Jung, wild und vielleicht frei


Blick nach_vorneDie Tage bis zu meinem persönlichen Abschied von diesem trubelhaften Ort nun zählend, resumiere ich immer und immer wieder was ich alles an Erfahrungen hier mitnehmen werde. Ich, wie wahrscheinlich viele vor und nach mir, bin zum einen mit dem Hintergedanken hier her gekommen an etwas Nützlichem, Sinnvollem mitzugestalten, aber auch mit dem Wunsch meinen Horizont ein Stück weit mehr zu erweitern, als es mir in meinem Heimatland wahrscheinlich möglich gewesen wäre. Jung, wild, frei? – Hinaus in die Welt zu ziehen um das Altbekannte (in meinem Fall Wien, mit all den angestrengten bis missmutigen Gesichtern, den gesenkten oder gedankenverlorenen Blicken, distanzierten uninteressierten Gesten, dem höflich-distanzierten/höflich-ablehnendem Dienstleistungspersonal, der jeder-für-sich und ja-nicht-störend-auffallen Attitüde, der kühlen kritischen Atmosphäre im alltäglichem Treiben, der klaren Ordnung des Verkehrs und überhaupt vielem, den kühlen Windböen, nebeldurchzogenen Tagen, engen Gassen, prachtvollen Bauten und sauberen Straßen) in Relation stellen zu können und zu überprüfen ob es noch andere Wege gibt das Leben zu gestalten und wie diese funktionieren – das geistert heutzutage vielen jungen Menschen im Kopf herum.

Bahnhof ColomboEs ist der Geschmack der Freiheit den meine Generation erreicht hat, der angepriesen und vermarktet wird, der uns danach sehnen lässt die andere Seite der Medaillie zu erkunden, Grenzen zu erweitern und zu überschreiten, Regeln zu hinterfragen und zu brechen, mehr zu wollen vom Leben, es im tiefsten zu verstehen, den Sinn zu erfassen, um autonom, individuell – frei (?) zu sein.
MeerestreibenUm keine endlose Debatte um die Frage – „Was ist „Freiheit“?“, vom Zaun zu brechen, schließe ich meine Gedanken hierzu mit einem persönlichen Statement. Alleine weit weg zu reisen und dort an einem frei gewählten Projekt mitzuarbeiten vermittelte zumindestens anfangs ein Gefühl von Weite an Möglichkeiten und Chancen. Kommt man dann hier an prallen Welten aufeinander. Freiheit und Unabhängigkeit im Herzen gliedert man sich schnell in einen durch- und durch strukturierten Tagesablauf ein und merkt bald das Freiheit nicht unbedingt gleichzusetzten ist mit der Anzahl an Kilometer, die zurückgelegt wurden um ein Ziel zu erreichen.

Blick zurückAuf dem harten Boden der Tatsachen gelandet gewinnst du diesem Leben hier jedoch bald viel ab. Klar vorgegeben wo es lang geht genießt du auch eine gewisse Art von Freiheit, nämlich jene nicht außerordentlich viele Entscheidungen treffen zu müssen. Also eine Art Entscheidungsfreiheit. Angenehm folgst du den Regeln, dem sich alltäglich wiederholenden Fahrplan und gewinnst ihn auch bald lieb. Doch hörst du beim morgendlichen Joggen dann in voller Lautstärke „Young, wild and free“ durch die Ohrenstöpsel deines Smartphones, wird dir die Ironie bewusst die du gerade lebst.
Auf zum_PeraheraDen vielen „Freiheiten“, die es uns heute erlauben ans andere Ende der Welt zu reisen um dort ein paar Monate Arbeits- und Lebenserfahrung zu sammeln, stehen die „Freiheiten“ der jungen Mädchen gegenüber die wir hier tagtäglich betreuen. So bekunden die Mädchen beispielsweise immer wieder einmal nach Deutschland reisen zu wollen, ist es doch das Heimatland von Julia und Frank, von ihren geliebten Pateneltern und all den bemühten, lustigen Praktikanntinen. Klar, dass dieses Land und all die Geschichten, welche sie davon schon hören durften eine Faszination ausübt. Bei mir hinterlässt es vor allem ein komisches Gefühl und schließlich die Gewissheit, dass ich wirklich viel viel „freier“ bin als mir das eigentlich klar war. Doch wieso überhaupt gleich mit dem Großen beginnen. Schon in den kleinen Alltäglichkeiten, sei es Kleidung, Essen, Freizeit, Abend- Wochenendgestaltung, Schlafens- und Essenszeiten, all das ist hier nicht autonom gestaltbar. Nicht für die 5 jährige Madushani, noch für die bald 20 jährige Dinesha.

Auf zum_DansalWenn ich eins hier verinnerlichen konnte dann ist das, welch großen Wert es hat und wieviel Zufriedenheit es auch oft stiften kann frei entscheiden zu können, aber vor allem auch wieviel ich und auch die meisten Menschen die ich kenne, von dieser Freiheit besitzen und dass ich diese mehr nutzen und wertschätzen sollte. Aber zu Gunsten des Funktionierens und des Wohlergehens einer Gemeinschaft (sei es ein Kinderheim, eine Familie, eine Beziehung) gibt es eben notwendige Einschränkungen dieser, die ebenso ihre Vorteile haben und die in einem gewissen Maße oder für einen gewissen Zeitraum auch Wert sind in Kauf genommen zu werden.
Die Tage, bis ich ein Stück Freiheit wiedererlangen werde, zählend,
eure Simone