Den Kopf voller wirrer Gedankengänge.


Wirre GedankenKurz nach vier Uhr morgens war ich hellwach. Mit dem Kopf voller wirrer Gedankengänge. Den Abend zuvor hatte ich versucht, die Woche ein wenig zu resümieren. Das wollte mich nun auch im Schlaf nicht wirklich loslassen.

Also setzte ich mich auf die Dachterrasse vor meinem Zimmer, ließ mich von dem lauen Wind erfrischen, horchte der nicht unerheblichen Geräuschkulisse aus zirpen, bellen und Hühnergegacker und versuchte die Gedanken vom Vorabend zu vollenden. So unruhig ich geschlafen hatte, so ruhig wurde ich nun. Und ich merke: irgendwie bin ich jetzt angekommen.

Es war eine schöne zweite Woche für mich. Zwischen Palmen, Mangobäumen und 48 liebenswerten und aufgeweckten Mädchen.

Spielen am Abend mit den MädchenJede von ihnen kann durch ihre Art kurz aufflammendes Heimweh vergessen lassen. Mich beschäftigt dies zwar (noch) nicht wirklich, aber kurze Momente darüber lassen sich nicht verschweigen.

Der Alltag ging mir diese Woche schon wesentlich leichter von der Hand. Dank eines ausgeklügelten „Schichtsystems“

von Kerrin, Anne, Julia und mir fand diese Woche jeder seinen Platz in diesem, manchmal heillos durcheinander wirkenden, Chaos. Ich hatte meine festen Aufgaben und nun nicht mehr das Gefühl nur Randzuschauer zu sein. Und es ist ein wirklich schönes Gefühl, wenn die Mädchen und das Personal einen ganz offen daran teilhaben lassen.

Zu meinem Aufgaben gehörte es diese Woche, morgens kurz vor fünf Uhr aufzustehen, um die Mädchen zu wecken. Ich mochte es als Kind überhaupt nicht früh aus dem Bett zu müssen. Da kam beim Anblick der vielen verschlafenen Gesichter wirkliches Mitgefühl auf.

Startet man zusammen mit den Mädchen noch weit vor Sonnenaufgang in den Tag, verfolgt ihre Aktivitäten über den Tag  und sieht sie dann abends beim Abendessen fast über ihren Tellern einschlafen, muss man unweigerlich ins Grübeln kommen:

Was bekommen die Mädchen eigentlich von dem, was viele Außenstehende hier als Paradies bezeichnen, mit? Der wunderschöne Strand, der Indische Ozean, unter Palmen liegen und die Seele baumeln lassen - alles Dinge die einen in den Kopf schießen wenn man „Sri Lanka“ hört. Und alles Dinge, von denen die Mädchen recht selten etwas sehen. Der straffe Alltag lässt es einfach nicht zu.

Im Paradies leben, aber nicht das Paradies leben. Eine Erkenntnis, für die ich etwa fast zwei Wochen gebraucht habe.

StrandnachmittagUnd es ist davon auszugehen, das viele Besucher dieser Insel diese Erkenntnis niemals erlangen werden, denn dazu bedarf es einer kleinen, nicht unerheblichen Horizonerweiterung. Und wer beschäftigt sich mit so etwas schon gerne im Badeurlaub.

Von morgens um fünf bis abends um neun. Ein normaler Wochentag der Mädchen. Auch für die Kleinsten. Zwischen Schule, Nachhilfe und sonstigen Aktivitäten und mit durchaus weniger Verschnaufpausen als sie mir diese Woche zustanden. Und das Beachtlichste dabei, ohne murren.

Julia und Frank aber achten darauf, dass den Mädchen ein klein wenig Zeit am Tag bleibt, um auch wirklich Kind zu sein. Einfach nur spielen oder sich ein schattiges Plätzchen suchen, um über Teenie-Angelegenheiten zu quatschen. Und wie sie dann immer verstummen wenn einer von uns dazustößt, weil sie nicht möchten, dass wir hören was sie sich so erzählen.  Als ob wir sie verstehen könnten. Aber manche Dinge sind eben überall gleich auf der Welt.

