Schamlos in Sri Lanka


Morning prayerDass ich hier in Sri Lanka vor allem damit konfrontiert werde meine Schamgrenzen neu zu definieren und eine gewisse Schamlos gegenüber machen Gegebenheiten hier zu Lande zu entwickeln, damit hätte ich nicht unbedingt gerechnet als ich mich vor nunmehr 4 Wochen auf und davon machte um dieses Land und seine Menschen kennen zu lernen. Jetzt bin ich schon einen ganzen Monat hier im indischen Ozean und ich beginne mich langsam richtig einzuleben, mit allem was dazu gehört. So habe ich begonnen an jenen Tagen an denen ich Frühdienst mache, im Anschluss an meine frühmorgendlichen Pflichten laufen zu gehen. D.h. nach dem ich mich um 4 Uhr 30 aus dem Bett gekämpft habe, halb schlafend raus in die morgendliche Dunkelheit geirrt und wieder hinein in die Küche getappt bin, um dann die Teebecher der Mädchen vorzubereiten und schließlich auch die tief schlafenden Lamay aus ihren Betten zu schmeißen, nachdem ich mit ihnen zusammen Morningexercise gemacht und sie dabei versucht habe zu unterstützen auch wirklich MIT Pausenbox UND Krawatte in Richtung Schule aufzubrechen, nach alldem fängt also nun meine ganz persönliche Morningexercise an.

Da ich in Wien eigentlich regelmäßig Sport gemacht habe, v.a .viel mit dem Rad unterwegs war und insbesondere im Sommer oft Schwimmen gegangen bin, habe ich hier gemerkt, dass mir etwas fehlt. Trotzdem ich im Angels Home eigentlich das Gefühl habe ständig in Bewegung zu sein - Kinder hinterherzujagen, Unterrichtsmaterialien von oben nach unten zu tragen, Klassenzimmer auf und zu sperren, Spiele raus und rein räumen... etc., haben mir meine freien Tage an denen ich mehrere Stunden alleine in der Gegend herumgewandert bin bis ich am Ende des Tages körperlich erschöpft aber zufrieden in einen der großen Korbsessel hier auf unserer Terasse sank, gezeigt, dass mir etwas abgeht um ausgeglichen zu sein.
Abendstimmung und der mächtige Indische Ozean
Da die Strömungen und der starke Wellengang Schwimmen nicht gerade attraktiv, oder besser gesagt eher lebensgefährlich machen und ich auch kein Rad mit in meinen Rucksack nach Sri Lanka gepackt habe, fiel mir die Wahl es hier einmal mit Laufen zu versuchen nicht schwer.


Beach in the morningSeitdem ist es für mich ein kleines morgendliches Abendteuer geworden, dem ich entgegensehne, sowie ich es gleichermaßen fürchte. Mein erster Ausflug in Laufschuhen an die hier ca. 30 Meter weit entfernte Küstenstraße bestritt ich noch in einem Rock der mir über die Knie ging, sehr darauf bedacht ja nicht zu viele Blicke auf mich zu lenken und kein Aufsehen zu erregen. Vorstellbar lächerlich habe ich ausgesehen und kam ich mir vor, auch hat sich mein Wickelrock als nicht sonderlich geeignet und Windböhenresistent herausgestellt, weshalb ich (nach Konsultation von Theekshani) nun doch auf Shorts umgestiegen bin. Mittlerweile sehe ich die ganze Angelegenheit nämlich gelassener nachdem ich lernen musste, dass eine Weiße die bei dieser Hitze und knall rotem Gesicht von A nach B läuft und retour generell die Aufmerksamkeit der Einheimischen auf sich zieht.

StreetlifeIch habe mich nun an die vielen neugierigen Blicke gewöhnt, zumal man um seiner eigenen Seelenfrieden Willen hier in Sri Lanka sowieso irgendwann beginnen muss diese zu ignorieren. Denn egal wo du hin gehst, du bist für die Menschen eine kleine Attraktion. Die erstaunten Gesichter, die „Hello, how are you? What‘s your name?“ Zurufe von jungen Sri Lankanern die mich am Tuktuk oder am Moped meist hupend überholen ziehen nun links und rechts an mir vorbei sowie der Rest der Landschaft. Dafür freue ich mich jedes Mal über ein freundliches Lächeln oder ein Winken von jungen Frauen und älteren Damen, die am Straßenrand Fisch verkaufen oder gerade die Wäsche aufhängen.
MeereseinwohnerHier laufen zu gehen hat mich sehr viel überwindung gekostet. Um den vielen Blicken zum trotz, in meinem etwas lächerlich ausschauenden improvisorischen Sportaufit nun wöchentlich laufen zu gehen musste ich sehr viel Schamgefühl ablegen. Immer wieder schoss und schießt mir durch den Kopf was die Leute wohl von mir denken müssen, wenn ich hier an ihnen vorbei hächel, manchmal auch mit der Musik meines Mp3-Players mitsingend. Und immer wieder wenn ich anhalte um ein Foto von all den Eindrücken zu machen die mir hier auf meiner Strecke begegen, dem Alltag der Menschen in den ich ein klein bisschen eintauche wenn ich in ihre Häuser und Gärten luke, kämpfe ich ebenfalls mit Unbehagen.

