Meine Erfahrungen aus der Ferne


Sachini und Achini bei meiner wöchentlichen English ClassIch sitze im gemütlichen Korbstuhl auf der Terrasse. Auf meinem Schoss steht mein aufgeklappter Laptop. Meine Finger liegen angespannt auf der Tastatur und warten nur darauf endlich in Aktion treten zu können. Ich starre auf die geöffnete Word-Datei, die mir bereits seit geraumer Zeit weiß entgegenstrahlt – unbeschrieben. Ich halte einen Moment inne und stelle erstaunt fest, wie schwer es mir fällt meinen letzten Bericht zu beginnen. Rasch starte ich wild in die Tasten zu drücken, um einen Anfang auf das Papier zu bringen. Ein weiterer Augenblick genügt, bis ich das bisher geschriebene Wort für Wort wieder verschwinden lasse. Erneut erscheint mir ein völlig weißes Blatt vor Augen, welches eine unglaubliche Leere ausstrahlt. Und doch sind es nicht meine Gedanken, die sich in dieser Leere wiederspiegeln. In meinem Kopf kreisen zahlreiche Gedanken wild umher, sodass es nahezu unmöglich scheint in ihnen einen möglichen Anfang zu finden.Ein Meer aus Palmen

Mein Blick wandert über die großen Palmen, welche zahlreich neben dem Grundstück aufgereiht sind. Der Windrauscht sachte durch ihre Blätter und wiegt im selben Rhythmus die langen Baumstämme hin und her. Meine Augen bleiben schließlich am Indischen Ozean hängen, welcher langsam und allmählich mit den rötlichen Farben der untergehenden Sonne verschmilzt. Ich lehne meinen Kopf gegen die Lehne des Stuhls und versuche meine letzten Monate Revue passieren zu lassen.

Ich sehe erneut meine stressige Klausurzeit am Ende des Sommersemesters vor Augen. Das Praktikum stellte besonders in dieser Zeit meinen Lichtblick dar, sodass ich es auch in schwierigen Zeiten schaffte neue Motivation zu finden. Als der Tag des Abflugs schließlich gekommen war, barg ich eine unheimliche Vorfreude gemischt mit aufkommender Nervosität in mir.

Ein Tag am Meer mit den MädchenBetrachte ich nun die letzten neun Wochen rückblickend, welche ich im Angels Home verbringen durfte, so wird mir deutlich, dass ich nicht nur unheimlich viel über die Lebensweise und Mentalität der Singhalesen kennenlernen durfte. Während dieser Zeit konnte ich ebenso eine Vielzahl über mich selbst erfahren, wie beispielsweise die Art und Weise wie ich neuen und unbekannten Situationen begegne oder entgegentrete.

Das tropische Klima war anfangs durchaus eine Hürde, die mich besonders zu Beginn schnell an meine Grenzen führte. Leider musste sich auch meine helle Haut der Nähe zur Sonne geschlagen geben, da sich selbst eine Sonnencreme mit dem Lichtschutzfaktor 50 nach einiger Zeit von der Haut schwitzt. Als Folge daraus bestritt ich jeden weiteren Tagestrip vermummt mit einem großen Strohhut auf meinem Kopf, einem Schal, den ich mir über die Schultern schlug, sodass selbst meine Arme darunter verborgen waren sowie einer langen Hose. Mein äußeres Erscheinungsbild zauberte womöglich jedem Einheimischen ein breites Grinsen ins Gesicht, doch war ich von nun an in jeder Hinsicht geschützt!

Das Klima war jedoch nicht das einzige, was für mich eine völlig neue Erfahrung darstellte. In meinen ersten Tagen im Angels Home staunte ich nicht schlecht über das anhaltende Brennen, welches die einheimische Kost durch Gewürze wie Chili und Curry in meinem Mund verursachte. Ernüchternd musste ich anfangs ebenso feststellen, dass lediglich Reis, welcher zu den Mahlzeiten am Morgen, am Mittag sowie am Abend gereicht wurde, meinen Speiseplan für die nächsten Monate ausschmücken würde. Zeitgleich lernte ich den weltbekannten Ceylon Tea kennen und lieben, welcher nun aus meinem Alltag kaum noch wegzudenken ist.

Beim Tempelbesuch am Poya-DayRückblickend hat es sich als sehr spannend erwiesen, 57 kleine und große Persönlichkeiten kennenzulernen, die in einer Welt groß geworden sind, die womöglich mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten zu meiner eigenen aufweist. Ich muss zugeben, dass ich viel Zeit benötigt habe, mir die Namen der Mädchen einzuprägen. Doch zugleich hatten auch sie ihren Spaß dabei Wege zu finden meinen Namen richtig auszusprechen. Den verschiedenen Variationen waren in jeder Hinsicht keine Grenzen gesetzt, sodass ich von „Istoffie“ über „Istoppi“ viele Rufnamen erhielt, die mit der Zeit ihren eigenen Reiz für mich entwickelten.

Die Mädchen haben mich in vielerlei Hinsicht erstaunt aber vor allem auch begeistert. Viele von ihnen haben zum Teil traumatische Erlebnisse während ihrer Kindheit hinnehmen müssen und dennoch strahlen sie soviel Lebensfreude aus, dass es mir immer wieder ein breites Grinsen ins Gesicht gemalt hat, wenn ich ihre Sorglosigkeit in Verbindung mit ihrem herzhaften Lachen beim Spielen beobachten konnte.

Das Strahlen ihrer Augen hat mir in zahlreichen Momenten gezeigt, dass es häufig nicht der Materialismus ist, welcher uns Menschen zum Glück führt. Es sind vielmehr die kleinen Dinge oder auch das Beisammensein miteinander, welches den Zustand der Zufriedenheit auslösen kann.

Die Glocke zum morgendlichen WeckrufEs sind diverse Dinge, die mich nun am Ende meines Aufenthalts im Angels Home beschäftigen. Zum einen freue ich mich noch auf meine eigene kleine Reise durch Sri Lanka, bevor ich wieder in den Flieger steige, der mich zu meiner geliebten Familie ins Sauerland bringen wird. Der deutsche Alltag wird mich wahrscheinlicher schneller einholen, als es mir lieb ist und doch spiele ich mit dem Gedanken, was meine Familie davon halten würde, wenn ich das morgendliche Signal zum Wecken auch bei uns Zuhause einführen würde. Die Glocke würde mit großer Wahrscheinlichkeit schneller verschwinden als ich schauen könnte und somit verwerfe ich diesen Gedanken schmunzelnd wieder. Jedoch frage ich mich weiter, ob wir im gesamten Haus wohl auf 57 Tassen kommen würden, dich ich zum Morning Tea nebeneinander aufreihen könnte. Es bleibt spannend. Ein Versuch wäre es wert!

Sandiyas Hand in meinerFür meinen Teil hoffe ich in meinem letzten Bericht nicht allzu melancholisch zu klingen. Ich hatte eine erstaunliche Zeit im Angels Home und durfte unheimlich interessante Erfahrungen und Erkenntnisse sammeln, die mich mit großer Wahrscheinlichkeit für lange Zeit begleiten werden. Es gestaltete sich super spannend in eine neue und mir zunächst völlig fremde Kultur eintauchen zu können. Und scheint die Heimat in einigen Momenten noch so fern gewesen zu sein, so sind es die leuchtenden Augen und die lieben Umarmungen der Mädchen, die mir jegliches Heimwehgefühl wieder aus dem Kopf radierten.

Viele letzte Grüße aus Marawila,

Steffi

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