermutlich befinde ich mich gerade an einem Punkt an dem alle Eltern im Laufe ihrer Kindererziehung stehen. Man ist sich bewusst, dass die Kinder Regeln brauchen, eine feste und klare Struktur, die ihnen die Richtung für den späteren Alltag als Erwachsener gibt. Aber trotzdem ist einem die Bindung zu den Kindern wichtig, die frisch gewonnene Zuneigung und Sympathie möchte man auf keinen Fall aufs Spiel setzen oder gar verlieren. Man hat Angst, dass die Kinder einen nach dem Ärger nicht mehr mögen könnten.

Der Kleiderschrank nach dem erfolgreichen „Uniform-Check“So erging es mir auch erst letzte Woche, als die Schule wieder startete und wir am Abend vorher zum „uniform check“ die Kleiderschränke kontrollierten. Denn hier gab es besonders viel Ärger. Die Mädels sollten neben dem normalen alltäglichen Aufräumen nun auch die Uniform, die Krawatte, Socken und Unterwäsche für den nächsten Tag in ihren Schränken bereit legen.

Vollständig bereit gelegte Uniform-Garnitur für den nächsten SchultagDas klappte leider nur mäßig und stattdessen herrschte Chaos. Die Mädchen suchten ewig nach ihren Sachen, Kleidungsstücke lagen auf dem Flur herum und die Kinder wuselten wie Ameisen wild durcheinander. Bis wir die Rasselbande soweit hatten, dass wir auch tatsächlich mit der Kontrolle starten konnten, war bereits eine Stunde vergangen. Wir mussten oft ermahnen, zurechtweisen und ein paarmal auch die Stimme erheben. Dabei hörte ich an dem Abend eine Bandbreite an kreativen Ausreden, wo die einzelnen Kleidungsstücke verblieben waren. Viele davon waren auch plausibel und begründet. Zum Beispiel, dass die Uniform frisch gewaschen und daher noch feucht auf der Wäscheleine hing.  Trotzdem mussten wir hart bleiben. Denn jedes Kind hat hier mindestens 3 Uniformen und selbst wenn es tatsächlich nur eine geben sollte, hätte es einfach einer besseren Organisation bedurft. Schließlich wusste ja jeder, wann die Schule wieder beginnen würde und dass wir am Vorabend zum „cupboard check“ kommen würden. Also gab es viele Diskussionen und wütende Kinderblicke und ich bin mir sicher, dass einige von ihnen uns am liebsten auf den Mond geschossen hätten.

Als wir jedoch an diesem Abend die Treppen zu unserer Praktikantenwohnung hinauf gingen, steckte mir ein besonders großer Kloß im Hals. Das schlechte Gewissen plagte mich. Waren wir vielleicht doch zu streng und penibel? Hatten wir vielleicht doch zu sehr auf den Regeln beharrt? Ich machte mir Sorgen darüber, dass die frisch aufgebaute Bindung zu den Mädels an diesem Abend vielleicht zerbrechen würde und der nächste Tag ohne ihr Lächeln im Gesicht vergehen und sie mich nicht mehr zu ihren Spielen einladen würden. 

Im Angels Home muss alles seine Ordnung habenDoch ich hatte Glück. Am nächsten Tag empfingen sie mich wieder mit einem Lächeln und der Ärger war bereits verflogen. Andere Ereignisse hatten die Situation von gestern verdrängt und ich darf auch immernoch mit ihnen spielen.

Wer sich an die Regeln hält, bekommt auch ganz viel AufmerksamkeitSo langsam finde ich mich in diese Rolle ein und ich weiß mittlerweile, dass all dies Abläufe und Regeln wichtig für sie sind und den Mädchen in ihren jungen aber meist schon sehr turbulenten Leben Halt gibt. Und ich denke, solange wir uns immer Mühe geben, fair zu bleiben und uns auch für unsere eigenen Fehler bei den Kindern entschuldigen können, sind wir auf dem richtigen Weg, dass sie die Regeln akzeptieren und wir gleichzeitig ihre Sympathie erhalten.
Ich bin nun besser gewappnet für die nächste Situation und kann beim nächsten Mal hoffentlich etwas besser schlafen.

Liebe Grüßa aus dem Angels Home,

Julia.

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