Die etwas anderen Kostbarkeiten.


GesichtsmaskenVierzehn Augenpaare und Latta das Kindermädchen. Die Augen konzentriert auf eine kleine Schüssel gerichtet. Nur Anne, Kerrin und ich besitzen das Wissen um den geheimnisvollen Inhalt.

Beautyabend. Oder besser gesagt: Der Abend der Maske. Und des heiligen Tuches. Aber dazu komme ich später. Der Inhalt der Schüssel: Joghurt und Gurke. Nach dem Lüften des  großen Geheimnisses ungläubige Gesichter. Die etwas angewiderten Gesichtszüge der Mädchen verheißen wenig Gutes für den restlichen Verlauf des Abends.

Dann wagen sich erste Freiwillige vor. Todesmutig legen sie sich nieder und lassen sich das „Hexengemisch“ im Gesicht verteilen. Die Gurken für die Augen lege ich unverzüglich nach. Keinen Raum für Widerstand lassen. Geschafft! Und erfolgreich. Keine Proteste. Die „Versuchsmäuse“ zeigen keine negativen Nebenwirkungen.

GesichtsmaskenEs trauen sich immer mehr.  Wie eine umgefallene Kette von Dominosteinen liegen die Mädchen nebeneinander. Das „Zaubermittel“ dingt gemütlich in die Haut ein. Nervtötende Bollywood-Musik untermalt das Geschehen. Auf einige Mädchen scheint es die gegenteilige Wirkung zu haben: Eine beruhigende. Für kurze Momente schlummern sie immer wieder ein. Ich bin zufrieden mit meiner Arbeit.

Die ersten Mädchen, nach dem Entfernen der Masken, ebenso. Strahlende, erfrischte Gesichter kommen mir aus dem Badezimmer entgegen. Zumindest bilde ich mir das ein.

Ein kurzes Berühren der Haut gibt mir recht: Zart wie Seide. Latta ist völlig begeistert! Sie sitzt nicht minder strahlend zwischen den Mädchen und wünscht sich in diesem Moment sicher selbst  noch eins zu sein. Kurz stelle ich mir vor, wie Latta wohl mit Maske im Gesicht aussehen würde. Ich unterdrücke den aufflammenden Lachanfall und schiebe das Bild bei Seite.

GesichtsmaskenWährend ich einem der Mädchen die Nägel feile, streckt sie mir immer wieder auffällig unauffällig ihre Hand entgegen. Ich verstehe ihre unbewusste Aufforderung, ignoriere sie allerdings schmunzelnd. Neugierig wie ein kleines Kind

schaut sie sich jeden meine mitgebrachten Utensilien ganz genau an. Und stellt Fragen. Viele Fragen.

Memo an mich selbst: Latta zum Abschied eine Nagelfeile schenken. Auch mit fast 60, kann man sich anscheinend noch ausreichend für kleine Dinge begeistern.

Dann geschieht etwas unvorhergesehnes. Ein Raunen geht durch die Menge. Man hat die Tücher entdeckt. Die feuchten Tücher. Heilige feuchte Tücher. Staunend und begeistert fahren sich die Mädchen damit über ihre Gesichter. Vorsichtig tupfend werden die unbekannten Inhaltsstoffe auf die Haut übertragen. Wer einmal eines in der Hand hält, dem ist es nicht mehr entlocken. Mit Adleraugen wird der neugewonnene Schatz behütet.

Auch in Deutschland sind diese Tücher zu finden. Besser geläufig sind sie hier unter dem Namen: feuchte Toilettentücher.

Wir lassen die Mädchen in dem Glauben, dass es sich hier um ganz besondere Tücher handelt. Die enttäuschten Gesichter würden uns das Herz brechen. Und es würde uns, den Spaß an dem Wissen, über deren wahren Herkunft nehmen.

GesichtsmaskenDie Mädchen finden genauso viel Spaß wie wir an diesem Abend. Die großen Mädchen, welche uns des Öfteren noch distanziert gegenüberstehen, sind völlig losgelöst. Wir haben eine Goldader getroffen. Wir erzählen genau über die Dinge, die Mädchen in diesem Alter brennend beschäftigen. Viele Fragen werden gestellt: Angefangen von was haben eigentlich diese gespaltenen weißen Haarspitzen zu bedeuten, bis hin zu warum brechen Nägel manchmal so ärgerlich ab. Und wir beantworten ihnen diese Fragen liebend gerne. Allerdings, immer im Hinterkopf, nicht zu viel zu erzählen. Denn auch, wenn sie an diesem Abend ein wenig in das westliche Teenieleben hineinschnuppern durften, manche Dinge bleiben ein Tabu.

Meine Praktikumsbetreuerin Julia erklärte mir eine Sache einmal ziemlich verständlich: Mit dem rasieren der Beine ist das hier genau umgekehrt wie in Deutschland. Behaarte Beine gelten hier als attraktiv. Vor der Hochzeit bleiben die Haare dran, nach der Hochzeit wird dann auch mal rasiert. Wie in Deutschland. Nur eben umgekehrt.

 

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