WäscheleineZwar versuche ich nie direkt einen Menschen, oder ein Haus abzulichten, doch jedes Foto fühlt sich für mich ein bisschen so an wie eine Missachtung ihrer Privatsphäre. Somit versuche ich mich auf das Wesentlichste zu beschränken. Eine weitere Herausforderungen sind die vielen streunenden Hunde die dir manchmal hinterjagen, schwanzwedeln und freudig bellend weil sie denken nun in mir einen Spielgefährten gefunden zu haben, im schlimmsten Fall aber jedoch wütend bellen, weil sie ihr Territorium wohl bedroht sehen. Auch hier treffen meine angstverzerrten Blicke die derer mich beobachtenden Menschen und ob sie nun lachen oder zu meiner großen Freude den Hund Befehle auf Singhalesisch zurufen, stets komme ich mir ein bisschen wie eine unfähige Touristin vor.

BoyAuf der Habenseite meiner neuen „Leidenschaft“ steht jedoch ebenfalls sehr viel. Jeder dieser Morgen die ich joggend beschreite erfüllt mich mit Energie und Neugier. Die Eindrücke, das Meer, die Menschen, das Ganz-für-sich-sein und zu beobachten lässt mich im Hier und Jetzt ankommen, hilft mir mich daran zu erinnern wo ich eigentlich grad bin: Mitten im Indischen Ozean, umringt von einem Meer an Palmen.

HouseDer Alltag im Angelshome, das Zusammenleben mit all den Kindern und den anderen Praktikantinnen bereitet mir viel Freude und es ist angenehm, dass es immer etwas zu tun gibt und auch immer jemand da ist mit dem man Zeit verbringen kann. Doch bei all den Dingen die anfallen, bei all dem tun und auf andere schauen, ist der Kopf immer irgendwie beschäftigt und man vergisst das man eigentlich 10.000 Kilometer weit weg ist von zu Hause, das hier zwar vieles auch gleich rennt wie im alltbekannten Wien, aber auch vieles ganz anders.

Two girls  sun  two UmbrellasWenn ich dann zurückkehr ins Angels Home, werde ich mit einem freundlichen Lachen und Zeigen auf mein Gesicht begrüßt: „Red coulor“ oder „When you running, your face get pink colour“. Zu meinen persönlichen Adaptionen an Pflichten, Land und Leute zählt auch mein neuer Haarschnitt. Dieses Kunstwerk ist in weltrekordverdächtigen 5 Minuten entstanden und hat vielleicht auch ein bisschen mit Scham und Schamlosigkeit zu tun. Scham empfand ich als auch ich hier meine erste Laus in meinen (damals noch langen) Haaren gefunden habe. Wenig Scham habe ich empfunden als ich schließlich kurzerhand eine (sehr stumpfe!) Papierschneideschere in die Hand genommen habe und versuchte mich von meinen zu langen Haaren zu befreien die mich beim abendlichen Durchkämmen mit dem Nissenkamm in den Wahnsinn trieben. Julika kam mir gleich zur Hilfe und übernahm mit einer anderen, ebenfalls stumpfen Papierschneideschere die andere Hälfte meiner Haarpracht. In 2-3 Schnitten waren meine Haare nun also Schulterlang.

new haircutWas mich total berührt hat war, dass es den Mädchen wirklich sofort aufgefallen ist, dass ich nun einen neue „Frisur“ habe. Gleich wurde ich erstaunt darauf angesprochen, habe Komplimente oder auch fragende „Wieso nur“ Blicke geerntet. Auch Teekshani fragte mich vor ein paar Tagen schockiert „Hast du dir deine Haare noooch kürzer geschnitten?“ Aber nein, sie sind Schulterlang, und wahrscheinlich bleiben sie das ja eh nicht lange.
Bis bald zwinkernd
Simone