Abschied von einem anderen Leben


Gruppenbild mit Leonie SchoriesAbschied nehmen. Ich habe das zum dritten Mal erlebt, bei Sina, bei Johanna und dann bei mir -  wie ein Ritual läuft das ab. Die Praktikantin wird an den Tisch gerufen, eines der Mädchen verabschiedet sich im Namen aller und dankt ihr für die Zeit, ein paar Abschiedskarten werden überreicht und dann stellen sich alle in einer Reihe auf: Geben die Hand, ein Küsschen links, eines rechts, ein „Good bye“ und dann ist die Nächste dran. Es ist so förmlich und man schafft es gar nicht, sich auf jedes einzelne Mädchen zu konzentrieren – nach 10 Minuten sind 50 Kinder „abgearbeitet“ und ich kann mich nicht mal mehr daran erinnern, ob auch wirklich jedes Mädchen bei mir gewesen ist. Auch als ich am nächsten Morgen mit Backpack auf dem Rücken einen Abschiedsgruß in die Runde gebe bleiben sie distanziert. Sie winken und wenden sich wieder ab. Und das war’s dann. Ich drehe mich um und verlasse nach zwei ein halb Monaten endgültig das Grundstück des Angels Home und weiß, dass ich die Mädchen vermutlich niemals wieder sehen werde. Es schmerzt so viel mehr, als ich mir das hätte jemals vorstellen können -  zu wissen: Ich werde nie wieder Sodis Krawatte bindenSodi morgens helfen bei der Krawatte binden, nie wieder mit Subani Memory spielen und nie wieder mit Harisha im Garten tanzen. Ich werde nie wieder Achinis ehrliches Lachen hören, nie wieder von Sandiya Blumen ins Haar gesteckt bekommen und nie wieder von Sashini am Bett festgehalten werden, die noch 5 Minuten kuscheln will, bevor sie einschlafen kann.

Tanzen im GartenVielleicht ist es gut, dass mir das erst bewusst wird, als ich die Temple Road in Richtung Hauptstraße laufe und es so den Mädchen durch meine Tränen nicht noch schwerer gemacht habe. Ich habe ihnen bei der Verabschiedung gesagt: „Das ist kein Moment zum traurig sein, das ist der Moment in dem man glücklich ist, weil man erkennt, was für eine schöne Zeit man zusammen hatte.“ Und genau das ist es, was ich mir von ganzem Herzen wünsche. Dass sie mich nicht vermissen, sondern mit Freude an mich zurück denken. Dass sie nicht leiden, weil sie wieder jemand, der ihnen nahe steht, verlässt, sondern dass sie auf ein Foto von mir zeigen können und sagen: „Mit ihr hatten wir eine schöne Zeit“. Und ob ihnen dabei klar ist, welche Praktikantin genau sie auf diesem Foto anlächelt, spielt überhaupt keine Rolle, es ist eben eine von vielen. Wichtig ist nur, dass sie damit etwas Positives verbinden und es ihnen leichter fällt, auch weiterhin neuen Menschen zu vertrauen.

Und so lasse ich diese Zeit hinter mir, diese Zeit, die mich so vieles gelehrt hat. Sei es die Verantwortung einer Mutter, Schwester, Freundin oder Arbeitskollegin zu tragen, die eigenen Bedürfnisse hinten an zu stellen oder zu akzeptieren, wenn eben etwas nicht nach Plan läuft. Und ich nehme diese Erfahrungen mit in das kalte, saubere, strukturierte und schnelle Deutschland und weiß überhaupt nicht inwieweit ich mich verändert habe und noch in dieses System passe. Ich bin froh meine Familie, meine Freunde und meine heiße Dusche wieder zu haben und nicht mehr die weiße Attraktion in jedem chaotisch-öffentlichen Geschehen zu sein und trotzdem fehlt es mir, nie allein zu sein, immer eine kleine Hand zu halten und 24 Stunden von einem Kinderlachen umgeben zu sein, dass dem Tag so eine Leichtigkeit gibt.Sich-gegenseitig-festhalten 

Ich bin froh, wieder hier zu sein und hoffe sehr, wenigstens ein kleines bisschen dieser Leichtigkeit in dieses andere Leben hier einfließen lassen zu können und dass ich die Erinnerungen an das Leben im Angels Home ín mir tragen werde.