Fragen, Mumps und ein strahlendes Lächeln.


Das strahlende LächelnDie Eindrücke, die in den ersten Tagen hier in Marawila auf mich eingeprasselt sind, waren mehr als vielfältig. Gewöhnung an eine neue Kultur, an einen vollkommen anderen Tagesablauf, an bis dato  fremde Menschen und nicht zuletzt an das Klima und an die zahllosen Mücken. Aber mit Abstand am wichtigsten: an die mehr als 50 Mädchen!

Doch es wurde mir leicht gemacht, mich einzugewöhnen und zurechtzufinden. Durch praktische Tipps (seien es Eselsbrücken zum Namenmerken oder „räum bloß alles Essbare in den Kühlschrank, weil sonst eine Ameisenattacke droht!“) und hilfreiche Erklärungen zum Ablauf des Alltags im Kinderheim  wurde ich von Janine gut in die Aufgaben und das Leben einer Praktikantin im Angels Home for Children eingeführt.

Aber auch die Mädchen ermöglichen es, sich hier auf der Stelle wohlzufühlen! Anfängliche Bedenken, ob sie überhaupt schon wieder Lust auf eine neue Praktikantin haben und ob es nicht schwer würde, mit ihnen in Kontakt zu treten, verschwanden bereits direkt nach der Ankunft. „Name?“ und „How old?“ waren die meistgestellten Fragen direkt am ersten Abend.  Und die blitzenden Kinderaugen und das allgegenwärtige Lächeln vertreiben auch nur den geringsten Gedanken an Heimweh oder schlechte Laune. Doch eben dieses „Lächeln“ ist es auch, das mich immer wieder nachdenklich werden lässt …

Wie habt ihr euch bloß euer Lächeln bewahrt?

Wie schafft ihr es, trotz eurer teilweise erschreckenden Vergangenheit, bereits bei den morgendlichen Sportübungen ein Lächeln und ein freundliches „Good Morning, Inga“ aufzubringen?

Wie gelingt es euch, mit einem Lächeln im Gesicht zu sagen, dass an den Besuchertagen doch eh niemand zu euch kommt, obwohl ihr es euch doch eigentlich so sehr wünscht?

Es ist offensichtlich, dass die meisten Kinder hier im Angels Home es schaffen, trotz ihrer bedrückenden Vergangenheiten, die das ganze Leben und die gesamte kindliche Entwicklung maßgeblich prägen, zu lachen und zu spielen  als seien sie wohlbehütet im Schoße ihrer Familie aufgewachsen. (Da haben eben diese wohlbehüteten Kinder in Deutschland vergleichsweise häufiger schlechte Laune, wie mir scheint …).

Ist es bei Kindern eine andere Art der Verdrängung, die man sich als Erwachsener einfach nicht vorstellen kann?!

Ist es kulturell bedingt?

Oder scheint es doch einfach nur oberflächlich so, dass sie ihre Vergangenheit  ausblenden und ihr Leben „unbeschwert“ genießen können?!

Das ist zumindest bei einigen Kindern der Fall: denn regelmäßiges Bettnässen und übertriebene Besitzansprüche an uns Praktikantinnen sind Indizien dafür, dass die seelischen Traumata doch näher an der Oberfläche liegen, als man auf den ersten Blick denkt. Auch Julia ist der Überzeugung, dass ein singhalesisch sprechender Psychologe eine sinnvolle, wenn nicht gar notwendige, Ergänzung des Teams darstellen würde. Denn das Englisch der Mädchen reicht in den meisten Fällen noch nicht dazu aus, solch tiefgründige Gespräche mit Frank oder Julia führen zu können.  Natürlich sind Matron und Premalattha, die beiden Kindermädchen,  nahezu 24 Stunden für die Kinder da, auch um über ihre Probleme zu reden. Doch auf der einen Seite sind diese beiden mütterlichen Frauen für die Hilfe bei der Verarbeitung solcher Traumata nicht genügend qualifiziert, und auf der anderen Seite ist es für die Betroffenen sicherlich oftmals einfacher, mit einem Außenstehenden über seine Erlebnisse und Sorgen zu sprechen als mit jemandem, dem man jeden Tag über den Weg läuft. In Deutschland ist ein Schulpsychologe mittlerweile nahezu an jeder Schule vertreten. Doch wo soll man diesen hier in Marawila finden?!

Ab geht’s mit dem Handtuch über’m KopfSelbst eine Kinderkrankheit, die so ansteckend ist, dass innerhalb von zehn Tagen knapp 20 Kinder  hier im Angels Home erkrankt sind, kann das Lächeln nicht vertreiben. Die Rede ist von Mumps oder Ziegenpeter.

Kohomba an der TürZwar konnten einige der betroffenen Kinder zum Auskurieren und zur Verringerung des Ansteckungs-Risikos für die Zeit zurück in ihre Familien, doch die Kinder, bei denen das nicht möglich ist, sind derzeit hier und hüten ihr Bett im „Mumps-Zimmer“. Sie benutzen ihre eigene „Mumps-Toilette“ und ihr „Mumps-Bad“ zum Waschen; und der Flur wird nur mit einem Handtuch über dem Kopf überquert, damit auch niemand angesteckt wird. Es ist ja auch nicht so, dass die Tür des Zimmers eh den ganzen Tag offen steht … Winken

Der ganze Umgang mit dieser Krankheit ist mit Deutschland nicht zu vergleichen.

Bündel der Heilpflanze Kohomba hängen am Eingang des Zimmers, um die Krankheit zu vertreiben.

Die noch nicht infizierten älteren Mädels binden sich eine Schnur mit „medicine“ um den Oberarm. Doch mehr tun als warten, bis die Symptome abgeklungen sind kann man eh nicht …

Die Diagnose stellt Premalattha nach einem kritischen Blick ins Gesicht der vermeintlich Betroffenen auf der Suche nach einer Schwellung, einem Abtasten der Ohr-Wangen-Region und der Frage „Do you feel pain?“ Wer würde da nicht „yes!“ rufen, um die nächsten zwei Wochen im Mumps-Zimmer zu verbringen und nicht in die Schule gehen  zu müssen?! Ich möchte die Krankheit und die derzeitige Situation keinesfalls runterspielen. Sicherlich sind einige der Kinder wirklich krank und haben Schmerzen, insbesondere die älteren. Doch ob alle Kinder des Mumps-Zimmers auch wirklich ins Mumps-Zimmer gehören?! Das wage ich einfach mal zu bezweifeln …

Bitte lächelnEs sind viele Fragen, die sich in den ersten Tagen hier in Marawila in meinem Kopf angesammelt haben. Und ich hoffe, dass ich sie in der kommenden Zeit beantworten kann … Aber auch, wenn ich nicht alle Fragen rings um das strahlende Kinderlächeln beantworten kann: dieses Lachen  bleibt wahrscheinlich das eindrucksvollste Erlebnis meines Praktikums im Dry Lands Project.

powered by social2s