…und dann hat uns irgendwann der Boden erreicht...


Um die Wette grinsen mit KalpeniAls ich den Songtext von Philipp Poisel vor 3 Monaten in meinen ersten Tagebucheintrag eingebaut habe, hatte ich das Gefühl, dass vor mir noch eine Ewigkeit in Sri Lanka liegt und ich muss gestehen, dass ich etwas Angst hatte, dass die Zeit vielleicht nicht vorbeigehen würde.

Furchtbar blöde Gedanken, die ich damals gehegt habe, denn umso mehr Zeit vergangen war, desto mehr wünschte ich mir, dass mir noch mehr Zeit mit den Kindern bliebe.

Der Satz „ und dann hat uns irgendwann der Boden erreicht“, ist aber nicht ganz richtig, vielmehr hat mich nach ein paar Tagen und Wochen wieder der Boden erreicht, kalter, grauer deutscher Asphalt-Boden.

Die Mädels im Angels Home hüpfen nach wie vor zwischen Palmen durch den Sand und werden jetzt von Tamara und Sina dabei begleitet und bespaßt, anstatt von mir.

Gute Laune mit SandiyaFotoshooting mit Supipi und Sashini

So sehr ich mich auf zu Hause gefreut habe und so sehr ich mich immer noch freue, dass ich alle meine Lieben wieder habe, so sehr ist es komisch, zu merken, wie schnell sich meine Gedanken wieder in eine andere Richtung bewegen, das Kinderheim immer mehr und mehr verblasst und ich, wenn ich vom Angels Home erzähle, mehr das Gefühl habe, ich würde gar nicht von mir erzählen, sondern von einer Marie, die nach wie vor in Sri Lanka sitzt.

Auch meine ganz alltäglichen deutschen Probleme sind wieder präsent, winzige Probleme, wenn ich sie mit denen der Mädels und mit denen, mit denen sich Julia und Frank jeden Tag herumschlagen müssen vergleiche.

Jetzt wache ich morgens auf und meine Gedanken drehen sich um mein in Kürze beginnendes Studium, meine wenig erfolgreiche Wohnungssuche und um die kleinen und großen Sorgen meiner Freunde und Familie.

Vor wenigen Wochen noch, bin ich aufgewacht und eigentlich war jeden Morgen so ziemlich mein erster Gedanke, ob eins von den Pipikindern, trotz unseres nächtlichen Rundgangs ins Bett gemacht hat, dann haben sich meine Gedanken der Englischnachhilfe gewidmet, der Erstellung eines Lehrplanes, dem Inhalt des nächsten Zeitungsartikels oder Tagebucheintrages  und natürlich waren auch die Mädels immer irgendwie in meinem Kopf.

Mein letzter Abend mit den Mädels; „Findet Nemo“ oder besser „Finde das einzige wache Kind“Ich hoffe sehr, dass in mein Leben zu Hause, mit dem Beginn meines Studiums, wieder ein bisschen mehr Alltag einkehrt und ich meine Gedanken mal ein bisschen ordnen kann.

Im Moment fliegt da nämlich noch alles wild durcheinander, die ganzen schönen und weniger schönen ErfahruAsadi und Achiningen und Erinnerungen aus dem Angels Home gemischt mit den Erlebnissen und Eindrücken meiner zweiwöchigen Rundreise durch Sri Lanka.

Da mussten meine Familie und Freunde sich schon den einen oder anderen Knopf von mir ans Ohr nähen lassen, aber noch habe ich das Gefühl, dass sie die Geschichten gerne hören.

Schwieriger wird es dann schon, wenn mich Leute, die ich weniger gut kenne, fragen „Und wie wars?“ auf diese Frage kann ich leider keiner Antwort finden, die nicht den normalen Rahmen eines Smalltalkgespräches sprengen würde.

Noch schwieriger sieht es mit der Beantwortung dieser Frage aus: „Was war denn der allerschönste Moment in den 3 Monaten?“

Mir fallen unzählige tolle Momente ein, von denen ich aber keinen als den allerschönsten Moment benennen kann.

Ich muss sagen, dass ich besonders die Ferien der Mädels genossen habe.

4 Wochen lang hatten wir genug Zeit, uns mit allen Mädchen, die im Heim geblieben sind zu beschäftigen,

…uns von Supipi Sandkuchen backen zu lassen,

…uns von Nadisha und Dinesha Volleybälle entgegenschmettern zu lassen

…Subani einen Anfängerdeutschkurs zu geben

…mit allen, die da waren, einen Film im Kino anzusehen

…mit dem ein oder anderen Mädchen auf Kuschelkurs zu gehen und somit den Läusen beste      Chancen auf deutschem Boden zu geben

… Kalpenis plötzlich aufflammendes Interesse für Mathematik zu fördern

… und nicht zu vergessen für einen wunderbaren Trip nach Colombo Grinsen

Besonders schön waren auch die ganz engen Momente mit einigen der Mädels, ich werde das Gefühl von einer kleinen braunen Hand auf meiner Wange ganz schrecklich vermissen.

Genauso werden mir die ausgelassene, glückliche Stimmung beim Tanzen und generell die Fröhlichkeit und Freundlichkeit der Mädchen und noch unzählige andere Kleinigkeiten fehlen.

Im ZooVerrückt sein ist bei Achini ganz normalSo sieht richtiges Tanzen aus

Woran ich immer wieder denken muss und was mir vor allem in der letzten Zeit im Angels Home ganz oft bewusst wurde, ist ein Satz den Julia irgendwann einmal beim Tee zu uns gesagt hat, nämlich, dass das Problem ist, dass die Praktikantinnen, dann, wenn sie richtig angekommen sind, fast schon wieder nach Hause fliegen. Genauso hab ich es erlebt, ich hatte das Gefühl, dass ich erst, als schon mehr als die Hälfte der Zeit rum war, wirklich meinen Platz im Angels Home gefunden habe. Ob man das auch an meiner Arbeit gemerkt hat, kann ich nicht beurteilen, ich weiß nur, dass ich mich von da an wirklich wohl und am richtigen Platz gefühlt habe.

Bild8Auf ein baldiges WiedersehenIch bin froh, dass ich nach den 2 Monaten im Kinderheim in Marawila, einem Ort in Sri Lanka, wo man über den Tellerrand des normalen Touristendaseins hinausschauen durfte und somit nicht nur das strahlende Lächeln und die Freundlichkeit der Singhalesen zu Gesicht bekommen hat, sondern auch mal dem ein oder anderen blöden Singhalesen begegnet ist, nicht im geringsten meine Begeisterung und Nähe zu diesem strahlenden Land verloren habe, vielmehr glaube ich, war ich Sri Lanka noch nie so nah, wie ich es jetzt bin.

Zum Schluss bleibt mir noch zu sagen, dass Julia und Frank all meinen Respekt für dieses großartige Projekt haben und ich froh bin, dass ich für kurze Zeit ein kleiner helfender Teil sein durfte.

Bild9: Auf ein baldiges Wiedersehen

Oyala nitäräme mage site tule inähwä!

Das ist verdeutschtes Singhalesisch und heißt, wenn man mir keinen Blödsinn erzählt hat: „Ihr seid für immer in meinem Herzen“, und genauso ist es. Grinsen

Viele Grüße, eure Marie.