Mein weißes Gesicht


HändeDa steh ich nun. 20.11.12 um 10:00 am Flughafen in Colombo. Ich hab kaum geschlafen und die 35 Grad mehr als bei meinem Abflug, machen mir wirklich zu schaffen. Weil ich den Anschlussflug in Doha verpasst habe, bin ich nun 7 Stunden später da und mich empfängt keine Julia, mit der ich zum Angels Home komme. Sie hat meine Email nicht gelesen und hatte schon um 3 Uhr nachts drei Stunden auf mich gewartet. Und jetzt steh ich da mit Schweißeperlen auf der Stirn und warte und hoffe es ergebe sich eine Lösung, dabei werde ich von allen Passanten angestarrt, die sich an meiner hellen Haut und meinen blonden Haare zu  faszinieren scheinen und gefühlte 100 Mal angesprochen, ob man mir nicht helfen könne.

Als ich mir beim 101. Mal doch helfen lasse und sowohl Internetzugang als auch ein Telefon zur Verfügung gestellt bekomme, erreiche ich glücklicherweise Julia und eine weitere Stunde angestarrt werden später, holt mich meine Mitpraktikantin Johanna mit einem Taxi ab.

Schon bei der Autofahrt fällt mir auf, wie fremd alles für mich aussieht und wie unwirklich diese Welt mir scheint. „Als hätte jemand eine Kulisse bemalt und aufgehängt“ und trotzdem fühle ich mich ab dem ersten Moment wohl in der Wärme, zwischen den Palmen, in dieser völlig anderen Welt, in die mein weißes Gesicht eigentlich garnicht rein zu passen scheint.

Die kleine Sahini, immer schmusebedürftigAngekommen im Angels Home bin ich überwältigt von der Schönheit der Anlage, den Pflanzen, den Vögeln und Streifenhörnchen, die über unsere Terasse huschen und als ich mir das Gelände anschaue, kommen schon die kleineren Mädchen von der Schule, die ohne Scheu auf mich zugerannt kommen, mich an den Händen packen und meinen Namen erfahren wollen. Sie riechen an meiner Haut und fassen begeistert meine Haare an. Und schon bin ich mitten drin...

Auch die Älteren lerne ich nach und nach besser kennen, die mir im ersten Moment gegenüber vielleicht nicht so aufgeschlossen auftreten, aber sich nach einer Woche doch schon sehr freuen, wenn ich auf sie zugehe und mit ihnen rede.

Ich habe anfangs keine Ahnung, wie ich mir 49 Namen merken soll, die alle irgendwie ähnlich klingen von Mädchen, die für mich alle ähnlich aussehen, mit ihrer dunklen Haut und ihren dunklen Haaren. Dass ihre Persönlichkeiten aber so unterscheidlich sind, wie die mir bekannter Menschen, wird mir von Tag zu Tag klarer und dass ich mich in vielen Verhaltensweisen der Kinder sogar wiedererkenne, beim Spielen oder bei Hausaufgaben, überrascht mich, ich scheine garnicht so anders wie sie zu sein und manchmal vergesse ich, wie wenig ich eigentlich mit der Kultur und dem Leben hier gemeinsam habe, weil die Kinder mir das Gefühl geben einfach dazu zu gehören.

Achini und LeonieDer einzige bedeutende Unterschied zwischen ihnen und mir ist eben mein weißes Gesicht.

Und auch wenn ich gerne versuche mich anzupassen und zum Beispiel wie sie mit den Händen esse, wird mir das hier immer deutlich bleiben, wenn ich auf der Straße angestarrt werde oder eine kleine Achini mein Gesicht in ihre Hände nimmt, mich anlächelt und sagt: „Oya sudhu“, Du bist weiß.

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