Wer braucht schon Worte?


Kleine Stupsnase„Wer braucht schon Worte?“, diese Frage stellt sich Philipp Poisel, einer meiner Lieblingssänger aus Deutschland, in seinem gleichnamigen Lied mehr als nur einmal.

Ich bin jetzt ein bisschen länger als eine Woche im Angels Home und als ich gerade in meiner Mittagspause ein bisschen auf der Dachterrasse mit meiner Musik im Ohr gedöst hab, gingen mir diese Frage und der gesamte Songtext des Liedes einfach nicht mehr aus dem Kopf.

Philipp Poisel singt in den ersten Zeilen seines Liedes „Ich kenne deine Sprache und du meine nicht, Ich kenne nicht dein Land und du nicht meins […]“

Ich traf in den letzten Tagen auf eine kunterbunte Gruppe von Singhalesischen Mädels die genauso wenig Deutsch verstehen, wie ich Singhalesisch, die einer völlig anderen Kultur mit einer komplett verschiedenen Mentalität entstammen als ich und die, wenn sie mein deutsches Leben kennen würden, wahrscheinlich anders über mich denken würden, als sie es jetzt gerade tun.

Aber jetzt bin ich auf Sri Lanka, in dem Zuhause der Kinder, also versuche ich mich, so gut es denn als Weiße, in einem Südostasiatischen Land geht, anzupassen.

Doch dabei stößt man hier immer wieder an seine Grenzen und macht teils lustige, teils auch etwas unangenehme Erfahrungen. Als wir 3 Praktikantinnen am Samstag zum Beispiel unseren freien Nachmittag am Strand verbracht haben, sind wir von den vorbeifahrenden Einheimischen angeschaut, nein mehr angestarrt worden, als seien wir bunte Hunde, die sich verirrt hätten. Und das trotz, unserer, nach deutschen Strandkleidungsverhältnissen, sehr langen Klamotten.

Im Refrain singt Poisel weiter, „Wer braucht schon Worte, wenn er küssen kann? Wer braucht schon Worte, wenn er Augen hat zum Sehen?“

Wenn ich mit den Kindern draußen auf der Terrasse oder im Garten spiele, dann sind Gesten und Blicke in den meisten Fällen vielsagender als die Worte die man austauscht.

Man kann gar nicht beschreiben, wie viel lachende Kinderaugen ausdrücken.

Ich bin auch sehr überrascht, wie sehr die Mädchen, die Nähe von uns Praktikantinnen suchen, sie streicheln uns über die Wange oder wollen alle möglichst nah neben uns sitzen, wenn wir Spiele spielen oder abends in der Bücherei Geschichten vorlesen.

„Wer braucht schon Worte, wenn er Hände hat zum Fühlen?“

Hände zum Fühlen, zum Spielen, zum Klatschen, zum Malen oder auch zum Volleyball spielen.

Letztes Wochenende haben wir 3 Praktikantinnen nämlich ein Volleyballspiel für die Kinder organisiert. Wir haben eine Liste ausgehangen und jeder der Lust hatte, konnte sich eintragen, wir haben die Mädels dann jeweils in 2er Teams eingeteilt.

Beim Volleyball bzw FuballturnierInsgesamt vier Volleyballteams mit immer einem etwas älteren und einem jüngeren Mädchen und wir beschlossen, dass die ganz kleinen anstatt Volleyball besser Fußballspielen sollten, da das Volleyballnetz etwas hoch hing. Also gab es auch noch zwei 6er Junior-Fußballmannschaften. So konnte es Sonntagnachmittag nach dem Tee richtig zur Sache gehen.

Klar ich hatte mich schon auf den Nachmittag gefreut, aber dass es dann so toll wurde, hatte ich nicht erwartet!

Die Kinder die gerade nicht mitspielten jubelten und klatschten und feuerten so die beiden Teams auf dem Feld an. Die Stimmung war ganz wunderbar und ich fand es toll, dass man mit allen Kindern gleichzeitig in Kontakt war mit den Großen und mit den Kleinen. Toll war auch, dass die „Mumpskinder“ mitspielen durften, die ich vorher immer nur durch das „Mumpszimmerfenster“ habe winken sehen.

