Kein Tag zum Ausschlafen


Sonnenaufgang sonntags im Angels HomeHier im Angels Home habe ich schnell gelernt, dass Religion in Sri Lanka eine bedeutende Rolle spielt. Das Beten vor dem Essen, am Morgen sowie am Abend gehört für die Kinder genauso selbstverständlich zu ihrem Tagesablauf dazu wie die Tempel- bzw. Kirchgänge, die an Feiertagen aber auch jeden Sonntag für die Kinder anstehen. An Ausschlafen ist dabei nicht zu denken. Bereits um fünf Uhr morgens heißt es für die Mädchen aufstehen. Beim Morgentee haben sie dann kurz Zeit, allmählich in die Gänge zu kommen, bevor es danach sogleich mit den Vorbereitungen für den anstehenden Vormittag im Tempel oder der Kirche losgeht. Während die katholischen Kinder in schlichter weißer, bei besonderen Anlässen auch bunter Kleidung in die Kirche gehen, ist für die buddhistischen Kinder eine weiße Tracht in besonderer Aufmachung Pflicht. Die elegante Robe mit langem Rock, kurzem Oberteil und Schärpe lässt jedes Mädchen sofort wie eine richtige Dame aussehen.
Asitha in ihrer festlichen Robe mit JulikaSchließlich geht es nun ans Bügeln, Anziehen und vor allem Frisieren. Mit ausreichend Kokosnussöl ausgestattet kümmern sich die Kinder ob groß oder klein gegenseitig um die passende Frisur, der sich mit großer Geduld gewidmet wird.

Dananjani und Nirosha beim HaaremachenUm sieben Uhr geht es dann ab in den Tempel und die Kirche. Die Kinder verweilen hier jedoch nicht, wie wir das von unseren Kirchgängen gewohnt sind, lediglich ein bis zwei Stunden, sondern kehren frühestens zur Mittagszeit wieder in das Angels Home zurück. An Feiertagen erstrecken sich die Tempelbesuche sogar bis in die Abendstunden. Gerade für mich als angehende Religionslehrerin ist es besonders beeindruckend, wie die Kinder das frühe Aufstehen und lange Ausharren im Tempel und der Kirche als ganz selbstverständlich hinnehmen. Von Lustlosigkeit und Unmut der Mädchen ist dabei nichts zu spüren. Man mag sich nicht ausmalen, welche Beschwerden man von einer solch großen Gruppe teils pubertierender Mädchen in Deutschland entgegennehmen müsste, würde man sie auffordern ihren Sonntagvormittag so zu verbringen wie die Mädchen hier im Angels Home lächelnd.

Ayesha gut gelaunt am frühen MorgenDass religiöse Erziehung in Sri Lanka einen sehr hohen Stellenwert besitzt, wird auch daran deutlich, dass die Tempelbesuche vielmehr mit einem Religionsunterricht zu vergleichen sind. Eines Sonntagmorgens beobachtete ich einige Kinder, wie sie bereits vor dem Tee eifrig in Büchern lasen und etwas auswendig zu lernen schienen. Verdutzt dachte ich, heute ist doch gar keine Schule, oder? Schließlich erfuhr ich, dass an diesem Tag im Tempel eine Prüfung anstand, und zwar eine schriftliche von über drei Stunden!

Dinesha, eine der ältesten hier im Angels Home, übernimmt dabei sogar des Öfteren die Aufgabe, im Tempel Unterricht zu erteilen. An solchen Tagen geht sie dann ganz besonders herausgeputzt aus dem Haus.

Beeindruckt bin ich auch immer wieder, wenn ich die Kinder morgens und abends beim Beten beobachte. Sie beweisen sich dabei als virtuose Sänger und Vorbeter und benötigen hierfür keinerlei Anleitung. Die Logik, nach der die Kinder Lieder und Gebete wann und wie lange singen oder beten, bleibt mir dabei vorenthalten. Für unsere katholischen Kinder im Heim war vor einigen Wochen ein besonderer Tag, als die Marienstatue der kirchlichen Gemeinde des Ortes ihren Standort vom vorherigen Haushalt wechselte und zu uns gebracht wurde, um dort schließlich einige Tage zu verweilen, bis sie zum nächsten Haushalt weitergegeben wird. Zu ihrer Ankunft wurde der kleine Altar besonders festlich mit Lichtern und Blumen geschmückt.

Eifriges Schmücken des AltarsDann kam die gesamte kirchliche Gemeinde zu Besuch und es wurde ganze zwei Stunden eng aneinandergedrängt an dem kleinen Altar gemeinsam gebetet.

Während hier im Heim unter den Kindern nur zwei der vier in Sri Lanka vertretenen Religionen zu finden sind, zeigte sich mir der Hinduismus Sri Lankas bei einem Besuch des Munnesvaram Kovil Tempel in der Nähe von Chilaw. Er zählt zu den fünf wichtigsten Shiva-Heiligtümern des Landes. Umgeben von Götterstatuen, Prozessionswägen, frei umherlaufenden Kühen und den vielen Gläubigen, machte ich mich auf Erkundungstour des großen Tempelgeländes. Dabei begegneten mir immer wieder Menschen, die als Opfergaben Kokosnüsse anbrannten oder Obst und Blumenketten an die vielen Schreine legten. Als ich an einen großen bunt geschmückten Platz kam, an der sich an einem Schrein eine große Menschenmenge angesammelt hatte, sah ich wie ein Mann ein Huhn aus einem Karton herausnahm. Es wurde durch die Menge nach vorne gereicht, dann hörte man es noch ein paarmal schreien, bevor es dann für immer verstummte.

Am Ende meines Besuches des Hindu Tempels zeigte sich mir das Land mal wieder von seiner natürlichsten Seite. Auf Tuchfühlung mit WasserbüffelnAls ich gerade noch etwas an den vielen Opfergaben verkaufenden Geschäften rund herum um den Tempel schlenderte, erschien mir aus dem Gebüsch ganz plötzlich eine Herde Wasserbüffel, die von oben bis unten mit Schlamm bedeckt waren. Nur ihre hellblauen, fast durchsichtigen Augen leuchteten aus dem Schwarz hervor. Völlig unbeeindruckt von mir zogen die großen schwarzen Gestalten an mir vorbei.

Ein Ausflug hier in Sri Lanka birgt eben immer jede Menge Überraschungen.

Liebe Grüße und bis zum nächsten Mal.
Julika

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