Ein nachdenklicher Abschied


Mein AbschiedDer Abschied naht und es geht mit Vollgas dem ende im Angels Home entgegen. Das bringt mich diese Tage auch zum grübeln und lässt mich zurückdenken an die Zeit hier und davor. Meine anfänglichen Fragen haben sich zu teils beantwortet jedoch sind nun wie erwartet bei weitem mehr dazu gekommen. Zu dem Beginn meiner Reise drehten sich die Dinge eher noch um mein Wohlergehen und Interessen, was mein Umfeld antreibt und wie meine Zukunft aussehen wird. Die zehn Wochen in einer total gegensätzlichen Kultur haben mich jedoch viele Dinge überdenken lassen und sie in einem andern Licht sehen lassen wodurch sich meine Einstellung nun grundlegend verändert hat.

Fragen wie: Wie erziehe ich Kinder richtig? kann ich überhaupt genauso handeln wie ich das in meiner Kultur tun würde? Wie bekämpfe ich die Armada von Läusen auf meinem sowie dem Kopf der Kinder? Sind Strafen überhaupt noch angemessen und Zeitgemäß und wenn nein wie kontrolliere ich einen so großen Haufen an (B)engeln. sicherlich nicht durch Angst, jedoch wie sonst? Was tun wenn man nicht als Teammitglied sondern Chef gilt (nur weil man eine andere Hautfarbe hat)? Was bedeutet es eine Familie zu haben auf die man bauen und sich verlassen kann?

Mein AbschiedMein AbschiedDiese Gedanken lassen mich vor dem Einschlafen nun nicht mehr los. Auch unter uns 4 Praktikantinnen ist täglich mindestens eine dieser Fragen ein essenzieller Teil unserer Unterhaltungen. Es sind die Kleinigkeiten die man erst nach und nach mitbekommt. zu Anfang ist noch alles aufregend und Neu, dann stellt sich ein Alltag ein und ab diesem Zeitpunkt kann man erst die wichtigen Dinge sehen und sich voll und ganz auf die Mädchen einlassen. Jetzt dreht es sich nichtmehr nur um die persönlichen Fragen sondern um viel mehr. Denn zu einer Gemeinschaft / Familie zu gehören die aus weit mehr als nur vier Leuten besteht ist garnicht immer so einfach und jeder muss auch mal Kompromisse eingehen. Jedoch lernt man auch einiges daraus wie beispielsweise die Vor und Nachteile in Dingen zu erkennen,Rücksicht zu nehmen, Respekt bei zu bringen und anderen gegenüber zu wahren. Zu sehen dass wenn man sich der Sache voll und ganz hingibt, diese wunderbaren Kinder einem auch bei weitem mehr als nur die nötigen Worte und Begrüßungen geben. Sie beschenken einen mit unbegrenzter Liebe, Zuneigung und Vertrauen. Geheimnisse werden anvertraut, Träume und Wünsche miteinander geteilt sowie Ängste und Leid beim Abendlichen Gute Nacht Lied geflüstert. Hände ergriffen wenn 2 Lieder nicht reichen und man unbedingt ein weiteres will, da man sich vor der Dunkelheit fürchtet oder die richtige Mami vermisst, die eigentlich an meiner Stelle auf der Bettkante sitzen sollte. Es ist nicht Leicht! Für beide Seiten, denn auch ich habe emotional mit den Gedanken zu kämpfen was wäre wenn ich nicht in Deutschland (Europa), in einer liebenden Familie geboren worden wäre. Wo würde ich nun sein? Wie sähe meine Zukunft aus? Würde ich jemals eine so gute Bildung bekommen ? Was für Möglichkeiten hätte ich überhaupt?

Mein Abschied aus dem Angels HomeDoch manche Fragen lassen sich nunmal nicht beantworten. jedoch heißt es nicht das wir deswegen alles für selbstverständlich nehmen sollen. Denn die Welt könnte auch viel kleiner sein. Für mich die Achtzehnjährige Marie-Luise Holländer aus Stockdorf ist sie das jedoch nicht, und das nur weil das Glück, der Zufall oder die Vorhersehen es so wollte. für diese Erkenntnis sollten wir viel dankbarer sein und sie mehr zu schätzen wissen. Somit bin ich zu aller letzt wieder bei mir selbst angekommen und meinen Fragen und ich muss gestehen ich habe hier nichts Weltbewegendes vollbracht, jedoch hoffentlich 48 kleine Welten positiv beeinflusst, mit neuen Ideen und Wünschen versehen sowie das ein oder andere beigebracht. Mit diesen Gedanken starte ich nun in meine zwei wöchige Sri Lanka Reise. Doch ich weis, so schnell werden sie mich nicht mehr verlassen, genauso wenig wie die 48 kleinen Strahlenden Gesichter aus dem Angels Home. Somit bedanke ich mich nun von ganzem Herzen für die 71 Tage in Marawilla, eine turbulente und aufregende Zeit mit ihren Höhen und Tiefen.

Ein letztergruß
Eure Marie-Luise

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