Und auch als der eigentliche Wettbewerb vorbei war, wurde unermüdlich weiter die etwas abgewandelte Form des deutschen Fußballs auf dem Volleyballfeld gespielt.

Es war ein wirklich supertoller Nachmittag!!!

„Ich kenn deinen Alltag und du meinen nicht, Ich weiß nicht, wie es dir so geht.“

Mittlerweile bin ich doch schon etwas vertraut mit dem Alltag der Mädels, da wir seit letzter Woche einen Schichtplan haben, und nun auch Snejzi und ich unsere eigenen Aufgaben, inbegriffen des Nachhilfeunterrichts, haben. Trotzdem ist es schwer genau durchzublicken, wie was organisiert ist, ich versuche mich im Moment noch, einfach so gut es geht einzufügen. Ich stelle immer wieder fest, wie überrascht ich von der Selbstständigkeit der Mädels bin, Körper- und Kleidungwaschen bekommen hier selbst die 5-Jährigen meist nahezu ohne Hilfe hin.

Kulpani kriegt sich nicht mehr ein vor LachenIch glaube nach einer Woche ist es schwer zu sagen, dass man hinter die strahlenden Gesichter der Mädels gucken kann, ich weiß auch nicht, ob mir das nach 2 Monaten gelingen wird. Deshalb vergesse ich auch immer wieder, dass diese süßen und lachenden Kinder, alle mit einem guten Grund, bzw. einem schlechten Grund, im Angels Home leben. Es gab aber auch jetzt schon Momente, in denen einige Mädels, wahrscheinlich unbewusst, ihre Gefühle offenbart haben. Direkt am ersten Tag, habe ich einem 13-Jährigen Mädchen beim Malen zu geschaut. Sie hat ein Bild von ihrer Mutter gemalt und in Druckbuchstaben geschrieben „ I love you my Mum“ , solche Momente wird es denke ich noch öfter geben und ich hoffe, dass ich in solchen Momenten dann doch die richtigen Worte finden kann.

„Ich weiß nicht, wie deine Schule ist, und wie es um deine Zukunft steht.“, so sinkt es Phillip Poisel in der vorletzten Strophe.

Auch ich erwische mich immer wieder dabei, dass ich mir die kleinen vorstelle, was sie einmal für ein Leben führen werden, wenn sie erwachsen sind, wenn sie nicht mehr im Angels Home leben.

Nirosha zeigt ihr schönstes lächelnAber ich bin mir sehr sicher, dass das strukturierte Leben im Kinderheim, gemischt mit einer großen Portion Familienähnlicher Wärme tolle Menschen aus ihnen machen wird. Außerdem besucht ja jeder von ihnen die Schule und der zusätzliche Nachhilfeunterricht ist auch eine tolle Sache. Und dadurch, dass die Kinder mit Julia und Frank und mit uns Praktikantinnen nur Englisch sprechen, sind sie hier ihren Klassenkameradinnen auf jeden Fall einige Schritte voraus.

Mit dem Bezug zu diesem Lied wollte ich auf keinen Fall ausdrücken, dass wir nicht mit den Kindern reden, da wir ja schon auf Englisch mit ihnen sprechen, aber manchmal sagen Blicke oder Gesten einfach mehr, wenn man nicht die selbe Muttersprache hat.

Piumi und ich beim Spielen nach den HausaufgabenIn der letzten Strophe heißt es „ Wir haben unser Leben für ein paar Tage und Wochen geteilt, und dann hat uns irgendwann wieder der Boden erreicht“

Aber noch ist es nicht so weit, noch liegen knapp 7 Wochen vor mir, hier im Angels Home und nach einer Woche Eingewöhnungszeit, kann ich nur sagen, dass ich mich sehr freue!!!  

Viele Grüße , Marie

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