Anika Baumann. Der freudestrahlende Singhalese mit dem Schild. 16.06.2011.


Am vergangenen Donnerstag war es endlich soweit, nach gut 20 Stunden kam ich um 7 Uhr morgens Ortszeit in Colombo an. Am Flughafen wurde ich bereits mit einem Schild  „Angels Home for Children“ erwartet, hinter dem ein freudestrahlender Singhalese mit Namen Sante hervorschaute.

Trotz der frühen Tageszeit merkete ich gleich was ich die kommenden Wochen zu erwarten hätte: schwül-heiße Themaperaturen und jede Menge Mücken. Im Wagen, mit dem Luxus einer Klimaanlage, fuhren wir ins 30 km entfernte Marawila. Ich war ganz begeistert von dem Treiben auf den Straßen, wo mich vieles an meine Zeit in Peru erinnerte: Wilde Überholmanöver, Gehupe, Menschen, die einem beim Warten an der Ampel Kleinigkeiten verkaufen wollen, Stände am Straßenrand...Nach der ersten Euphorie wurde ich aber doch ziemlich müde und war froh als wir in Marawila ankamen und Julia mir nach einer kurzen Begrüßungsrunde Dusche und Bett anbot.

Ich hätte nie gedacht, dass eine kalte Dusche so wohltuend sein kann. Kaum im Bett fiel ich auch sogleich in einen tiefen Schlaf bis Julia mich mittags weckte und wir gemeinsam im Tuk-Tuk zum Angels Home fuhren. Nach und nach trudelten dort auch die Mädchen ein, die die Gunst der Stunde nutzten mich beim Mittagessen von oben bis unten zu musterten. Ich -noch nicht wieder ganz fit – bekam dies aber nur bedingt mit. Zudem war ich viel zu beschäftigt damit die fremdschmeckenden Speisen zu kosten, deren ungewohnte Schärfe meine Nase zum Dauerlaufen brachte. Anschließend heftete ich mich an die Fersen der anderen beiden Praktikantinnen Bettina und Margarete, die mir viele wertvolle Tipps gaben und versuchten mir ein paar erste Namen mit auf den Weg zu geben … Chanchala, Hiruni, Emesha, Nadisha, Surangika, Madushika, Kalpeni, Sanjena…. wie sollte ich mir all diese Namen nur merken? Irgendwann schaltete ich ab und ließ erst einmal einfach alles auf mich wirken. Egal ob Waschen, Nachhilfe oder Spielen, indem mich die Mädels von Anfang an in ihre Aktivitäten integrierten, erleichterten sie mir den Einstieg erheblich. Um 9 Uhr abends lag ich dann aber doch schon wieder recht platt im Bett, das ich bis 11 Uhr am nächsten Morgen nicht mehr verließ.

Frisch geduscht und dennoch schon wieder durchgeschwitzt ging es am Freitag mit dem Fahrrad zum Heim. Die wenig später eintreffenden Mädels begrüßetn mich sogleich mit einem freundlichen „Good afternoon Anika“ – sie schienen mit meinem Namen weniger Probleme zu haben. Immerhin einen Namen konnte auch ich schon: Shanika - das war bei der Ähnlichkeit zu meinem Namen nicht allzu schwer zu merken. Ausgeschlafen begann ich nun mir erste Namen einzuprägen. Da ich mit Eselsbrücken nicht wirklich weiter kam, versuchte ich mir zu jedem Namen eine auffällige Eigenschaften, eine Situationen oder ähnliches zu merken: Nandika gewann jede Memory-Runde haushoch – während ich mich noch über meine zwei Pärchen freute, hatte sie beereits einen dicken Stapel an Karten vor sich liegen. Mit Sajini bastelte ich eine Geburtstagskarte für Chanchala, wobei sie versuchte mir ein paar Wörter auf Singhalesisch bezubringen.  Piumi verblüfte mich mit ihren guten Englischkenntnissen, die sie oftmals zum dolmetschen einsetzt. Naja, und Padmini ist einfach winzig, den Namen hatte ich somit schnell parat.

An meinem zweiten Abend gingen Maragarete, Julia, Frank und ich gemeinsam Essen, während Bettina im Angels Home übernachtete. Glücklicherweise waren am Vortag noch alle recht k.o. gewesen, da die vorherige Praktikantin Simone erst nachts um 2 abgereist war, sodass wir das Begrüßungsessen auf Tag 2 verschoben hatten. Nach meiner langen Nacht konnte ich den Abend nun viel mehr genießen und den Geschichten von Julia und Frank zu der Arbeit im Heim, aber auch den immer wieder auftauchenden Problemen mit den Ämtern und den Kulturunterschieden lauschen.

Anika und EshaniAm Samstag war dann mein erster vollständiger Tag im Heim, den ich in erster Linie dazu nutzte die Mädels bei diversen Spielen besser kennenzulernen und mir ein paar weitere Namen zu merken: Mit Eshani und Imasha, die glücklicherweise immer orange T-Shirts trägt, übte ich bespielsweise Springseilspringen. Nadisha wiederum besiegte mich problemlos in „Schlauberger“, einem schach-ähnlichen Spiel. Zwischenzeitig hatte sie so viel Mitleid mit mir, dass sei mir einige meine Figuren zurückgab, damit wir überhaupt weiterspielen konnten. Ich muss definitiv an meinen Spiel-Fähigkeiten arbeiten!

Mit der Zeit kam ich auch mit einigen älteren Mädchen ins Gespräch, die sich die ersten beiden Tage eher im Hintergrund gehalten hatten. So erzählte mir Chatumini beispielsweise von ihren Lerneinheiten für die anstehende O-Level-Prüfung (vergleichbar mit dem deutschen Realabschluss) und ihrem Wunsch danach auf die weiterführende Schule zu gehen, um dort ihr A-Level (Abitur) zu machen. Ich war richtig beeindruckt von ihren guten Englischkenntnissen und ihrem Lerneifer.

Mein Highlight des Sonntags: Die anfangs mir gegenüber sehr zurückhaltenden Mädchen Udenika und Maduwanthi, die ich an den ersten Tagen schon mit einem bloßen Blick in die Flucht geschlagen hatte, schienen langsam zu erkennen, dass auch ich mich durchaus als Spielpartnerin eigne.

Am Nachmittag stand dann Besuch aus Deutschland an, für den einige der älteren Mädels eine kleine Aufführung vorbereitet und sich in Schale geschmissen hatten. So bekam auch ich einmal Malis beeindruckenden Hüftschwung  und Dineshas Schauspieltalent zu sehen.

Hindi Tanz Mali und Dinesha

So langsam kehrt hier für mich nun so etwas wie „Rutine“ ein, worüber ich recht froh bin. Auch wenn ich noch immer nicht alle Namen kenne, sind die Mädchen zumindest nicht mehr allesamt unbeschriebene Blätter für mich. Ich werde fleißig weiterlernen und gegen Ende der Woche auch meinen ersten eigenen Englischunterricht geben.

Bis bald und sonnige Grüße aus Marawila,

Anika

powered by social2s