Mein Tag in Colombo


ColomboWährend Nadja sich letzte Woche in der Einwanderungsbehörde Sri Lankas die Beine in den Bauch stehen musste, habe ich die Zeit genutzt, um mich ein bisschen in der Hauptstadt Colombo umzusehen. Schon die Anfahrt in Bus und Tuc-Tuc war aufregend gewesen, ihr erinnert euch an meinen letzten Bericht, und die Eindrücke – wuselnde Menschenmengen, zertretene Füße, Häuser, Buden und Geschäfte wohin das Auge reichte – prägend. Was würde ich erleben? Welche Menschen würde ich treffen? Würde meine Orientierung ausreichen (ich höre das gutmütige Hüsteln meines Vaters)? Diese und viele Gedanken mehr stürzten sintflutartig auf mich ein. Nichtsdestotrotz stürzte ich mich aufgeregt in das Abenteuer Colombo zu entdecken und was mir dabei unter die Augen gekommen ist, sollt ihr heute erfahren: mein ganz persönlicher Tag in Colombo.

Hauptstädte sind Großstädte, dachte ich mir, und die Bilder der Großstädte, die ich bereits kenne – New York, London, Washington, Wien – zischtendurch meinen Kopf: Hochhäuser, Glanz, Glamour, Shopping Malls, verschiedenste Kulturen, Menschen, Gerüche, Schicksale. Nun, mein Eindruck von Colombo lässt sich nicht in die Liste der obigen einordnen. Gut, es mag stimmen, dass wir uns in den Suburbs der Stadt aufhielten und ja, wir befinden uns in Asien, und dennoch hatte ich etwas anderes erwartet.

Vorgefunden habe ich etliche kleine Geschäfte, in denen singhalesische Spezialitäten, wie etwa Rothi (Kokosnussteigfladen), angeboten werden, Schneidereien, Fotogeschäfte, sehr viele Kopierläden, sowie diverse Minisupermärkte. Zwei Straßen haben sich deutlich in mein Gedächtnis gebrannt, zu sehr wurde ich von Gefühlen übermannt (den Wortwitz werdet ihr sofort verstehen), meine Identität in Frage gestellt und mein Platz in der Welt hinterfragt.

„Einfach der Nase nach" – das war meine Landkarte, ich brauchte keinen Stadtplan, kein Internet, nur meinen Instinkt, Selbstbewusstsein und Offenheit, um die Straßen Colombos zu erforschen. Zunächst lief ich in Richtung Bahnhof, vorbei an einer Tischlerei, folgte dem Weg, passierte die örtliche Polizeistation und mehreren Apotheken.Mein Unternehmen

Nach einer Unterführung gelangte ich an eine Kreuzung und musste mich für eine Abzweigung entscheiden und nahm ... genau die falsche. Ich landete in einer langen Straße, in welcher sich ausschließlich klitzekleine aber dafür zahlreiche Motorradwerkstätten angesiedelt hatten – singhalesische Agglomeration. Da waren sie nun, zig Motorräder, noch mehr Männer und ich: klein, zierlich, weiß, weiblich. So viele Blicke hatte ich mein Leben lang noch nicht an mir haften und auch die diversen Sprüche, wie etwa „Hello, good morning, baby, beautiful, special etc." hätte ich gerne überhört. Mit jeder neuen Anmache verfinsterte sich meine Miene, ich wollte die Straße auf keinen Fall wieder zurücklaufen und bog erneut ab, um die Querstraße zurückzulaufen, damit ich Nadja Gesellschaft leisten konnte.

Nun fand ich mich im muslimischen Viertel wieder. Ich fühlte mich als wäre ich gepackt und in Arabien wieder abgesetzt worden. Die Häuser, die Menschen, die Kleidung, die Farben und Gerüche, das Flair – alles war plötzlich komplett anders. Ich war dieselbe, noch immer klein, zierlich, weiß und weiblich und dazu noch unverschleiert. Ich war für europäische Verhältnisse zu heiß angezogen für das Wetter, aber schließlich respektiere ich die singhalesische Kleiderordnung (Schultern und Knie sind meist bWarten auf der Behördeedeckt), und dennoch fühlte ich mich nackt, als wäre ich ein verrückter österreischer Flitzer auf Konfrontationskurs mit der Polizei in Sri Lanka. In dieser Straße wurde ich nicht angesprochen, aber dennoch fühlte ich die neugierigen, aber durchaus freundlichen Blicke in meinem Nacken. Mein Rothi kauend schob ich mich zwischen Tuc-Tucs und allerlei Buden durch, kaufte Muffins, um die Wartezeit in der Embassy zu verkürzen und machte mich auf den Weg zu Nadja.

Nachdem wir ihr Visum bekommen hatten, marschierten wir in die andere Richtung weiter – die Männermeile wollte ich zusehends vermeiden –und schlenderten die Straßen entlang, die mit auffälligen Läden gepflastert war: funeral parlour hier, funeral service da (funeral = Beerdigung). Plötzlich musste ich innehalten, blieb so abrupt stehen, als hätte mich der Blitz getroffen. In ein offenes Schaufenster starrend (und ihr könnt mir glauben, genau diese Blicke kamen auch von innen nach außen) bemerkte ich, dass wir uns tatsächlich in eine Art Leichenviertel verlaufen hatten, neben uns ein toter Mann auf der Bahre, ein paar Zentimeter von un Reizüberflutung deluxes entfernt, als wäre es das Normalste der Welt. Ich hätte einen kalten Schauer über meinen Rücken erwartet, doch er kam nicht. Stattdessen fand ich es überhaupt nicht makaber, weder gruselig noch widerlich, sondern einfach interessant – anders, aber dennoch spannend.

Ein paar Meter weiter fanden wir ein Shoppingcenter mit dem Namen „Lady J". Wir betraten es, in der Hoffnung eine Digitalkamera für Nadja zu finden, öffneten die bewachte Eingangstüre und nachdem wir die ersten gekühlten Luftzüge gemacht hatten, wurden wir halb erschlagen von dem Angebot. Auf fünf Etagen, die durch eine betonierte Wendelrampe miteinander verbunden waren, türmten sich Spielsachen, Küchenutensilien, Standuhren, Kleidung, Geschirr, Kinderwägen – alles feinsäubAbschlussgeschenkeerlich sortiert und in der eigenen Abteilung untergebracht. Dieser Anblick hob uns dermaßen aus den Schuhen, was nicht einmal der Tote zuvor geschafft hatte – wie seltsam!

Auf jeden Fall konnte ich die Abschlussgeschenke für die Mädels besorgen – jedes soll einen hübschen Stift und ein kleines Säckchen Süßkram bekommen – und auch für die Mitbringsel aus ColomboZeit nach Sri Lanka konnte ich ein paar Kleinigkeiten erstehen, die mich an meine Erlebnisse hier erinnern werden.

Das war er nun, mein ganz persönlicher Tag in Colombo. Viel zu schnell ging er vorbei. Ich kann kaum glauben, wie schnell die Zeit hier vergeht. Bald sehe ich euch alle wieder und dennoch schmerzt mich der Abschied jetzt schon, auch wenn er noch gar nicht gekommen ist.

Eure Sarah

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