Ein Schultag mit Achini und Kumari


Kumari und AchiniSchule für Erziehungshilfe, Sprachheilschule, Lernhilfeschule, Schule für Praktisch Bildbare, Schule für Hörgeschädigte, Schule für Sehgeschädigte, Schule für Körperbehinderte … –  in Deutschland gibt es eine Vielzahl an Schulen für Kinder mit den verschiedensten Beeinträchtigungen, seien sie körperlich oder kognitiv. Aktuell geht es in heißen Diskussionen um das Thema Integration von Kindern mit Beeinträchtigungen in die Regelschule, den „Gemeinsam Unterricht“, der in anderen europäischen Ländern, wie Schweden oder Italien, schon gang und gäbe ist.

Doch davon ist Sri Lanka noch weit entfernt! Denn hier gilt eine Behinderung – egal welcher Art – als Tabuthema, als Schande für die Familie. Behinderung ist ein Thema, das gerne totgeschwiegen, versteckt wird. Kinder mit Beeinträchtigungen landen oft in Behindertenheimen, in denen sie teilweise ein menschenunwürdiges Leben fristen (s. Projekte vom Dry Lands Project e.V. - Behindertenheim in Katuneriya).

Zwei der Mädchen aus dem Angels Home haben Glück gehabt, dass sie nicht in einem Behindertenheim, sondern hier gelandet sind – Achini und Kumari.

Das Hinweisschild zur SchuleObwohl man ihnen ihre Beeinträchtigungen nicht auf den ersten Blick ansieht, wären sie unter anderen Umständen trotzdem in solch einem Heim gelandet, da sie einfach nicht vollkommen „normal“ entwickelt sind. Doch zum Glück kamen sie ins Angels Home: Hier können sie ihre Kindheit genießen und besuchen morgens eine private Förderschule, das LADANI Institute. (LADANI ist eine Abkürzung aus den ersten Buchstaben der singhalesischen Wörter LAma DAya NIwasa, was so etwas wie „Haus voller Liebe und Fürsorge für Kinder“ heißt.)

Letzten Montag durfte ich einen Vormittag mit den beiden Mädchen in ihrer Schule verbringen.

Nachdem wir mit dem Tuk Tuk zehn Minuten zur Schule gefahren wurden, erwartete uns ein helles, freundliches und sauberes Gebäude; ganz anders als ich mir es vorgestellt hatte, wo Behinderte doch hier sonst unter Verschluss gehalten werden.Im Tuk Tuk gehts zur Schule Neugierig begrüßt wurden wir von den anderen insgesamt 20 Kindern, die das LADANI Institute besuchen: elf Jungen und neun Mädchen im Alter von 6 bis 18 Jahren und mit den unterschiedlichsten Behinderungen. Diese reichen von Sprach- und Lernschwierigkeiten (wie Kumari), über tiefgreifende Entwicklungsstörungen (wie Achini), spastischen Lähmungen bis hin zu Kindern mit Down-Syndrom. Unterrichtet wird von jeweils zwei Lehrerinnen in zwei Klassenräumen im Obergeschoss, in einem Raum die jüngeren, im anderen die älteren Kinder.

Als wir gegen 8:00 h eintrudeln, sind die älteren Kinder fleißig bei der Gartenarbeit. Im Anschluss sammeln sich alle an einem großen Tisch. Danach wird gemeinsam gebetet. Da der Gründer der LADANI Organisation ein katholischer Priester ist, wird  Wert auf das gemeinsame Gebet gelegt.

Zwei der vier Lehrerinnen sind heute nicht da, deshalb kann ich leider keinen regulären Schulalltag miterleben.

Nach dem Gebet gehen wir gemeinsam in eine offene Halle, die für Schulversammlungen und die Lieblingsbeschäftigung der meisten Kinder Sri Lankas genutzt wird – zum Tanzen. Mir wird erneut vor Augen geführt, welche Körperbeherrschung und welches Rhythmusgefühl die Menschen hier haben und wie ein bisschen Musik ein Lächeln in die Gesichter zaubert. Egal ob Mädchen oder Junge, ob „behindert“ oder „normal“ – es wird getanzt, was das Zeug hält. Auf den Geburtstagsfeiern im Angels Home oder unserem „Angels Home’s Next Superstar“-Abend, durfte ich ja die Tanzkünste unserer Mädchen bereits bewundern, doch hier ist es irgendwie nochmal anders, noch berührender.

