Engel und ihre Götter


Mädels vor unserem TempelSchon seit meiner Fahrt vom Flughafen zum Angels Home beschäftigt mich ein Thema besonders: Sri Lanka und die hier gelebten Religionen. Denn schon auf dem Weg nach Marawila verblüffte mich die Anzahl der Jesusstatuen und Kreuze am Straßenrand.

Hatte ich nicht gelesen 70% der Singhalesen sind Buddhisten und fast ein Viertel Hindus? Doch im Angels Home angekommen erklärte mir Julia, dass besonders hier im Distrikt um Marawila und entlang der Westküste viele Singhalesen katholisch sind. Hier erkennt man immer noch die Auswirkungen der Kolonialzeit und der portugiesische Missionierung.

Wer das Angels Home kennt, weiß dass die Mädchen hier entweder katholisch oder buddhistischen Glaubens sind. Sie beten zweimal am Tag und jeweils am Sonntag oder an Feiertagen gehen sie in die Kirche bzw. in den Tempel. Religion ist also ein fester Bestandteil des Alltags und nicht wegzudenken.

Mädels beim BetenIch persönlich würde mich eher als Atheistin bezeichnen. Ich konnte nie Bezug zu einer Religion fassen, was wohl auch damit zusammenhängt, dass meine Familie keinen großen Wert darauf legt. Außerdem sehe ich immer, wenn ich mich mit einer Glaubensrichtung auseinandersetzte, gleichzeitig auch die Verbrechen, die in deren Namen gerechtfertigt und begangen wurden bzw. immer noch begangen werden. Auf der anderen Seite bin ich der Meinung, dass der Glaube, an welchen Gott auch immer, Menschen Hoffnung und Kraft schenken kann und in manchen Momenten vielleicht auch ausschlaggebend dafür sein kann nicht aufzugeben.

Ein paar der Mädchen haben mich natürlich gefragt ob ich denn nun katholisch oder buddhistischen Glaubens sei. Ich habe versucht ihnen zu erklären, dass in meiner Heimat die meisten Mensch evangelisch sind, aber ich nicht an Gott glaube. Bis heute denke ich, dass sie mich nicht richtig verstanden haben. Für sie ist es noch schwer nachzuvollziehen, dass andere Menschen ein Leben ohne Religion führen.

Am meisten überrascht mich jedoch wie selbstverständlich die Singhalesen und vor allem unsere Mädels die verschiedenen Religionen nebeneinanderher praktizieren. In den Ferien haben wir zweimal einen Ausflug zu einer Kirche gemacht, die etwas weiter weg gelegen ist. Wie selbstverständlich kamen auch die buddhistischen Mädchen mit und beteten gemeinsam mit den anderen. Nach dem Besuch der Kirche erkundigte ich mich bei einem unserer älteren Mädchen ob es normal sei, dass auch Buddhisten hierher kommen. Sie erklärte mir, dass es häufig vorkommt, dass auch Menschen buddhistischen oder hinduistischen Glaubens zum beten in diese Kirche kommen.

Hinduistische Gottheit in ChillawAuch bei meinen Ausflügen nach Colombo, Negombo oder Chilaw stellte ich fest, dass zu den Sehenswürdigkeiten oftmals ein buddhistischer Tempel, ein Hindu-Tempel oder eine Kirche gehören und nicht selten alles sehr nah beieinander.

Ich kann nicht für ganz Sri Lanka sprechen, aber hier im Angels Home scheint eine große Akzeptanz für andere Religionen zu herrschen. Besonders wenn ich als ehemalige Dresdnerin auf das letzte Jahr und die Ereignisse in Deutschland und Europa zurückblicke, bin ich sehr froh, dass unsere Mädchen lernen, offen gegenüber anderen Religionen zu sein. Auch wenn ich mir manchmal wünschen würde, dass sie ein wenig mehr an sich selbst glauben, denn besonders beim lernen für Prüfungen hilft Fleiß wohl mehr als Gebete.

Grüße aus dem Angels Home,

Julia.