Ende nach 3 Monaten


Gruppenfoto mit Isabell Schröder und den 50 Mädchen aus dem Angels HomeNach 3 Monaten im Angels Home heißt es für mich Abschied nehmen. Das zweite Abenteuer, meine Indienreise wartet. Aber wie soll ich mich hier verabschieden? Wie soll ich „Tschüss“ sagen mit dem Wissen, dass ich die Mädchen nie wieder so sehen werde wie sie jetzt sind und nie wieder mit ihnen zusammenleben werden? Vielleicht stehe ich irgendwann, wenn mein Studentengeldbeutel in einen Arbeitnehmergeldbeutel übergegangen ist, mal auf der Besucherliste im Angels Home. Aber was sind ein paar Stunden mit den Kindern gegenüber 3 Monaten Zusammenleben?

Es ist noch gar nicht abzusehen, was ich von hier mitnehme. Durch den Aufenthalt in Indien und meine ungewisse Universitätszukunft in Deutschland werde ich erst wirklich zur Ruhe kommen, wenn ich mich in meiner neuen Studienstadt eingelebt habe. Und das kann noch dauern…Erst dann werde ich richtig reflektieren können und spüren, was mich von meinem Abenteuer auch noch im Alltag beschäftigt.

Viele Schlangen leben hier, aber zum Glück war es diesmal nur eine Schlangenhaut :-)Bevor ich ins Angels Home kam habe ich noch nie länger mit Kindern zusammengearbeitet. Klar, mal hier auf den Großcousin aufgepasst, mal da mit der Großcousine gespielt aber nie 24 Stunden mit einer kleinen Horde Mädchen verbracht. Es hat mich erstaunt, dass ich doch so schnell einen Draht zu ihnen gefunden habe und sie durch verschiedene Spielchen, besonders beliebt war meine grandiose Nachmache eines deutschen Hühnchens, zum Lachen bringen konnte und auch persönlich eine Bindung zu einigen aufgebaut habe. Scheinbar habe ich die Einfühlsamkeit in mir, die es für dieses Arbeit gebraucht hat. War mir vorher eben nicht so klar.

Schlafende Bodika unsere zur Zeit kleinste MitbewohnerinIch hoffe ich kann einige Moment in meinem Kopf bewahren, lustige und traurige.

Als Bodi zum Beispiel beim Sitzen immer wieder eingenickt ist und fast umgekippt wäre.

Oder als ich Sajani das erste Mal bei ihrer Schlafakrobatik gesehen habe.

Oder Dina Kumari der Hitze entgangen ist, indem sie sich einfach auf die kühlenden Fließen unter ihr Bett schlafen gelegt hat.

Oder als Sewandi beim Waschen in den Pool gefallen ist.

Oder meinen ersten Auftritt als Hühnchen, bei dem sich Thilini gar nicht mehr halten konnte und auch die Matron herzhaft mitlachen mussten.

Immer lustig unsere AchiniOder vielleicht auch der Moment, als ich von meinem ersten Trip wiederkam, Achini am Treppenende auf mich wartete, bis über beide Ohren strahlte und mir um die Hüften fiel und ich das Gefühl bekommen habe, dass ich genau hier hin gehöre.

Oder die traurigen Moment als Samitha, durch die Besuche anderer Eltern an ihre Mutter erinnert wurde, die sie nicht einmal im Heim besucht hat, und sie mit mir versucht hat darüber zu sprechen und dabei immer wieder geweint hat.

Oder als „Cathrine“ uns verlassen hat und viele Mädchen fürchterlich weinen mussten.

Oder, oder, oder, es gäbe so viele.

Die positiven als auch die negativen Erlebnisse haben mich berührt und es wird sich zeigen, ob sie mich auch verändert, vielleicht abgehärtet haben.

Spaß am LebenIch wollte, wie auch so viele Praktikantinnen schon vor mir etwas zurück geben. Etwas von meiner unbeschwerten Kindheit in einem unglaublich reichen Land an die Mädchen geben, die nicht so ein Glück besitzen. Nun stellte sich das aber etwas schwierig raus, da ich auch so viel von den Mädchen zurück bekommen habe. Das fängt bei Achini an, die sich als Erste um meine Hüfte geworfen hat, geht über Bodika, die meinen Namen irgendwann aussprechen konnte über all die anderen, die meine Nähe gesucht haben und Abends noch ein wenig meine Hand halten wollten oder zwischen den Spieleinheiten ihren Kopf auf meinen Schoß gelegt haben.

Über all diese Zuwendung frage ich mich, wer hier mehr gegeben hat.

