Kultur verstehen


Lotusblume am TempelFange ich mal mit dem platten aber auch sehr schlauen Statement an, das alles immer zwei Seiten hat. Und es braucht auch zwei Seiten, da wir die Welt in Kontrasten und Gegensätzen wahrnehmen und danach werten. Nun stößt meine Wertevorstellung und Konstruktion wie Leben funktioniert auf eine andere, mit der ich, je länger ich hier bin nicht immer konsensfähig bin. Auf der einen Seite lerne ich eine Menge von dieser Kultur und auf der anderen Seite fällt es mir manchmal sehr schwer, sie zu akzeptieren. Die Lebensauffassungen, die ich hier kennen lerne sind nicht immer leicht zu verstehen, geschweige den Nachzuvollziehen. Klar ich spreche hier in erster Linie von den Kindern und dem Personal, die ich hier so kennen lerne. Manchmal auch ein paar Menschen, wenn ich raus gehe für meinen freien Tag oder zum Einkaufen. Also Vorsicht vor Pauschalisierungen.

Diese Sichtweisen wirklich zu verstehen würde ich nicht nur wegen der kurzen Zeit, sondern auch wegen meiner Sozialisation, nie bis zur Gänze verstehen. Aber, dass muss ich wohl auch gar nicht. Heute hatten wir Besuch in Angels Home aus Italien und haben mit dem Besuch zusammen Geburtstag gefeiert. Eine Frau saß neben mir und erzählte mir ein bisschen, wie wunderbar dieses Land doch ist und am meisten begeistert war sie darüber, dass die Menschen hier alle so viel lächeln und so glücklich scheinen und es auch definitiv auch sind. Ich konnte sehr gut nachvollziehen, was sie meinte und doch hatte ich den Eindruck, als hätte sie nur eine Seite kennen gelernt. Hier zu leben und zu arbeiten gewährt einem wirklich viel tiefere Einblicke. Dafür bin auch sehr dankbar, auch wenn manchmal Unverständnis, Wut und Traurigkeit in mir hoch kochen.

Um zu verstehen was ich meine, muss euch die  Geschichte über den Fischer und den Businessmann bekannt sein. Wenn nicht schaut kurz ins Internet. Die Moral von der Geschichte ist, im Jetzt zu leben, wo alles stattfindet. Wenn der Fischer genug Fische gefangen hat, ist er zufrieden und genießt seine freie Zeit in der Sonne und chillt. Der Business hingegen denkt an die Zukunft und ihm sind nur die Fische für den Tag nicht genug. Ja und so ist das hier. Die Fischer und wahrscheinlich viele andere aus dieser Kultur chillen. Und auch die Kinder. Nun fand ich diese Geschichte immer toll und bewundernswert, weil nicht gierig, im Jetzt leben und sich nicht ständig um die Zukunft scheren. Da kann nur ein Meteorit aus dem All kommen und das ganze Tun für die Zukunft, war für die Katz. Stimmt ja auch irgendwie. Tja, nun sehe ich aber auch, wie dieselbe Einstellung bei einigen Kindern dazu führt, Schule für nicht wichtig zu halten. Und das führt leider wieder dazu, dass die Zukunft wohl auch nicht ganz so optimal verläuft, wie es mir vom Herzen wünschen würde. Was sie später werden wollen und wie sich Vorstellen Geld zu verdienen ist in ihren Gedanken nicht so ausgeprägt. Aber das kann ich sehen, weil ich einen Verstand habe, der dazu optimiert ist, in die Zukunft zu planen und mich anderseits, viel zu oft abhält im Jetzt zu Leben und zu genießen. Ein anderes Thema ist der sorgfältige Umgang mit Sachen (Okay, dass kann ich auch nicht), aus Fehlern lernen oder das Thema Ehrlichkeit. Alles ein bisschen anders als meine Vorstellungen, wie es zu sein hat und dementsprechend oft unverständlich. Eine andere Sache: Umgang mit Gefühlen. Aus meiner Sicht völlig Dramatisierend und anderseits auch schön in allen unterschiedlichen Gefühlen aufzugehen, um sie dann wieder loszulassen.

Singhalesisches KinoEs braucht Zeit und Geduld einfach mal zu akzeptieren, dass einige Dinge anders laufen als ich es gewohnt bin und was mir immer wieder hilft ist Humor. Auch wenn es anders ist und ich manchmal eine Krise kriege, so muss auch über vieles Lachen und es mit Leichtigkeit betrachten. Vor ein paar Tagen waren wir im singhalesischem Kino. Die Mädchen waren alle Top angezogen und ich kam mir ziemlich underdressed vor. Achja auch witzig, wie die Frauen hier weißes Puder benutzen, um hell auszusehen und in Europa viel dafür getan wird, auf jeden Fall braun zu sein. Der Weg dahin war schon ziemlich witzig. Unsere Gruppe bestand aus fast 30 Menschen und der Bus war schon voll. Kinobesuch: Die Geschichte von PathiniWie wurden ALLE reingepresst und ich muss zu meiner Überraschung sagen, es hat funktioniert. So stand ich eng an eng mit viel Körpernähe zwischen den Menschen. Das hatte den Vorteil, dass ich nicht umfallen konnte und selbst wenn ich es getan hätte, wäre ich weich gelandet. Wir mussten ziemlich lachen und hatten unseren Spaß. Das Kino war mindestens genau so witzig und gleichzeitig seltsam. Ein alter Mann, der wahrscheinlich sehr erstaunt war, wie viele Menschen wie waren, war ein bisschen überfordert und lief die ganze Zeit hin und her, um alles zu organisieren. Das Kino war gar nicht mal so klein, an den Rändern standen große verstaubte Ventilatoren und die Sitze, mit denen man sich zurücklehnen könnte quietschten. In der Pause hab es 2 Liters Pepsis die rumgingen im Kino und riesengroße Kekspackungen. Als der Film anfing, konnte ich ein Lachen nicht unterdrücken, denn mir kam es alles so albern vor. Aber es würde doch sehr dramatisch: Ehebruch, vom Reich zu Arm, Familienschicksale, Liebe und am Ende die Beschwörung  Shivas und die Entstehung einer Heiligen. Die Tränen sind geflossen bei den Mädels und auch ich, die zwischenzeitlich fast eingeschlafen ist, habe es genossen.

Ich sende euch die liebsten Grüße aus Sri Lanka (das Land der aufgehenden Sonne) und freue mich immer noch, trotz der kulturellen Unterschiede, hier zu sein!