Die Füße, die uns tragen.


03 Füße_im_SandBarfußlaufen avanciert in den letzten Jahren in Deutschland zu einem neuen Lauftrend. Es sei gesünder, kräftige den Fuß und wirke jeglichen Fußfehlstellungen entgegen. Im Sinne des Mottos „Zurück-zu-den-Wurzeln“ entstehen neue Sportarten wie das Barfuß-Joggen oder ein mittlerweile großes Angebot an sogenannten Barfuß-Schuhen (eigentlich ein Widerspruch in sich lächelnd. Schon 1960 konnte ein äthiopischer Marathonläufer beweisen, dass man barfuß sogar schneller unterwegs ist, indem er ohne Schuhe eine neue Rekordzeit lief (interessanterweise lag der Grund für sein Barfußlaufen darin, dass seine Schuhe abgenutzt waren und auf die Schnelle kein Ersatz aufzutreiben war). Nicht zuletzt findet man in den Medien immer mehr Berichte über in Deutschland als Exoten angesehene (häufig) Männer, die sich entschlossen haben, dauerhaft Anhänger des Barfußkultes zu werden: 365 Tage im Jahr, über Asphalt und bei jedem Wind und Wetter.

Auch wenn diese Menschen noch eine Minderheit darstellen, nimmt das Interesse und die Community der Barfußläufer immer mehr zu. So wurde bereits der erste Barfußwandertag veranstaltet. Auch scheint das Phänomen eine Wissenschaft für sich zu sein, welche die regelmäßige Fußpflege, das Schrubben des Drecks und Schmirgeln der Hornhaut beinhaltet. Was hier in Deutschland eine Besonderheit darstellt, wurde für mich in den drei Monaten, die ich in Sri Lanka verbrachte, zu einer ganz selbstverständlichen Angelegenheit. Da im Angels Home keine Schuhe getragen werden, legte ich meine  für 11 Wochen auf die Seite und konnte genießen, was ich zuhause im Sommer stets auch sehr gerne mache: Barfuß fühle ich mich befreit und ganz natürlich...ich liebe es, den Boden unter mir zu spüren, die Oberflächen zu erkunden und so meinen eingeschlafenen Tastsinn an den Füßen wieder zum Leben zu erwecken. Dabei machten mir allerdings zunächst die von der Sonne aufgeheizten und fast glühenden Bodenflächen einige Probleme, doch ehe ich mich versah, bildete sich eine schützende Hornhaut und ich konnte mit den Mädels deutlich besser mithalten. So trugen mich meine Füße 11 Wochen über die kühlen Fliesen im inneren des Angels Home, wo ich mit den Kindern am Tisch über den Hausaufgaben brütete, mit ihnen gemeinsam aß oder Gemüse in der Küche schnippelte; über den trockenen und staubigen Sandboden im Garten zwischen den Palmen, wo ich beim der Gartenarbeit, die Kinder zum Arbeiten anhielt oder in der Play Time mit ihnen Badminton spielte; über den rutschigen und nassen Betonboden am Waschplatz, wo ich den Mädchen beim Waschen half oder durch matschigen, sumpfigen Boden, wenn einmal der Monsun zugeschlagen hatte. Schnell gewöhnte ich mich daran, dass ich meine Füße am Abend nur schwer wieder sauber geschrubbt bekam und schnell empfand ich es auch als ganz selbstverständlich keine Schuhe zu tragen. Fast erschienen sie mir als Fremdkörper, wenn man für die Ausflüge und Einkäufe doch einmal in welche schlüpfen musste.

01 Das_Ergebnis_eines_langen_Tages_im_Angels_HomeDie Zeit, in der mich meine Füße über die Böden des Angels Home trugen, war für mich eine unvergessliche und bereichernde Erfahrung, in der ich viel gelernt habe...was es heißt zu verzichten, sich schon über Kleinigkeiten zu freuen, dass man mit sehr viel weniger auskommen kann und das Leben mehr zu schätzen, welches ich hier in Deutschland führen darf. Auf ihre offene und einnehmende Art und Weise hatten es die Mädchen geschafft, dass ich mich im Angels Home schon noch einigen Tagen sehr schnell zu Hause fühlte und ich Groß und Klein schnell in mein Herz schloss. Daher fiel mir der Abschied nach dieser Zeit keinesfalls leicht.


01 Momente_der_UnbeschwertheitSchließlich trugen mich meine Füße noch weitere zwei Wochen zu berühmten Orten der Heimatinsel der Angels. Barfuß über die Böden berühmter Tempelanlagen und in Trekkingsandalen durch die Straßen von Kandy, Galle, Pollunaruwa oder die Landschaften der Nationalparks... Als ich nach einem anstrengenden Aufstieg den Blick von der sagenumwobenen Felsenfestung in Sigiriya genoss, war ich in Gedanken bei den Mädchen, die in ihren Interviews so zahlreich davon sprachen diesen Ort einmal in ihrem Leben sehen zu dürfen. Realistischer Weise muss man sich eingestehen, dass wohl nur die wenigsten einmal die Chance haben werden, so wie ich nun, das Land zu bereisen und die berühmten Orte seiner Geschichte, die die Mädchen so zahlreich in ihren Schulbüchern studieren, live erleben zu können. Umso mehr schätze ich, dass ich ein Leben führen kann, in der mir so viele Möglichkeiten offen stehen und ich, wenn ich ein bisschen Geld anspare, viel Reisen und die Welt erkunden kann. Mit Wehmut dachte ich so auch an Subani, als mein Flugzeug Colombo in Richtung Frankfurt verließ, und daran, ob wohl irgendwann ihr Traum, einmal mit dem Flugzeug nach Deutschland zu fliegen, in Erfüllung gehen mag.

