Ich vermisse Vieles.


Adams Peak – der Abstieg Der Bodhi-BaumKaum vorstellbar, dass ich mich vor drei Wochen noch auf der anderen Seite der Welt befand. In Deutschland angekommen, begann ziemlich schnell das alte andere Leben. Nach einer Woche chillen, einleben, Freunde und Familie treffen, immer wieder Fotos ansehen und die letzten drei Monate verarbeiten, war ich die letzten zwei Wochen damit beschäftigt einen vorübergehenden Job zu suchen, mich mit den Masterstudiengängen auseinender zusetzen und nach einer Möglichkeit zu suchen, schnellst möglich wieder ins Ausland zu kommen. Immer wieder stelle ich fest, dass ich anfange von Erlebnissen aus Sri Lanka zu berichten. Ständig sage ich in Gesprächen:“ In Sri Lanka ist das aber so und so…!“ und merke wie ich Deutschland und Sri Lanka vergleiche. Jedem zeige ich stolz meine beiden Bändchen, die ich um mein rechtes Handgelenk trage. Erinnerungen an den Adams Peak  und dem Bodhi-Baum.

Und wenn ich so berichte und an die Zeit in Sir Lanka zurück denke, fällt mir auf wie viele Erfahrungen ich gemacht habe, es sind so viele, dass ich nie alle aufschreiben kann, und mir ist bewusst geworden, was ich alles vermisse.

Ich habe gelernt, dass die Menschen in Sri Lanka eine andere Vorstellung vom Kindsein haben als ich, dass die Arbeit in einem Kinderheim nicht zu vergleichen ist, wie die Arbeit in einer deutschen Kinder- und Jugendeinrichtung, dass in Sri Lanka eine ganz andere Vorstellung von der Bedeutung der Frau herrscht und dass es für die meisten unbegreiflich ist, dass ich keine Kinder habe und noch nicht einmal verheiratet bin. Ebenso wenig konnten viele Singhalesen sie nachvollziehen, dass ich ganz alleine nach Sri Lanka gekommen bin und dann auch noch alleine Reise. .

Ich habe erfahren wie es ist jeden Tag Reis und Curry zu essen und ich habe gelernt, dass sich die Geschmacksnerven sehr verändern. Ich weiß noch genau wie ich mit Schluckauf und Tränen in den Augen am Mittagstisch saß, weil das Essen zu scharf war. Irgendwie schmeckt das Essen in Deutschland sehr „chillilos“. Ich vermisse das leckere Dahl und mein geliebtes Sambola so sehr, dass ich gleich ein paar Tage nach meiner Ankunft in Deutschland auf den Markt und zum Supermarkt gefahren bin, um alles nötige einzukaufen und dann gab es ein leckeres singhalesisches Gericht. Allerdings ist ein deutscher Markt nicht mit einem singhalesischen zu vergleichen. Alles ist so anders. Der MarktIm Supermarkt war ich völlig überfordert. Da stand ich wieder vor dem Kühlregal und ich dachte nur, das darf doch nicht wahr sein. Dieser ganze Konsum, die vielen Marken. Warum?? Warum brauchen die Deutschen diese Auswahl? Warum reicht es nicht zwischen zwei, meinetwegen auch zwischen vier, verschiedenen Käsesorten wählen zu können. Warum müssen es gleich 15 sein? Die gemütliche WeihnachtsshoppingtourMir war das zu viel und kaufte schließlich nichts. Ich fragte mich wie ich diesen ganzen Konsum und den Kapitalismus entfliehen kann und mir wurde noch einmal bewusst wie schön ein Leben ohne all den ist. Wie herrlich ein Weihnachten ohne all den Weihnachtsstress ist, ohne den Zwang Geschenke kaufen zu müssen und jeden Tag von sämtlichen Werbeblättern für das beste Weihnachtsgeschenk beschüttet zu werden. In Marawila konnten Rahel und ich liebevoll für jedes der dagebliebenen Kinder im Angels Home ein Weihnachtspaket einkaufen, ohne große weihnachtliche Werbeplakate.

Ich habe erfahren wie es ist, jeden Tag mit den Fingern zu essen. Heute weiß ich, warum das Essen in Sri Lanka nicht ganz so heiß gegessen wird. Man verbrennt sich ansonsten die Finger.

