Die perfekte Nähe-Distanz-Mischung


Shashikala, ich, Salani und Piumi ShanikaMit dem Praktikum, hier im Angels Home, habe ich mich auf ein neues Land und eine mir bis dahin komplett fremde Kultur eingelassen, was natürlich eine risikoreiche Geschichte ist. Aber als wäre mir das noch nicht genug Risiko gewesen, habe ich in diesem neuen Umfeld mir eine Arbeit ausgesucht, die mir fast genau so wenig vertraut war. Ich wusste nur eins: ich finde Kinder toll, ich will mehr über sie erfahren und endlich raus aus Deutschland. Und so stand ich hier, am 30.12.2016, komplett verschwitzt und übermüdet, vor 60 Kindern am gedeckten Tisch und fragte mich: Was mach ich hier eigentlich?! Die darauf folgenden Tage waren natürlich nicht die einfachsten, da ich das erste mal mit einem leichten Kulturschock konfrontiert war und mich an das neue Umfeld gewöhnen musste. Neben diesen Befremdlichkeiten beschäftigte mich aber vor allem eine Frage sehr: Wie schaffe ich es, Autorität und gleichzeitig schöne, freundschaftliche Beziehungen mit den Kindern aufzubauen? Eine Challenge, die sich komplizierter und anspruchsvoller gestaltete, als ich es an diesem Zeitpunkt noch erahnen konnte.

Oft toben die Mädels lieber, als Barbie zu spielenIch erinnere mich noch genau daran, wie es mir anfangs aufgefallen ist, welch strengen Ton die anderen Praktikantinnen mit den Mädels hatten. Jetzt nicht furchtbar böse, aber doch sehr bestimmt. Und ich selbst empfand die Mädels in den ersten Tagen als absolut liebenswert, zuckersüß und super lustig. Was ich zwar immer noch finde, aber eben nicht nur. Denn natürlich lernt man mit der Zeit auch die anderen Seiten der strahlenden Kinderaugen kennen. Also war ich etwas schockiert darüber, dass der Ton teilweise etwas schroff war. Und so wollte ich erst mal nur eines: der beste buddy dieser zauberhaften Mädels werden, die mich immerzu süß anlächelten und so mein Herz erwärmten. Ich wollte mit ihnen hauptsächlich Stunden vebringen, in denen wir uns lachend auf dem Boden kugelten und durch die Gegend tobten. Einfach nur fun, fun und nochmal fun! Es hat höchstens 3 Tage und Spielstunden gebraucht um festzustellen, dass viele der (vor allem jüngeren) Mädels schnell zu sehr aufdrehen und nicht mehr wissen, wann Schluss ist. Und das mal unabhängig davon, dass gleichzeitig der Respekt etwas flöten ging. Mir wurde also schnell klar, das mein reines Kumpelprinzip so nicht funktionieren und erst recht nicht Hand in Hand mit gesunder Autorität gehen würde.

Und so entschied ich, verärgert darüber, dass mir auf der Nase herumgetanzt wurde und dementsprechend viel zu impulsiv wie ich manchmal bin, nun jegliche Freundschaftsanzeichen und Lässigkeiten von mir zu weisen und den Mädels mal zu zeigen, „wo es lang geht“. Darauf hin folgte eine Phase, in der ich mich bemühte, sehr streng zu sein, die einzelnen anstehenden Aufgaben sehr genau nahm und es somit auch zu nah an mich ran ließ, wenn mal etwas nicht funktioniert hatte. Das lief dann darauf hinaus, dass es mich auch nach Feierabend noch geärgert hatte, dass manche Socken nicht auftauchten und die Mädels beim waschen wieder viel zu laut waren. Da sich diese Art hier zu leben weder positiv auf mein Gemüt, noch auf meine Autorität bei den Kindern auswirkte, merkte ich auch hier schnell, dass ich auf dem Holzweg war. Ganz deutlich machte mir das einmal Shashikala, eines von den Mädchen. Als ich, mal wieder angenervt von irgendeiner Sache, grimmig durch die Gegend stapfte, stellte sie sich mir in den Weg und sagte:“You are always angry!“. Der Satz hatte gesessen und er beschäftigte mich eine Weile, bis ich beschloss, nicht mehr „angry“ zu sein. Gleichzeitig wurde mir aber auch bewusst, wie schwierig es doch war, das richtige „Nähe-Distanz-Verhältnis“ zu finden, wie Marina es immer so gerne fachlich ausdrückt zwinkernd

Shashikala und ichIch war nun an einem Punkt angelangt, an dem ich zwei Phasen durch hatte, um meine Autorität, und somit auch meinen Platz hier im Angels Home zu finden. Als ich diese überdachte fiel mir auf, dass sie jeweils sehr extreme Züge angenommen hatten. Und nun war es mir klar: ich muss einfach mal los lassen, mich entspannen. Was nicht bedeuten sollte, dass mir die Arbeit egal ist oder ich nicht mit anpacke, sondern auf einer emotionalen Ebene. Ich durfte weder die Dinge zu nah an mich ran lassen, noch sie ignorieren und einen auf Kinderclown machen. Ich habe gelernt, dass Kinder mit (meinen) Extremen nicht zurecht kommen und es nirgends hinführt, der reine Spielfreund zu sein, geschweige denn die böse Aufpasserin. Und so fand ich, aus dieser Erkenntnis heraus, meinen Weg, mit den Kids umzugehen. Wir verbringen nun viele schöne Stunden, in denen wir malen, kuscheln, spielen oder, so wie erst letztens, bei strömendem Regen anfangen, wild zu tanzen und zu singen. Ich habe auch gelernt, dass wenn man Kindern Grenzen setzt, diese deutlich macht und gewisse Regeln durchzieht, das auch Raum für diese erfüllenden Erlebnisse hergibt.

Shashikala, Nandika und ichDas war eine der ersten Lektionen, die ich im Angels Home über mich und andere lernen durfte und im Nachhinein bin ich dankbar für die Fehler, die ich gemacht habe und mir jetzt als Erfahrung dienen. Dankbar bin ich auch den Kindern, die mir diese verzeihen und mich so respektieren, wie ich bin. Wie beispielsweise Shashikala, die mir, wahrscheinlich ohne es zu wissen, mit ihrem Satz ein paar schlaflose Stunden bereitet hatte und nun eines der Mädchen ist, mit denen ich besonders gerne quatsche und herumalbere.

Ganz liebe Grüße,
Janika