Tagebuch Katja Sorowsky. Das Mädchen, das ihren Namen nicht kennt und Ihre Schwester. 07.08.2010


 Inzwischen kenne ich die Namen aller Mädchen. GrinsenWenn man nicht vergisst, dass man es mit 22 kleinen Persönlichkeiten zu tun hat, ist es gar nicht so schwer, sie auseinanderzuhalten: einige Mädchen im Angels Home sind laut, andere zurückhaltend, lustig, wild oder ruhig, sportlich,  künstlerisch begabt und gute Tänzerinnen, wieder andere gute Englischsprecherinnen, charmant, intelligent,  kontaktsuchend oder kontaktmeidend...

Doch am meisten fallen die Mädchen auf, die sich in Ihrer Art und im Umgang  deutlich von den anderen Kindern unterscheiden. Ich habe versucht, das Verhalten einiger Mädchen zu hinterfragen und zu verstehen: Warum sind diese Mädchen so anders? Dabei wurde ich mit Schicksalen konfrontiert,  für die schockierend der einzig richtige Ausdruck ist.

Nadisha_und_KumariSo zum Beispiel das von Kumari und ihrer Schwester Nadisha. Die furchtbare Vergangenheit ist den Mädchen anzumerken. Nadisha hat Verbrennungsnarben an Hals und Armen, die ihre Mutter ihr zufügte. Daraufhin entzog ihr das zuständige Amt für Kinderfürsorge im Juli 2007 das Sorgerecht.  Seitdem lebt Nadisha im Angels Home und hat hier ein Zuhause, das ihr Halt und Liebe geben kann.  Sie ist nun 13, geht  aber erst in die 4. Klasse, denn sie besuchte vorher nur unregelmäßig oder gar nicht die Schule. Nadisha ist ihren Klassenkameraden in ihrer körperlichen Entwicklung so weit voraus, dass es auf mich einfach bemitleidenswert wirkt, wenn ich sie mit den anderen  9-Jährigen Hausaufgaben machen sehe. Die Mädchen im Heim, die in ihrem Alter sind, suchen nur wenig Kontakt zu ihr. Nur beim Sport kann sie es ihnen dann wirklich beweisen, da ist sie nämlich besser und auch ehrgeiziger als die Gleichaltrigen. Surangi und KumariIhre kleine Schwester Kumari hat es wohl mindestens genauso schlimm getroffen. Lange Zeit wusste niemand von Ihrer Existenz. Nadisha redete nie über ihre Schwester oder das, was sie zu Hause erlebt hatte. Kumari wurde erst im Februar 2010, zweieinhalb Jahre später als Nadisha  und zweieinhalb Jahre zu spät im Angels Home aufgenommen. Sie ist ihrer eigenen Muttersprache nicht mächtig, kann noch nicht einmal ihren eigenen Namen aussprechen. Frank erzählte mir, dass das Mädchen, als sie ins Heim kam, auf den Namen Banti gehört hat.  Das wäre, als würde jemand in Deutschland seinem Kind einen Hundenamen geben und es Rex rufen. Wahnsinnig schwer nachzuvollziehen!

Das Schulproblem: Kumari hat bis heute noch nie eine Schule besucht, obwohl sie schon 10 Jahre alt ist.  In der normalen Schule wollen sie Kumari nicht, weil sie nicht sprechen kann. Für eine Behindertenschule ist Kumari nicht behindert genug. Die Lösung für so ein Problem hier in Sri Lanka zu finden, ist gar nicht so einfach. Niemand scheint wirklich zu wissen, wie man vernachlässigte Kinder mit  Entwicklungverzögerungen fördert. Die Heimleiterin, die Matron,  begab sich nun in den letzten Wochen auf die Suche nach einer geeigneten Schule für Kumari.  In drei  verschiedenen Schulen versuchte sie, Kumari vorzustellen. Die Matron hatte die Information, es gäbe dort spezielle Förderklassen. Nix wars - nach dem Motto: Keiner weiss was und niemanden interessiert´s.

Ich bat die Matron, sie in die vierte Schule begleiten zu dürfen.  Kumari bekam ein schönes Kleid angezogen, leider nicht ihr eigenes. Sheharas Sonntagskleid musste herhalten, Kumari besitzt selbst kaum hübsche Kleidung. Auch ich wurde von der Matron angewiesen, mich schick zu machen, d.h. für den Dresscode: auf keinen Fall eine Hose, sondern einen Rock der mindestens die Knie bedeckt, und eine Bluse, die nicht eng anliegt, mit Aermeln mindestens bis zum Ellenbogen. So machten wir uns auf den Weg mit dem Tuk Tuk in die vierte Schule: Die Matron im Sari, ich in meinem Sack-Outfit und Kumari in ihrem gelb geblümten Kleid. Dort angekommen, folgten wir der  Direktorin in ihr Büro. Dabei passierten wir ein paar Klassenzimmer, in denen geistig behinderte Kinder aussahen, als hätten sie Spass an ihrem Unterricht und bastelten. Die Matron sah zufrieden aus und lächelte. Nun gut, nicht wirklich ungewöhnlich für Sri Lankis, aber auch ich hatte gleich ein gutes Gefühl.  Kumaris Geschichte wurde erneut erzählt...und dann der Durchbruch: Es gibt an dieser Schule eine Klasse und zwei Lehrerinnen, die sich ausschliesslich mit traumatisierten Kindern beschäftigen. Der Plan  dieser Schule lautet: Erst therapieren und dann können die Kinder auch wieder wie  normale Kinder lernen und sie könnten über kurz oder lang wieder oder in Kumaris Fall erstmals eine normale Schule besuchen.

Kumari könnte nach den Sommerferien auf diese Schule gehen. Nun besteht nur noch ein Problem und das ist finazieller Natur: Die Schule ist ziemlich weit weg und selbst hier in Sri Lanka, wo die Lebenshaltungskosten geringer sind als in Deutschland, wird tägliches TukTuk-Fahren zur Schule und zurück irgendwann teür.  Aber sicherlich wird sich hier bis nach den Ferien eine Lösung gefunden haben.

Mit zuversichlichen Grüssen und das nächste Mal mit einer erfreulichen Geschichte (versprochen!),

Eure Katja.

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