Ich habe erfahren, dass Menschen auch ohne Sprache kommunizieren können. Mit Händen und Füßen konnten wir uns gegenseitig verständigen und es hat geklappt.

Zudem habe ich mich an einen komplett anderen Tagesrhythmus gewöhnt. Aufstehen zwischen 4 und 5 Uhr und dafür ein häufiges frühes Schlafengehen.

Gelernt habe ich, dass ein leichtes hin und her Bewegen des Kopfes mit den Worten „Yes“ „Ok“ bedeutet. Anfangs kam es daher zu kleinen Missverständnissen.

Auf dem Deck der FähreIch habe erfahren in einem Land fremd zu sein. Als Fremde ständig angestarrt zu werden und als eine Weiße als etwas ganz besonders abgestempelt zu werden. „Die Weiße“, die „Heilige“ mit viel Geld. Frauen haben mich auf der Straße oder auf den Märkten einfach angefasst; die besondere weiße Haut. Bei Schulfesten stand ich schrecklicher Weise immer im Mittelpunkt und ich musste mit den Priestern und Mönchen zusammen speisen, nur ich, da ich weiß bin, durfte auf den Fähren auf Deck sitzen und als „heilige Weiße“ bieten dir auch die sehr alten Frauen im Bus ihren Platz an. Das ist alles sehr lieb gemeint, aber es fängt sehr schnell an sehr nervig zu werden. Ich bin nichts besonderes, nur weil ich weiß bin und möchte es auch nicht sein!

Ich habe erfahren, wie es ist sich in einem anderen Land mit verschiedenen Kulturen, Religionen, Normen und Werten zu leben, diese immer mehr kennen zu lernen und immer mehr an ihnen teilhaben zu können. Ich habe auch erfahren, wie es ist sich diesen Kulturen anzupassen; immer schulterlange und knielange Kleidung zu tragen, mit langer Kleidung baden zu gehen, abends immer früh, am besten sobald es dunkel ist, „zuhause“ zu sein etc.…..

Ebenso habe ich erfahren, wie diese verschiedenen Religionen miteinander leben; dass innerhalb einer Stadt verschiedenen „Religionsgebiete“ herrschen und dass man somit in einer Ecke der Altstadt von Galle kein Bier bekommt, aber 500m weiter schon. Ich habe erfahren, wie es ist, wenn ich mich in einer singhalesischen Gegend befinde, 10 Kilometer weiter fahre und dann in einer tamilischen Umgebung bin.

Ich habe gelernt, dass Müll nicht gleich Müll ist und dass man aus alten Matheklausuren oder Kinderbildern Einkaufstüten in sämtlichen Größen herstellen kann.

Wenn ich zurück denke, waren besondere kleine Momente mit den Kindern am schönsten, Momente in denen die Kinder so glücklich waren und sich so gefreut haben und wenn es nur ein gemeinsames Figurenkneten war.

Die gemeinsam erlebte Mondfinsternis war auch ein besonderer Moment. Für die meisten Kinder und auch für mich war es die erste Mondfinsternis.

Wir tanzenFür mich waren die Momente des Tanzens wunderbar. Allerdings musste ich erfahren, dass ich angeblich sehr lustig tanze. Die Mädchen konnten so schön tanzen, mit ganzem Körpereinsatz, und haben alles gegeben. Gerade in den Ferien kam es häufiger vor, dass wir abends vorm Schlafengehen alle noch mal getanzt haben. Die Mädchen haben mir einige singhalesische Tänze beigebracht.

Ein singhalesischer Tanz Ich habe erfahren von Kindern zu lernen. Sie haben mir vieles gezeigt und mir einige singhalesische Wörter und Sätze beigebracht, die mit auf meiner Reise häufig sehr hilfreich waren.

Abgesehen von den lieben Menschen im Angels Homme vermisse ich das ständige Draußensein. Dadurch, dass das Heim offen gebaut ist und ich meine Tür und die Fenster von meinem Zimmer immer auf hatte, war ich immer an der frischen Luft und hier in Deutschland ist es so ungemütlich, dass ich einmal am Tage lüfte, damit wenigstens kurz frisch Luft ins Zimmer kommt.

