Wo die wilden Kerle wohnen...



Die wilden Hühner...oder auch manchmal die wilden Hühner!
So einfühlsam und mädchenhaft unsere Kinder auch manchmal sein können, so wild und bubenhaft können sie sich in anderen Momenten verhalten. Wird mir in einer Sekunde von drei 12-Jährigen vorgeschwärmt, wie süß der Schauspieler von "Merlin" doch sei (trotz der gigantischen Segelohren, aber immerhin sei sein Gesicht doch soooooo schön), schmeißen sich dieselben Drei in der nächsten Sekunde mit Feuereifer und geschürzten Röcken in ein Brennballspiel. Da wird angefeuert, gerannt, geworfen und über "Aus"-Bälle gestritten wie über die Teppichpreise bei einem türkischen Basar. Auch bei der Gartenarbeit stehen unsere Mädchen ihren männlichen Geschlechtsgenossen in nichts nach.

Ende letzter Woche wurden zwei Vormittage ganz dem neuen Grundstück gewidmet und es wurden Grünflächen vernichtet, anschließend zusammen gekehrt, jubelnd verbrannt und das alles flott im Rock und (fast) ohne mit der Wimper zu zucken. Wo mir schon beim zu schauen der Schweiß über die Stirn ran, machten sich unsere starken Mädels frisch, frei, fröhlich, fromm über das Unkraut her und wedelten sich vielleicht einmal dezent mit der Hand etwas Luft ins Gesicht. Als am zweiten Tag auch die Mitarbeiter die Schaufel schwungen, konnten Helena und ich dann auch nicht anders und wurden ebenfalls zu wilden Kerlen: ja, wir haben uns endlich mal so richtig die Hände scmutzig gemacht und den Anderen gezeigt, dass wir weißen Mädels auch was drauf haben. Das anschließende Kokosmilchreis schlürfen in trauter Gemeinsamkeit sorgte dann auch sogleich für ein tiefes Gefühl der Zusammengehörigkeit und neuer Verbundenheit angesichts der gemeinsam verrichteten Arbeit und überwundener Schwielenhände.

Da ich an dem Tag schon so schön dabei war mich körperlich zu betätigen, habe ich auch am Nachmittag den Griff zum Besen nicht gescheut und bei der täglichen Gartenarbeit geholfen. Und prompt folgten mir all diese kleinen Kinder beispielhaft, die sonst mindestens fünfmal gefragt werden müssen, ob sie nicht eventuell Lust hätten, dieses eine Blatt dort drüben links aufzuheben. Ich fegte also frohen Mutes mit zwei kleinen Schatten, die mich mit einem wohltuenden Frauengespräch bei Laune hielten. So fragte mich die 6-Jährige Sashini, ob ich denn schon Kinder hätte. Erstaunt sah ich sie an und verneinte, was bei ihr hyterische Giggelanfälle auslöste. Aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse und um das so eben vielversprechend begonnene Gespräch fortzuführen, stellte ich ihr dieselbe Frage. Das Giggeln habe ich jetzt noch im Ohr... Anschließend unterhielten wir uns über ihre zukünftige Familienplanung, den allgemein vorherrschenden Mangel an Kinderbetreuungsstätten und der Sozialpolitik Sri Lankas im Allgemeinen. Oder zumindest habe ich mir das vorgestellt, während sie vor sich hin kicherte. Sowieso können die Mädchen manchmal wahnsinnig alberne Hühner sein. Immer besser weiß ich, welche Knöpfe ich drücken muss, um die Stimmung zu lockern, mich in Gespräche einzubringen oder für allgemeine Heiterkeit zu sorgen. Rufe ich in einem Moment der Stille "Dinesha, you have a boyfriend?!" quer über den Hof, besteht die nächste halbe Stunde grundsätzlich nur aus Gelächter und Unschuldbeteuerungen von der angesprochenen und hochrot angelaufenen Person. Auch ich werde zum Beispiel gefragt, ob ich den einen Typen auf den Kalender süß finde oder nicht. Wenn ich verneine, werde ich erstaunt gefragt, warum nicht. Und wenn ich zustimme, werde ich noch erstaunter gefragt, warum denn. Ein besonderes Mädchenindiz sind unsere Ausflüge.

Gleich geht es los mit dem Mädchen Fußball Gestern waren wir im Kino und es wurden die besten Kleider herausgeholt, das Haar geölt, Zöpfe geflochten, Armbänder und Ketten angelegt, sowie die guten Haarreifen und Spangen gezückt. Und das alles für eine zehnminütige Busfahrt und zwei Stunden in einem abgedunkelten Raum.  Aber kaum wurde heute der neue Fußball aus dem Netz genommen gab es kein Halten mehr: alles stürzt auf den Ball, es wird gerangelt, geschossen, getreten, gerufen, gejubelt und ob das Runde nun im Eckigen oder der Ball in der Kokospalme gelandet ist, interessiert am Ende keinen mehr.  Hauptsache man hatte den Fuß in den Trubel mindestens einmal am Ball. Ach, wie gerne hab ich meine wilden Kerle!
Aber noch viel lieber, hab ich die wilden HühnerSmile

Bis zum nächsten Bericht Grüße aus dem Angels Home,

Lisa