Die Wahrheit.


Traumstrand im Süden der InselEin letztes Mal. Vielleicht nicht für immer, aber vorerst. Ich habe es versprochen. Wie könnte ich auch anders. Nicht nach der Liebeserklärung an dich und deine Kinder.

Daran hat sich nichts geändert. Aber du verblasst in meinen Gedanken. Von Tag zu Tag. Was von dir geblieben ist, ist die Gelassenheit. Dinge hinnehmen, wie sie sind. Und so nehme ich auch das hin.

Wenn ich über dich rede, so rede ich auch immer über euch. Dich als Land und deine Mädchen.

Bevor ich euch erzähle, wie es mir ergeht, möchte ich mit dir über dich reden. „Ich hatte eine wunderschöne Zeit“ wird nicht im Ansatz dem gerecht, was du mir gegeben hast. Erfahrungen. Positive und negative. Zeiten. Glückliche und traurige. Menschen. Gute und solche, die mich wütend machten. Lebensweisen. So ganz anders, als die meine.

Blick vom Adams PeakSri Lanka, du bist ein wunderschönes Land. Unumstößlich. Du hast bezaubernde Kinder hervorgebracht. Ebenso unumstößlich. Und ich erinnere mich gerne an euch. Ich male mir aus, dass es euch gut geht. Ihr Elle im Garten spielt. Ihr auch manchmal an mich denkt. Es ist eine Wunschvorstellung, dass mein schnelles Kommen und ebenso schnelles Gehen mehr Spuren hinterlassen hat, als nur den Namen, der im Gedächtnis bleibt. Ich weiß, ihr seid noch Kinder. Und ihr lernt täglich neue Dinge kennen.

Ihr seid im Aufbau. Ihr müsst Dinge verarbeiten, die man euch angetan hat. Ihr müsst zu euch selber finden. Und es ist utopisch zu glauben, weitreichende Spuren hinterlassen zu haben.

SashiniPadminiIhr müsst noch viele Dinge lernen. Werdet euch eurer inneren und äußeren Schönheit bewusst. Gewinnt an Selbstvertrauen. Ihr habt mir kurzzeitig ein Gefühl von Freiheit gegeben, welches mir völlig neu war. Ein Gefühl ohne absolute Zwänge. Völlig freie Entscheidungsgewalt. Alleine diese Gabe macht euch zu etwas Besonderem.

Ich war in vielen Momenten sehr glücklich. Weit weg von daheim. Unter mir eigentlich fremden Menschen. Ich habe mich wohl gefühlt. Aufgenommen. Ich habe Dinge überdacht. Kleinigkeiten bewirkten meine innere Ruhe und Zufriedenheit. Eine Zeit ohne Allüren und Nebensächlichkeiten. Glaubt mir, wenn ich sage, das habt nur ihr geschafft. Durch Lachen und auch durch Weinen.

Ihr habt so viel Potenzial. Werdet euch dessen bewusst. Und nutzt es. Aber ich weiß, dass dies ein Prozess ist. Wie auch bei mir. Ihr habt mir in diesem Prozess geholfen. Ganz ungeschminkt und ohne Absichten habt ihr mir gezeigt, was wichtig ist. Wie wenig es bedarf, um sich abends schon wieder auf den nächsten Tag zu freuen und das, was einen erwarten wird. Auch wenn es nicht immer das Paradies ist, für das viele dich halten. Aber ihr vermittelt Werte. Nicht immer die richtigen. Nicht immer zu Gunsten deiner Mädchen. Aber daran kann man arbeiten.

Gruppenbild mit einigen MädelsAls ich die Grenze nach Sri Lanka überschritt, akzeptierte ich Dinge, die ich nicht für möglich hielt. Manche Momente hätten die Kraft gehabt, meine bisherige Lebensweise zu hinterfragen und zu überdenken. Hatten sie nicht. Nicht in der Tragweite, die ich mir selber  wünschen würde. Leider.

Nicht einmal vier Wochen ist es nun her. Ich saß im Flugzeug auf dem Weg zurück nach Deutschland. Euphorisiert von der Zeit, die hinter mir lag. Selbstbewusst in die Zeit blickend, die vor mir liegen würde. Soviel nahm ich mir vor. Für mich selbst, die weitere Unterstützung des „Angels Home for Children“ und Kleinigkeiten zu Gunsten der Glückseligkeit der Mädchen. Was habe ich davon umgesetzt? Über die reinen Gedanken hinaus nicht viel. Ich bin wütend. Auf mich selbst.

Zu schnell konnten mich mein Leben und dessen Verpflichtungen in Deutschland wieder einholen. Was habe ich erwartet? Dass zehn Wochen Sri Lanka alles auf den Kopf stellen würden? Mein Leben die Farbe ändert? Ich bin mir nicht sicher, ob ich selbst zu hohe Erwartungen hatte oder mich einfach zu schell von meinem Vorhaben, einige Dinge zu ändern, habe abbringen lassen. Ich wollte keines der Mädchen sein, die diese Zeit in einer fremden Welt nicht tiefgründig prägen. Nun scheine ich es doch zu sein. Zumindest habe ich das Gefühl. Denn ich habe nicht alles dafür getan. Und es enttäuscht mich, diese Chance nicht mit all ihren Möglichkeiten genutzt zu haben.

Probleme und Unzulänglichkeiten haben nicht nur in Sri Lanka eine Daseinsberechtigung. Auch hier in Deutschland. Und so ist das eben. Die „Probleme“, die mir von Sri Lanka aus so mikroskopisch klein erschienen, sind nun wieder Dreh-und Angelpunkt. Ich hatte das ein wenig vergessen, sind die Unzulänglichkeiten auf Sri Lanka doch viel elementarer, löschen die in meiner realen Welt aber nicht aus.

Die Wahrheit ist, es ist und bleibt eine unvergessene Zeit. Aber die Erde dreht sich weiter. Wie vor Sri Lanka. Trotz der Erfahrungen. Oder gerade deswegen.

Mit nachdenklichen Grüßen

Eure Lisa.

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