Elf Wochen Erinnerungen


IMG 1730Er: Also dieses Frühstück, 2 Wochen lang, immer das gleiche...
Müde und erschöpft sitze ich nach dem Flug aus Colombo in Doha am Gate und warte auf meinen Anschlussflug, der mich nach München bringen soll. Ich versuche auf den Sitzen zu schlafen, aber wer hat denn diese unbequemen Armlehnen erfunden, die das Schlafen am Gate für mich heute einfach unmöglich machen. Und so muss ich zwangsläufig dem Gespräch des mir gegenüber sitzenden Paars lauschen.
Er:... Immer dieses Toast mit bisschen Marmelade und Butter. Dazu jedesmal diesen Fruchtteller und bisschen Ei. Und das 14 Tage lang... ich kanns ja schon echt nicht mehr sehn – dass die sich nicht mal was anderes zum Frühstück einfallen lassen können.

Toast, Marmelade, Fruchtteller. Ei, 2 Wochen lang...

Was die Partnerin sagt, bekomme ich nicht richtig mit, viel zu sehr muss ich mich innerlich davor wahren nicht laut loszulachen oder gar zu fragen, warum sie nicht einfach Reis mit Curry zum Frühstück gewählt haben. Ich zumindest habe jedes Frühstück, das nicht die Bestandteile Reis oder Curry enthalten hat, absolut gefeiert und mit absoluter Freude verzehrt.

Tja, das war es also, 11 Wochen Reis mit Curry. Oder 11 Wochen Kinderheim. Oder 11 Wochen Sri Lanka.
Dass ich mir so viele Gedanken um das Essen machen würde, hätte ich zu Beginn meiner Zeit im Angels Home nicht gedacht. Bin ich doch jemand, der ziemlich pflegeleicht und unkompliziert ist, was Essen betrifft. Hauptsache es ist was da. Doch hier wurde mir erst bewusst, wie gerne ich es eigentlich genieße, selbstständig zu entscheiden was ich Essen möchte, Lieblingsgerichte zu kochen und einfach aus einer bunten Vielfalt an Zutaten auswählen zu können.

IMG 1695 111 Wochen Kinderheim
Oft wurde ich zwischendurch von Familie oder Freunden gefragt wie es denn so ist und ob es mir denn gefällt. Meiner Mama sagte ich dann mal, wenn es mir im Kinderheim tatsächlich gefallen würde, dann hättest du irgendwie was falsch gemacht zuhause. Und an dieser Stelle bleibt mir einfach nichts anderes, als ein großes Danke an meine Eltern und Geschwister zu richten, die ganz bedingungslos jederzeit für mich da sind.
So bin ich froh nicht im Kinderheim aufgewachsen zu sein – doch die Arbeit dort zusammen mit den Kindern, aber auch die Aufgaben, die ich für Frank erledigt habe, haben mir jeden Tag Spaß gemacht und waren eine Bereicherung für mich.
Dennoch bin ich mir aber auch sicher, dass die Mädels im Angel’s Home einen Platz haben, wo sie zusammen mit ganz vielen Schwestern unter familiären Umständen aufwachsen können und abgesehen von ihren eigenen schlimmen Erlebnissen doch die Möglichkeit haben Kind zu sein und mit den Praktikantinnen rumalbern zu können.

11 Wochen Sri Lanka
Sri Lanka – eine Insel gerade einmal so groß wie Bayern. Und manchmal habe ich das Gefühl, die Einwohner haben mindestens den gleichen Stolz wie die Bayern. Alles nur ein Vorurteil? Aber, dass alle Weißen superreich sind, das stimmt oder? Ich habe erlebt, wie es ist, sich tatsächlich fremd zu fühlen und vielmehr noch, Rassismus zu erleben. Du bist weiß, du zahlst mehr. Fühlt sich nicht so cool an. Und dann muss ich an all jene denken, die Rassismus nicht nur in dieser „leichten Form“, sondern in viel schlimmeren Ausprägungen tagtäglich spüren.

Was mir bleibt
Wenn man so viel mit den Mädchen zu tun hat, fallen einem (mir zumindest) viele Erinnerungen aus der eigenen Kindheit ein. IMG 1717Und so kommt es dann auch während der Zeit im Angel’s Home hin und wieder mal vor, dass das eine oder andere Kinderlied über die Lippen geht. Das wohl treffendste für meine Zeit in Sri Lanka ist von Balu, dem Dschungelbuch-Bär.

Probier's mal mit Gemütlichkeit, mit Ruhe und Gemütlichkeit
jagst du den Alltag und die Sorgen weg.

Nicht nur beim Programmieren oder sonstigem Werkeln am PC braucht man manchmal eine dicke Portion Ruhe und Geduld, denn nicht immer funktioniert die Technik so wie man das haben will. Wenn der Mauszeiger sich mal wieder in das Ladesymbol verwandelt, weil man geschätzte 15 Dinge gleichzeitig machen wollte und der PC mit unserer Geschwindigkeit einfach nicht so ganz zurecht kommt, dann hilft es manchmal nur noch abzuwarten und (so schwer es auch fallen sollte) seine Hände von Maus und Tastatur zu nehmen und einfach nichts zu tun. Auch wenn das oftmals nicht allen leichtfällt.
Und nicht nur bei meinen technischen Aufgaben, sondern auch bei den Mädels hilft die gewisse Portion „Ruhe und Gemütlichkeit“. Nicht alles in Sri Lanka verfolgt eine für mich nachvollziehbare Logik, aber es funktioniert eben doch irgendwie. Und so ist es dann das richtige Maß an Gelassenheit, das mir immer wieder ganz gut getan hat. (Auch wenn es wie im oben genannten Fall nicht unbedingt etwas bringt, nur die Hände wegzunehmen). Denn wirkst du selbst gestresst oder angespannt, wird das gleich von den Mädchen registriert und du erhältst direkt fragende Blicke: „Why?“, „What’s the problem?“. Den Mädchen kann man eben doch nichts vormachen.

IMG 1742Und so sitze ich nun an meinem Schreibtisch und bin tatsächlich erst seit einer Woche wieder in Deutschland.IMG 4068 Während ich mich bereits durch das komplette Süßwaren- und Eissortiment geschlemmt habe, bin ich schon wieder voll in meinen gewöhnlichen Alltag eingespannt und es fühlt sich an, als wäre ich schon viel länger wieder in Deutschland. Doch mein Abschiedsgeschenk der Mädchen hängt präsent in meinem Zimmer und lässt mich oft an meine Zeit im Angel’s Home zurückdenken. Erinnerungen, die manchmal gar nicht richtig in Worte zu fassen sind und die sich meist unterbewusst zwischen meine Gedanken drängen und meist entweder so kurios oder schön sind, dass sie mir ein Lächeln ins Gesicht zaubern.

Am Ende bleibt mir nur noch viele Grüße aus Deutschland nach Marawila zu schicken: an meine Mädels, Frank und Julia sowie Melanie und Steffi, die momentan noch die Stellung halten.

Alles Liebe Katrin.