Ich vermisse die Wärme. In Sri Lanka musste ich mich ziemlich schnell damit abfinden, dass ich ohne etwas zu tun einfach schwitze und in Deutschland sitze ich gerade in diesem Moment mit einem Fliespulli.

Ich vermisse die vielen Geräusche am Tage und in der Nacht, besonders das Bäckerauto, das mich jeden Morgen mit der Melodie „für Elise“ geweckt hat. Am Anfang war es mega nervig und dann habe ich mich so daran gewöhnt, dass es einfach zum morgendlichen Ritual dazu gehörte.

Ich vermisse das Geräusch der Klocke im Angels Home, die täglich meinen Tagesablauf mitbestimmte.

Ich vermisse all die Tiere, auch die, die ich von meinem Bett aus sehen konnte. Ja, irgendwie vermisse ich auch die kleine Krähe, die jeden Morgen an unserem Tisch saß und ja… irgendwie waren die Spinnen auch ganz aufregend!! Bei den Erinnerungen an den Begegnungen mit den achtbeinigen behaarten Wesen muss ich immer noch lachen. Wie Rahel und ich bewaffnet mit einem Besen, Schuhen und einem Teppich in unserem Zimmer bzw. eher vor unserem Zimmer standen und uns Gedanken über die beste Strategie machten, das süße Tierchen von unserer Zimmerdecke zu bekommen. In Deutschland muss ich ohne die vielen kleinen Geckos an den Wänden einschlafen. Und all die schönen bunten Vögel, die an den Palmen saßen. Ich denke gerade an Rahel und mein persönliches Haustier, an das wir uns erst gewöhnen mussten, unsere liebe Ratte. Sie hat mich gelehrt, dass Ratten Seife fressen. Wirklich! Bis wir herausgefunden haben, dass diese komischen Spuren an unseren Seifen die Knabberspuren unseres Haustieres waren, sind ein paar Tage vergangen. Zudem musste ich feststellen, dass die vielen schwarzen kleinen Käfer, die uns gerne am Abend auf unserer Dachterrasse besucht haben, sehr bitter schmecken. Ekelhaft! Ja, und ich war sogar mit Haien schwimmen!

Eine Kokosnuss wird geerntetManchmal bin ich morgens aufgewacht, taperte aus meinem Zimmer und guckte einen Singhalesen fast in die Augen. Das waren die Momente, in denen die Kokosnusspalmen geerntet wurden. Total krass, wie die Jungen die Palmen hochgeklettert sind. Wahnsinn!

Ich vermisse das ständige Barfusslaufen. Die Freiheit der Füße. Heute trage ich wieder meine Hausschuhe.

Ich vermisse die öffentlichen Verkehrsmittel. Das mega cooleGefühl in einem Tuk Tuk zu sitzen und an der offenen Tür, den Kopf rausguckend, in einem völlig überfüllten Bus zu stehen, die imaginäre dritte Spur zu nutzen und auf Straßen zu fahren, wo gar keine sind.

Sri Lanka ist ein sehr gastfreundliches Land. Die Menschen sind sehr hilfsbereit und laden einen zum Essen ein, wobei sie kaum etwas haben. Auf meiner Reise wurde mir überall geholfen. Die Busfahrer haben immer auf mich geachtet und haben mich zu meinem Anschlussbus gebracht. Auf den Bahnhöfen war immer jemand, der mir geholfen hat und mir gezeigt hat in welchen Bus ich einsteigen muss etc.

So eine Hilfsbereitschaft und Gastfreundlichkeit habe ich in Deutschland bis jetzt leider noch nicht kennen gelernt und ich frage mich warum? Sind wir Deutschen Fremden gegenüber nicht aufgeschlossen? Besitzen uns die Vorurteile oder raubt uns die Zeit all die Nettigkeiten? Lassen all der Berufsstress und die verbreitete Hektik in Deutschland es nicht mehr zu einem Fremden am Bahnhof zu erklären, in welche Bahn er einsteigen muss?

Natürlich habe ich noch viele viele andere Erfahrungen machen können und mich beschäftigen eine Menge anderer Fragen…..

Eure Julia