Sie zauberten mir ein Lächeln auf die Lippen, ich spielte das Hühnchen und brachte sie zum Lachen. Ich trocknete ihre Tränen und lenkte sie ab, sie sprachen mich an, wenn ich müde aussah, ob es mir denn gut gehen würde. Sie halfen mir die Behälter für die Wäsche zu füllen und aufzustellen, ich half ihnen bei den Hausaufgaben. Jeden Moment, den ich mit den Kindern verbrachte bekam ich Aufmerksamkeit, aber ich konnte mich nicht durch 50 teilen. Ich versuchte jedem Kind im Laufe der Zeit genügend Aufmerksamkeit zu geben. Wie schrecklich das Wort „genügend“ hier klingt aber es war auch schwierig, keinen zu vernachlässigen oder zu bevorzugen.

Hand in HandDie kleine Bodika ist nun einmal die Kleinste und Bedürftigste, auf die man eher reagiert wenn sie einem am Rockzipfel hängt als eine Dinesha, die mit ihren 17 Jahren voll in der Pubertät steckt und sich auch alleine beschäftigen kann. Dafür war bei Bodika auch die größte Entwicklung auszumachen. Erstens ist sie gefühlte 20 cm größer geworden in meinen 3 Monaten hier, zweitens hat sie motorisch eine unglaubliche Entwicklung hingelegt (den Ball lässt sie beim Werfen jetzt im richtigen Moment los, sodass er wirklich beim Spielpartner ankommt, anstatt in der entgegen gesetzten Richtung) und drittens spricht sie viel mehr als vorher. So richtig fließend kann sie noch kein Singhalesisch sprechen aber um von mir durch die Luft gewirbelt zu werden kann sie auf Englisch bis 10 zählen, fehlerfrei wohl bemerkt! ;) Sie weiß mittlerweile schon ganz genau an welchem Rad sie drehen muss, und was sie tun muss um das zu bekommen was sie will!

Als ich in der Heimat in den Flieger gestiegen bin ging es mir gar nicht so gut. Nach ein paar turbulenten Wochen zu Hause und viel Druck den ich in mir aufgebaut hatte musste ich mich von allen meinen Liebsten verabschieden, alleine in den Flieger steigen und hoffen, dass alles gut geht. Nach ein paar Minuten im Flieger fühlte es sich aber an, als hätte ich zig Steine, die mir auf dem Herzen lagen einfach am Boden gelassen und mit einem Mal war ich entspannt. Erst da habe ich wirklich angefangen, mir Gedanken zu machen was mich denn wirklich erwartet. In den letzten Wochen zu Hause ging mir alles durch den Kopf, aber wirklich Gedanken um meinen Alltag hier habe ich mir nicht gemacht. Was im Endeffekt auch gut so war, so konnte ich fast vorbehaltlos in meine Zeit hier starten, konnte mehr Freude über den doch sehr „westlichen“ Alltag (mit, dem westlichen Standart entsprechender Unterkunft, sehr gutem Essen und Internetzugang) empfinden und habe einfach alles auf mich zukommen lassen. Dementsprechend entspannt und fröhlich startete meine Zeit im Heim.

Hier kam das Kind in mir wieder zum Vorschein, ob es einfaches Herumalbern war, das Hühnchen spielen (ihr merkt, das habe ich wirklich oft zum Besten gegeben) oder die Erinnerung an meine eigene Kindheit durch verschiedene Spiele oder Kinderbücher.

Und nun soll diese ziemlich unbeschwerte Zeit vorüber sein. Ich soll „Tschüss“ sagen, und einfach gehen. Ich frage mich nicht, was von mir hier bleiben wird. Ich merke, wie oft die Kids andere Praktikantinnen erwähnen und Geschichten von ihnen erzählen. Mit meiner Hühnchenummer und einem Klatschrhythmus, den ich den Mädchen beigebracht habe, werde ich noch eine Zeit lang in Erinnerung bleiben. Bis diese Erinnerung durch neue Erinnerungen von anderen Praktikantinnen verblasst. Aber das ist auch gut so. Ich habe hier 3 Monate gelebt, gelacht und geweint, jede Praktikantin sollte das tun ohne an die ferne Zukunft zu denken. Jede Praktikantin bleibt für eine zeitlang noch präsent in den Köpfen der Mädchen. Aber erinnert euch mal an eure Kindheit, wie viele Spielgefährten sind aus euren Köpfen erloschen, wie viele Betreuerinnen sind noch präsent?

Piumi und ichUnd so wird es auch mit den Erinnerungen an die „Isebell“ geschehen, die einer singhalesischen Schauspielerin zum Verwechseln ähnlich sah. Wenn ich die Möglichkeit habe, Sri Lanka noch einmal einen Besuch abzustatten würde es mich natürlich sehr freuen, wenn mich noch ein paar Kids erkennen würden. Aber wichtig ist nur, dass ich sie alle in meinem Herzen mit nach Hause nehme und an sie denke, denn das bin ich ihnen schuldig, nachdem sie mir so viel geben konnten. Ich bin nur ein kleiner Teil ihres Lebens hier gewesen, sie dafür ein umso Größerer in meinem.

 

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