Ekstase


  Ekstase „Regelmäßig kommen die Gläubigen hierher um zu beten und sich in Ekstase zu tanzen.“ – so beschreibt mein Reiseführer einen Besuch in einem hinduistischen Tempel in Sri Lanka. 

Besonders weil Buddhismus und Hinduismus wichtige und sehr interessante Bestandteile der singhalesischen Kultur sind. Darum bin ich froh, dass eine Kollegin aus dem Angels Home mir angeboten hat, mich zu einem Besuch im Tempel mitzunehmen.

Früh am Morgen geht es los. Wir fahren mit dem Bus von Marawila ins nahegelegene Chilaw. Etwas außerhalb der Stadt liegt die Munneswaram Tempelanlage, die wir heute besuchen wollen. Sie besteht aus mehreren buddhistischen und hinduistischen Tempeln.

In den Gassen davor reihen sich Stände am Straßenrand aneinander, an denen Opfergaben für den Besuch im Heiligtum verkauft werden. Es gibt viele Früchte, religiöse Gegenstände, Blumen und Bilder von Heiligen zu kaufen. Wir lassen uns einen Obstkorb zusammenstellen. Darin sind verschiedene Früchte enthalten, die aufgeschnitten und schön arrangiert werden. Verkaufsstände vor der Tempelanlage

Doch der Korb muss noch etwas warten, zuerst geht es in den nahegelegenen buddhistischen Tempel. Am Obststand lassen wir gleich unsere Schuhe stehen, denn die Tempelgebäude dürfen nur barfuß betreten werden.

Wir gehen durch das Eingangstor und vor uns wird eine Gruppe verschiedener kleiner Gebäude sichtbar. Am exotischsten ist das Tempelgebäude, das aussieht wie eine zusammengerollte Schlange. Aus der Mitte ragt ein riesiger sitzender Buddha hervor hinter dem sich der gigantische Kopf der Schlange erhebt. Buddha wird von der Schlange beschützt, erklärt mir meine Begleiterin. Schlangentempel

Im Inneren des Gebäudes können wir viele Bilder aus dem Leben Buddhas oder bedeutsamer Könige bestaunen. Eine Treppe führt nach oben und wir stehen auf dem Dach des Hauses, zu Füßen der großen Buddhastatue. Dort befindet sich ein Altar. Meine Begleiterin nutzt die Gelegenheit zum Beten, danach machen wir uns an den Abstieg.

Nebendran erhebt sich ein schönes weißes Gebäude, das größtenteils aus einer runden, nach oben spitz zulaufenden Kuppel besteht. Solche Bauwerke werden Stupa genannt und meist zu Ehren eines Königs oder zur Aufbewahrung von Reliquien gebaut. Die Stupa

Drum herum befinden sich viele kleine Altäre mit Buddhastatuen, umringt von Blumen, Kerzen und Duftstäbchen. Wir besuchen die verschiedenen Altäre und meine Kollegin spricht vor jedem ein Gebet.

Am Ausgang können wir ein paar Rupien für den Erhalt des Tempels spenden. Über einen Lautsprecher werden daraufhin für alle hörbar unsere Namen und ein paar Segenswünsche für uns ausgesprochen.

Mit unserem Obstkorb bewaffnet machen wir uns nun auf den Weg zum benachbarten Hindutempel. Das Bauwerk ist mit zahlreichen kleinen Statuen und bunten Farben verziert. Viele Menschen strömen in das Gebäude vor dem eine Kuh liegt und sich sonnt. Noch bevor wir eintreten können, kommt uns eine  Gruppe Menschen entgegen. Sie wird angeführt von einem Mann in einem traditionellen Gewand, der mit Perlenketten verziert ist und eine Trommel vor den Bauch geschnallt hat. Darauf trommelt er einen schwungvollen Rhythmus. Ihm folgt eine Reihe von Gläubigen, teilweise andächtig betend, teilweise stürmisch tanzend. So bewegt sich die Gruppe an uns vorbei. Trommeln vor dem Tempel

Während wir auf den Tempel zugehen wird es immer lauter. Trommelrhythmen mischen sich mit Glockenläuten und den Gesängen der Gläubigen.

Wir betreten die Tempelhalle, die nur aus einem Dach besteht, das von bunten Säulen getragen wird. Ganz vorne befindet sich ein Altar vor einer bunt geschmückten Wand. Dort drängen sich Menschen mit verschiedenen Opfergaben, meist Früchte und Blumen, um diese zum Altar bringen zu können. Männer in traditionellen Gewändern nehmen sie von dort weg und bringen sie in einen Raum hinter dem Altar.

Drängen am AltarWährend wir vor dem Altar warten, kann ich mich trotz des dichten Gedränges ein wenig umschauen. Hinter mir steht ein junges Mädchen, das in ein Gebet vertieft ist. Dabei führt sie rhythmische Bewegungen mit ihrem ganzen Körper aus, die immer intensiver werden. Neben ihr steht ein Priester, schneidet Limonen auf und presst den Saft heraus. Nach einer Weile verfällt das Mädchen in eine Art Tanz und der Priester besprengt sie mit dem Limonensaft. Ich kann gar nicht so lange zuschauen, denn wir werden wieder in der Masse vorwärts geschoben. Jetzt stehen wir kurz vor dem Altar, können unseren Obstkorb loswerden und drängen uns aus der Menschenmenge heraus. 

Nun laufen wir in den hinteren Teil der Tempelhalle, wo das Trommeln und Glockenläuten immer lauter wird. Hier befindet sich eine größere freie Fläche. Ganz vorne ist der Trommler, den wir einige Minuten vorher schon gesehen haben und trommelt mit vollem Körpereinsatz. Hinter ihm steht eine Gruppe Gläubiger, die hingebungsvoll dazu tanzt. Meine Begleiterin erklärt mir, dass die Menschen von der Musik erfasst werden und das als göttliche Kraft empfinden. Sie beginnen dann zu tanzen, bis sie gänzlich die Kontrolle über ihren Körper verlieren. Tatsächlich werden die Tänze immer ausgelassener und zunehmend auch von Schreien und Gesängen begleitet. Eine Frau neben mir wirft sich auf den Boden, führt immer wieder rhythmische Bewegungen aus und rollt sich durch die Menge. Ich muss an den Satz in meinem Reiseführer denken und feststellen, dass die Beschreibung nicht untertrieben war. beim tanzen

Zwischen den Gläubigen fällt mir ein Mann auf, der einen Saree trägt und wie eine Frau geschminkt ist. Auch hierüber kann mir meine Begleiterin Auskunft geben, es geht darum sich über die eigene Geschlechteridentität zu erheben und weder Mann noch Frau zu sein.

Nach einer Weile wird die Musik ruhiger. Die Tanzenden kommen zur Ruhe und wir treten den Rückweg an.

Ich bin mehr als überwältigt von all den fremden Eindrücken, die heute auf mich eingeströmt sind und froh darüber, dass ich mitten im Arbeitsalltag im Angels Home die Möglichkeit hatte, eine solche Erfahrung machen zu können.