Sri Lanka zeigte sich mir auf meiner Rundreise als ein Land voller Gegensätze: Landschaftlich ein Unterschied wie Tag und Nacht zwischen den an die afrikanische Savanne erinnernden trockenen Flächen des Yala Nationalparks und den vom Nebel verhangenen und kühlen Hügeln im Hochland und den Teeplantagen. Auffallend waren auch die Gegensätze, die sich mir in den Hotels boten: Knapp in Hotpants und schulterfreien Tops gekleidete junge Touristinnen stehen am Frühstücksbuffet neben ganz in Stoff gehüllte Frauen in Burkas. Ebenso diese sitzen an den Pools in ihrer sicherlich schweißtreibenden Kluft und beobachten ihre Kinder beim Planschen im Wasser, während sich nebendran eine junge Frau im knappen Bikini von ihrem Partner mit Sonnenmilch einölen lässt...Ja, hier prallen Kulturen aufeinander.
03 Teepflückerinnen_posieren_für_die_KameraWas mir am besten gefallen hat bei meiner Rundreise, fragten mich meine Mitpraktikantinnen...eine deutliche Antwort konnte ich hierauf nie geben, da mich vieles sehr beeindruckt hat. Meine Highlights waren aber sicherlich die Begegnung mit einer wilden Elefantenherde, die die Straße überquerte und unser Fahrer schließlich ganz schön abrupt aufs Gas drücken musste, als uns das Leittier bedrohlich schnell näher kam und nicht zuletzt, als wir am Strand in Hikkaduwa auf drei große Meeresschildkröten im seichten Wasser trafen, die wild lebenden Tiere bestaunen und füttern konnten.

Meine Füße sollten schließlich das Land nicht so schnell verlassen wie geplant. Bereits in Colombo in Richtung Dubai gestartet, kehrte unser Flieger plötzlich nach zwanzig Minuten wieder um, und so befand ich mich doch wieder auf sri-lankischem Boden: Ein Triebwerk war ausgefallen! Nun verbrachten wir über 5 schweißtreibende Stunden mit nur einem kleinen Becher Trinkwasser ohne ausreichend Informationen wartend im Flugzeug, bis wir schließlich mitten in der Nacht in ein Hotel nach Colombo gekarrt wurden und dort ohne jegliches Gepäck unsere Nacht verbrachten, bevor es dann am nächsten Tag schließlich weiter ging. Bevor ich wieder sicher in Frankfurt landete, verbrachte ich noch einmal zwei Tage in Dubai, wo mich ein Kulturschock der übelsten Art traf: Der Luxus, der Überfluss, die Größe, all das erschien mir so paradox und unwirklich...Erstaunlich, wie man sich nach nur 4 Stunden Flug plötzlich in einer so anderen Welt befinden kann. Wie das wohl die dort arbeitenden Mütter einiger unserer Kinder im Heim empfinden mögen?

Keine großen Umstellungen waren für mich spürbar, seit ich wieder hier in Deutschland in meiner Heimat bin, alles war schnell wieder vertraut und vor allem stehen alle möglichen Erledigungen und Vorbereitungen für meinen kommenden Berufsstart an.

Ich blicke auf eine Zeit zurück, aus der ich jede Menge für mich herausziehen konnte. Ich habe liebe Menschen kennengelernt, ob Kinder, Praktikantinnen oder Angestellte, die ich nicht so schnell vergessen werde. Schon jetzt werde ich etwas sentimental, wenn ich wie gerade am Fotos sortieren bin und mir die frechen, strahlenden Gesichter der Mädchen von meinem PC-Bildschirm entgegen lächeln. Singhalesische Worte, die ich in dieser Zeit gelernt habe, der Klang der Sprache oder die Stimmen der Mädchen sind mir noch immer präsent. Dankbar bin ich Julia und Frank, dass sie mir diese Chance möglich gemacht haben. Ich bewundere die beiden für ihr Durchhaltevermögen und den (singhalesischen) Löwenwillen zwinkerndmit dem sie für ihr Projekt und ihre Mädels kämpfen. Als Erinnerung möchte mir eine Collage mit Bildern der Mädchen in mein Arbeitszimmer hängen, sodass ich im Alltagsstress diese Zeit nicht so schnell aus den Augen verliere.
05 Augenblicke_der_Freude_die_in_Erinnerung_bleibenIch bin gespannt, wo mich meine Füße noch hintragen werden, aber auch jene der Mädchen. Interessiert werde ich ihre Geschichten verfolgen und hoffe in Kontakt bleiben zu können. Wo ich in meinem ersten Bericht „Ayubowan“ schrieb, sage ich nun „Stutiyi“, danke für eine tolle Zeit!

Was ich mir nun aber gönnen werde, ist eine ausführliche Fußpflege, denn mit meinen mit Hornhaut und Schwielen versehenen Füßen, will man sich, so gerne ich auch barfuß laufe, in Deutschland nur ungern sehen lassen zwinkernd

Liebe Grüße
Julika

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