Denn Tanzen wirkt sich nicht nur positiv auf das Rhythmusgefühl, die Körperbeherrschung und die Grobmotorik aus, nein, es fördert auch die Gemeinschaft, schweißt zusammen und macht glücklich. Es scheint, als ob die Welt da draußen nicht existieren würde: niemand der einen schräg anguckt, weil man mir meine Behinderung ansieht; niemand, der genervt reagiert, weil ich durch mein Stottern keinen ganzen Satz herauskriege; niemand, der mich in ein Heim abschieben will. Nein, hier gibt  es nur die Musik und andere Kinder, die auch in irgendeiner Art besonders sind. Diese Tanzszene wirkt ein wenig irreal, wie nicht von dieser Welt.

Kumari und Achini vor ihrer SchuleEs wird deutlich, dass die Kinder sich in dieser Privatschule in einem Schonraum befinden. Sie werden beschützt vorm Rest der Welt. Doch wie geht es nach der Schule weiter? Werden sie auf die Welt da draußen richtig vorbereitet?

Die Lehrerin erklärt, dass viele der Kinder gute Gärtner abgeben. Und der Rest?

Im Anschluss an die Tanzdarbietung werden englische Kinderlieder gesungen: der ABC- und der „Good Morning“-Song. Ob das jeden Tag gemacht wird oder als Vorführung diente, weiß ich nicht. Denn Englisch lernen steht eigentlich nicht auf dem Lehrplan der Förderschule.

Nach diesen bewegenden Momenten ist es Zeit für den typischen gesüßten Tee.

Danach gehen wir alle zusammen in einen der großen, sauberen und gemütlich eingerichteten Klassenräume und setzen uns in einen großen Kreis auf den Boden. Ein Ball wird herumgereicht und das Kind, das den Ball in der Hand hält, wenn die Musik gestoppt wird, muss etwas Kurzes aufsagen oder in der Mitte des Kreises etwas vortanzen; doch niemand schämt sich oder will sich drücken. Fast jedes Kind genießt es, im Mittelpunkt zu stehen und zu beweisen, dass es etwas kann, getreu dem Motto der Schule „You can!“.

Kumari – in der Förderschule ist sie eines der fitteren MädchenZum Abschluss des Schultages wird „Reise nach Jerusalem“ gespielt. Hier wird deutlich, dass unsere Kumari mit ihren elf Jahren zu den kognitiv und körperlich fittesten Kindern gehört. Sie erreicht nicht nur den zweiten Platz, sie unterstützt nebenbei auch noch die ganze Zeit Achini, die dank Kumaris rührender Hilfe den sechsten Platz belegen kann.

Danach geht es mit dem Tuk Tuk wieder zurück ins Angels Home – raus aus dem einen Schonraum, hinein in den nächsten. Denn Kumari und Achini mögen zwar ihre Beeinträchtigungen haben, im Angels Home finden sie jedoch immer Respekt und Anerkennung, im Gegensatz zu vielen anderen Kindern mit Beeinträchtigungen hier in Sri Lanka.

Es war ein ereignisreicher und interessanter Morgen im LADANI Institute. Es ist eine beeindruckende Organisation, die sich mit dem Leitspruch „Save the Children“ sicherlich ein hohes Ziel gesetzt hat. Doch ihr über 25-jähriges Bestehen, die mittlerweile sechs Einrichtungen in ganz Sri Lanka und die Anzahl von knapp 180 Kindern, die durch die Organisation betreut werden, bestätigen, dass ihre Intention die Richtige ist und hier vor Ort angenommen wird. Achini -sie hat sich in den letzten Monaten gut entwickeltAuch Achinis positive Entwicklung in den letzten Monaten beweist, dass sie mit ihren Schwierigkeiten hier richtig aufgenommen ist und eine gute individuelle Förderung erhält. Verläuft ihre Entwicklung weiterhin so positiv, kann sie in ein oder zwei Jahren vermutlich eine Regelschule besuchen, was ja das Ziel einer jeden Förderschule ist.

Das LADANI Institute hat sicherlich eine Vorbildfunktion für den Umgang mit behinderten Kindern hier in Sri Lanka. Doch um die Zukunft der Kinder, nach dem Schonraum Förderschule, gleichermaßen positiv gestalten zu können, muss definitiv zuerst der Blickwinkel der „normalen“ Menschen verändert werden …