Auf Buddhas Spuren


Der große Buddha auf dem TempelgelndeEin bunt geschmückter Saal. Als Kontrast dazu eine Ansammlung von vielen Menschen ganz in weiß gekleidet. Ich sitze zwischen ihnen auf dem Boden. Alle Augen auf einen Mann mit orangefarbenen Umhang an der Stirnseite des Gebäudes gerichtet. Ich befinde mich in einem Tempel.

Es ist sieben Uhr morgens. Poyaday. Einmal im Monat, zeigt der Mond sich in seiner vollen Größe und Buddhisten gedenken an besondere Ereignisse im Leben Buddhas. Für Katholiken bedeutet es einfach nur schulfrei. Unsere buddhistischen Mädchen scheinen sich auf ihren 10-Stunden-Tag im Tempel zu freuen. Ich persönlich, wäre ich noch ein Kind, könnte mir Besseres an einem schulfreien Tag vorstellen. Aber heute bin ich eines der sich freuenden Mädchen.

Nachdem ich meine Schuhe am Tempeleingang ausgezogen habe, werde ich auf den Hof der Tempelanlage geführt. Alle Besucher haben sich zu einem lebenden Kreis zusammengefunden. Mädchen, Frauen, Jungen und Männer umkreisen die Runde und strecken uns Körbe mit den schönsten Blumen entgegen.

Buddhafigur mit den vielen Blumen im VordergrundIch bin unsicher. Hilfesuchend schaue ich mich um. Versuche mir von den anderen Besuchern etwas abzuschauen. Ich möchte nichts falsch machen, durch mein Verhalten die Religion und deren Anhänger nicht beleidigen. Ich schaue mir das Richtige ab: Wie alle anderen Besucher berühre ich die nacheinander auf mich zukommenden Blumenkörbe.

Das Geschehen wird von einer melancholischen Musik untermalt. Es verleiht der Situation etwas emotionales.

Ich fühle mich unwohl als Nichtgläubige zwischen all den Gläubigen. Aus reinem Interesse und niederen Beweggründen dringe ich einfach so in dieses religiöse Geschehen ein. Ist alleine der Fakt, dass ich hier bin, schon eine Beleidigung für sich? Trotz meiner Versuche mich ein wenig anzupassen, indem ich meine hellste Kleidung heute trage, bin und bleibe ich nur ein „Randzuschauer“ ohne reinstes Verständnis für das hier Vorsichgehende.

Die Mädchen in ihren Gewändern und ich.Zurück im Tempel: Wir begrüßen den Mönch. Ein Prozedere, bei welchem ein Seidentuch ausgerollt wird und der Mönch mit zwei kleinen Weggefährten und der Hilfe von trommelnder musikalischer Untermalung seinen Weg zum „Altar“ beschreitet. Er wird durch Verbeugungen gehuldigt. Die Buddhisten küssen die Füße des Mönches, in Sri Lanka ein Zeichen der Dankbarkeit. Schon früher konnte ich dies zwischen der Matron und den Kindern im Heim beobachten. Nun kenne ich deren Bedeutung. Ich selbst belasse es bei der Verbeugung. Des älteren Mannes Füße mit meinen Lippen zu berühren ist mir dann doch unangenehm. Zumindest hier ist es mir nun weniger wichtig, ob ich den Traditionen Respekt zolle oder auch nicht.

Inmitten eines reichlich verzierten Holzgestelles beginnt der Mönch mit seinem Sprechgesängen. Dank des Mikrophones können ihm auch die letzten Reihen folgen. An einigen Passagen stimmen alle Teilnehmenden ein. Ich verstehe natürlich kein einziges Wort, finde es allerdings trotzdem irgendwie interessant.

Zwei Stunden und unendliche Sprechgesänge später, überkommt mich die Müdigkeit. Ein kurzer Rundumblick genügt um zu erkennen, dass ich nicht die Einzige bin. Zumindest ich kann noch die Augen auf halten. Andere sind da schon einen Schritt weiter: Gegen die Wand gelehnt, befinden sie sich in ihrem persönlichen Traumland.  Meine Bedenken um die Sache mit dem Respekt schwinden. Auch die Gläubigen scheinen es nicht so genau mit dem Ritual zu nehmen, wie ich anfangs dachte. Aber vielleicht irre ich mich auch und es ist nur eine Form von Meditation.

Dieser Gedanke gewinnt an Glaubwürdigkeit. Auch der Mönch schließt nun seine Augen und verharrt bewegungslos. Ich versuche es ihm gleichzutun. Eigentlich ist es doch wie schlafen ohne träumen, einfach an nichts denken. Das kann ich irgendwie nicht. Selbst wenn ich mich darauf konzentriere nichts zu denken, denk ich ja schon. Die Kinder finden auch nicht die Ruhe dafür.

Ein schattiges Plätzchen unter dem ElefantenAn vielen Feiertagen speisen die Gläubigen gemeinsam im Tempel. Zusammen mit den Mädchen warte ich in einer Schlange auf mein Essen. Meine Portion ist riesig. Und wieder gehen Frauen durch die Reihen und bieten Nachschlag an. Eine Frage schießt mir in den Kopf: Wie wird das Essen vom Tempel finanziert? Bei so vielen Menschen kommt ja schließlich einiges zusammen; und das mindestens einmal im Monat, wenn Poyaday ist (weitere Feiertage nicht eingerechnet - und davon gibt es einige). Sri Lanka ist Weltmeister im zelebrieren von Feiertagen.

Zurück zu meiner Frage: Gibt es hier auch eine Art “Kirchensteuer”? Meine Frage scheint sich teilweise zu beantworten als die Kollekte durch die Mengen geht. Ich habe das Gefühl einige Leute starren mich an. Ich fühle mich unbehaglich. Ich habe kein Geld dabei. Ich bilde mir ein, dass man von mir erwartet, eine größere Geldsumme zu spenden. Als weiße Frau sollte ich schließlich ausreichend davon besitzen, so glaubt man hier. Ich schäme mich, schließlich habe ich hier auch gegessen.

Siebzehn Uhr, die Mädchen und ich sind sehr erschöpft. Wir schleppen uns zurück ins Heim.

Ein anstrengender Tag. Ich bin allerdings dankbar, dass ich solch eine Erfahrung einmal machen durfte; und dankbar dafür, dass mich die Buddhisten so herzlich aufgenommen haben, in ihrem heiligen Tempel.