Die Vorstellung vom Kind sein, ist hier einfach eine ganz andere wie bei uns. Und ich muss verstehen, dass das hier einfach so sein muss, um den Mädchen genau das mit auf den Weg geben zu können, was sie später brauchen, um sich vom Angels Home for Children zu lösen, um in eine eigene, hoffentlich gute Zukunft zu starten.

Im Verlauf der Woche fiel mir noch etwas anderes, nicht unerhebliches auf: Bei so vielen Eindrücken möchte ich mich natürlich meiner Welt daheim auch mitteilen. Aber nach nur zwei! Wochen wird einem bewusst, wer sich daheim in Deutschland dafür interessiert was am anderen Ende der Welt geschieht, über die tägliche Tagesschau hinaus, und wer nicht bereit ist, sein sicheres Terrain zu verlassen und sich mit ihm befremdlichen Dingen auseinander zu setzen,  sondern einfach nur in seiner sicheren Lethargie verweilen möchte.  Aber auch so lernt man einen Menschen in seiner gewohnten Umgebung besser kennen, leider nicht immer positiv. Ich bin mir sicher Frank und Julia können darüber ein Lied singen. Die erste Erkenntnis darüber erschreckt jedoch trotzdem.

Ein Abend blieb mir diese Woche besonders in Erinnerung. Zu Ehren von Kerrins Geburtstag gingen wir am Abend essen. Ein schöner ausgelassener Abend, fernab vom Heimalltag, bei welchem jedoch ein für mich äußerst interessantes und unbefriedigendes Thema angeschnitten wurde: Die (Nicht)Unterstützung einer Non-Profit-Organisation, welche Dry Lands e.V. ist, hier in Sri Lanka.

Als Frank und Julia darüber berichteten, hingen Kerrin, Anne und ich gespannt und gleichzeitig fassungslos an deren Lippen. Unterstützt man staatlich solche Organisationen in Deutschland zwar auch nicht immer problemlos, aber mit durchaus mehr Entgegenkommen, so werden einem hier Steine so groß wie ganze Häuser in den Weg gelegt. Schade, wenn man bedenkt, dass hier Kindern aus genau diesem Land aufgenommen werden, liebevolle Fürsorge und Unterstützung bekommen und sie hier mehr Kind sein können als irgendwo anders. Und das ist die Tragik an der Geschichte: Am Ende werden also nicht Julia und Frank diese Steine in den Weg gelegt, sondern den Kindern. Ein Thema, über das man sich Stunden hätte austauschen können. Aber was ganz wichtig hier ist, irgendwann müssen Gedanken ruhen und man muss abschalten, um sich nicht zu übernehmen.

Gerne würde ich auch noch mehr über dieses Thema berichten, aber dazu bedarf es vermutlich einen Sonderbericht und noch einige Informationen mehr um diese ganze System hier ausreichend zu hinterfragen und zu vertstehen.

Das Fazit meiner Woche bleibt im Grunde das selbe wie auch letzte: Habe ich mich mit der Mentalität mittlerweile schon etwas mehr angefreundet, so kommen immer wieder Dinge auf mich zu, welche ich einfach nicht begreifen kann und zum Teil auch gar nicht begreifen will. Weil sie schlicht und einfach so fernab von meinem persönlichen Verständnis und Ansichten liegen. Aber ich habe die Vermutung, das sich diese auch nach zehn Wochen nicht ändern werden. Vielleicht ändert sich meine Sicht auf einige Dinge in dieser Zeit, mein Verständnis dafür allerdings, so meine Vermutung, weniger. Aber ich werde mich da einfach überraschen lassen. In acht Wochen kann viel passieren.

Nachdem ich alle Gedanken abgeschlossen hatte, legte ich mich wieder zurück ins Bett und konnte ausgesprochen gut noch ein wenig schlafen.